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Das kleine Gespenst

Symbolbild SN/photo by vinícius henrique on unsplash
Symbolbild

Salzburg erinnert mich an eine Geschichte, die sich vor fast 50 Jahren im Landeskrankenhaus Salzburg zugetragen hat. Es war zu Beginn der 1970er Jahre, ich wurde mit Bauchschmerzen und hohem Fieber ins Krankenhaus eingeliefert und wie bei vielen Kleinkindern wurde ein entzündeter Blinddarm diagnostiziert, der operativ entfernt werden sollte.

Das erste Mal allein auf mich gestellt - noch dazu in einem Krankenhaus - kam auf mich die erste Nacht zu, wobei mich dies mit Unbehagen erfüllte. War es dann ein Fieberschub und doch massives Heimweh, die mich kurzerhand nach Mitternacht den Plan schmieden ließen, das Krankenhaus zu verlassen und zu Fuß - mangels verfügbarer öffentlicher Transportmittel nach Mitternacht - den Heimweg anzutreten.

Schließlich fühlte ich mich bestens, die Bauchschmerzen schienen verflogen (allerdings schmerzmittelbedingt wie ich später erfuhr), also alles in allem kein Grund, die kommende Nacht oder gar weitere Nächte im Krankenhaus zu verbringen. Mein Zimmergenosse - vertieft in die Musik von Ö3 - hegte keinen weiteren Verdacht als ich das Zimmer verließ, schließlich sollte ein vorgetäuschter WC-Besuch ja nicht sonderlich auffallen.

Lediglich mit einem weißen Schlafkleid und ohne Schuhe ausgestattet, schlich ich den Gang entlang und erreichte die Tür nach draußen, die nach Durchschreiten sofort ins Schloss fiel und sich von außen auch nicht mehr öffnen ließ; damit war alles besiegelt und ich musste meinen Weg - ob ich wollte oder nicht - fortsetzen. Ich huschte siegessicher über einen Innenhof und erreichte nach ein paar Minuten den "Wachturm" (=Portierloge).

Die Portiere beim Haupteingang trauten wahrscheinlich ihren Augen nicht. Sie mussten wohl gedacht haben, Gespenster zu sehen; denn eine kleine weiße Gestalt wollte unter dem Schranken durchschlüpfen, das Krankenhausareal zielsicher verlassen und in die Finsternis der Nacht entfliehen.

Schließlich wurde ich dann doch vor dem Schranken, der das Krankenhaus von der Freiheit und meinem Heimweg trennte, von zwei starken Armen gefasst bzw. hochgehoben. Nach vielen telefonischen Anfragen auf diversen Stationen, wo den jemand abgängig wäre, wurde ich in mein Zimmer gebracht; nein, vielmehr eskortiert, denn kleine Gespenster wollen ja grundsätzlich frei sein.

Um nicht noch einmal auszubüxen, wurde ich an Händen und Füßen am Bett "fixiert", heute eine undenkbare Maßnahme, damals noch möglich. Am Folgetag war die erfolgreiche Operation und ich konnte bald wieder in häusliche Pflege entlassen werden.

Es ist alles schon lange her, aber sehr lebhaft in meiner Erinnerung geblieben, als ich mich wie ein kleines Gespenst vom Landeskrankenhaus nach Taxham auf den Heimweg machen wollte.

Peter Laimer

Diese Story wurde ursprünglich veröffentlicht auf www.story.one. Salzburg schreibt die besten Geschichten. Welche ist Ihre? www.story.one

Quelle: SN

Aufgerufen am 22.01.2021 um 05:42 auf https://www.sn.at/leserforum/leserspalte/salzburglove-das-kleine-gespenst-80576563

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