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Der Schatz

 SN/photo by roman kraft on unsplash

Judengasse 10 in Salzburg, vis-à-vis vom alten Höllbräu. Hier verbrachte mein Vater seine Jugendjahre, sozusagen die ersten 30 Jahre seines Lebens, bis er heiratete.
Damals wohnten in den Häusern der Salzburger Altstadt viele Familien. Die Kinder hatten ihre Spielplätze an den Schotterbänken der Salzach und am Mönchsberg, die Burschen spielten am Waagplatz Fußball und hatten ihre Freude daran, wenn nicht gerade eine Fensterscheibe zu Bruch ging. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es auch noch fast keine Autos in Salzburg. Trotz der Wirtschaftskrise war es eine gute behütete Kindheit für den Papa. Er kommt mit der Waagplatzbande sogar in dem Buch "Die Glockenspielkinder" von Josef Brettenthaler vor.

Mein Papa, meine Schwester und ich, wir besuchten als Kinder meist am Samstagvormittag die Judengassenoma. Das war in den 70er Jahren. Außen hatten sie bei den meisten Häusern noch Zugglocken, die mit einer Schnur nach oben gingen. Die Oma schaute vom Fenster herunter und freute sich immer sehr über unseren Besuch. Sie hat uns Kinder recht verwöhnt. Immer gab es eine Jause und niemand konnte den Speck so fein schneiden wie die Kopfoma. Die Altbauwohnungen waren damals sehr bescheiden. Die Stiegen und der Gang waren zwar aus Untersberger Marmor, aber Klo und Wasser hatten sie nur am Gang.

Jahre später, genauer gesagt, im Jahr 1978 geschah folgendes: Das ganze Haus Judengasse 10 wurde renoviert. Im Erdgeschoss, ehemals der Metzgerei Hofer, sind die Bauarbeiter bei Stemmarbeiten auf einen Hohlraum unter dem Estrich gestoßen. Was sie da entdeckten, war sensationell. Es waren Tongefäße, befüllt mit ganz vielen alte Silbermünzen. Die Gastarbeiter packten ein Nylonsackerl voll damit und liefen aufgeregt zum Juwelier Koppenwallner, dem sie die Münzen verkaufen wollten. Sie sagten auch noch: "Wie viel Du zahlen, wir haben noch viel mehr!" Der Juwelier hatte auf einem der Taler die Jahreszahl 1250 entdeckt. Er ging mit den Arbeitern mit zur Baustelle und ließ sich den Fund zeigen. Der Juwelier erkannte sofort den unschätzbaren Wert und verständigte die Polizei, die den ganzen Schatz sicher stellte. 28.000 Silbermünzen aus dem 13. Jahrhundert, neben Pfennigen aus Salzburg, Österreich und den benachbarten Münzstätten waren auch venezianische, serbische und französische Münzen, sowie Schmuck enthalten. Es war der umfangreichste mittelalterliche Münzfund in ganz Österreich. Ein Judenschatz. Wahrscheinlich mussten seine Besitzer damals fliehen? Oder sie haben ihr Geld aus einem anderen Grund vergraben, sicher in die Hoffnung, es wieder zu erlangen. Das hatte sich nicht erfüllt.

Damals war es auch eine Schlagzeile in den Salzburger Nachrichten. Der Fund wurde dann geschätzt und vom heutigen Salzburg Museum angekauft. Die Hälfte des Geldes ging an den Hauseigentümer, über die andere Hälfte durften sich die Gastarbeiter freuen.

Und mein Vater hatte dreißig Jahre lang so ungefähr sechs Meter über diesem wertvollen Schatz geschlafen!

Norbert Kopf

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