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Die Eiche

Symbolbild SN/photo by kevin young on unsplash
Symbolbild

Breitbeinig und keuchend, wenn's nicht bald geht, gleich wohl auch fluchend, ramme ich den Klappspaten in wurzelschonendem Abstand rings um das keine 30 Zentimeter hohe Gewächs wuchtig in den Boden. Am Zaun zur Nachbarwiese will ich die Eiche einpflanzen. Sie ist etwas ganz Besonderes, einen Eichenzwiesel habe ich nämlich noch nie gesehen. Das zähe Etwas hat sich verflucht fest in den steinigen Boden gekrallt. Endlich ein dumpfes Knacken, sie bewegt sich, sie ist losgerissen, ich kann sie mit einer Hand wie eine Trophäe aus der Erde von Nachbars Waldrand ziehen. Die Eiche liegt vollständig vor mir, mein Kreuz ist fast abgebrochen, der Klappspaten ganz.

Anderntags, der eichene siamesische Zwilling sitzt fest an seinem ausersehenen neuen Standort, liege ich ihm, zu dem dereinst stolz aufblicken zu dürfen ich hoffe, zu Füßen, um ihm auf Augenhöhe fotografisch zu begegnen.

Nach rund zehn Jahren lässt meine Mutter einen Gärtner kommen, da sie mit dem Üppigwuchs unserer Gehölze allein nicht mehr fertig wird und weist ihn an, dies und das und nein das nicht, das schon und so weiter, zu kürzen, zu roden oder bloß zu faconnieren.

Der Gärtner nähert sich dabei auch dem Standort meiner Zwieseleiche. Vorsicht rufe ich, da nicht! Doch schon hat seine Astschere mein Zwieselchen zum hundsordinären Einzelstammbaum kastriert. Ich bin stinksauer und den Tränen nahe. Zwiesel nix gut, meint er mit schrecklicher Selbstverständlichkeit, denn das hat er so gelernt.

Weitere zehn Jahre, so ungefähr jedenfalls, darf ich schon aufblicken über den schlanken Stamm in seine dichte, runde Krone. Im Herbst klaube ich die ersten Eicheln auf und ja, ich bin stolz auf meine selbst gepflanzte Eiche.

Jahr um Jahr wächst der Baum, den zu streicheln ich im Vorbeigehen nie unterlasse.

Dann, nach gut 30 Jahren, vom Pflanzjahr an gerechnet, am noch dunklen Morgen eines 6. Novembers, die meisten Bäume, meine Eiche sowieso, stehen noch im Laub, braust es fürchterlich übers Land. Ein früher Blizzard reißt an den Bäumen. Unheimlich wie es ringsum knackt und bricht und saust!

Als es dämmert, haben ein paar Hainbuchen und meine Eiche ihr Kronenhaupt tief gebeugt.

Mithilfe eines befreundeten Kletterers konnten die Hainbuchen gestutzt werden. An die Eiche aber ließ ich keine Säge.

Heute sind weitere fünf Jahre vergangen. Der Eichenstamm steht kerzengerade und treibt zarte Seitenzweige, während sich die Krone immer noch geknickt, aber vom Stamm getreulich versorgt jedes Jahr dichtes Blattwerk aufsetzt und reichlich Eicheln produziert. Wie könnte ich hier eingreifen! Und so muss und wird mein weit über Haushöhe gewachsener Überlebenskünstler in seiner Zerzaustheit auch weiterhin mein Lieblingsbaum im Garten bleiben. Wer wird wen überleben?

Gertrude Friese

Diese Story wurde ursprünglich veröffentlicht auf www.story.one. Salzburg schreibt die besten Geschichten. Welche ist Ihre? www.story.one

Quelle: SN

Aufgerufen am 29.09.2020 um 12:54 auf https://www.sn.at/leserforum/leserspalte/salzburglove-die-eiche-79849564

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