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Jause bei K.H. Waggerl

Symbolbild SN/photo by toa heftiba on unsplash
Symbolbild

Mein Onkel, Ing. Bruno Schöner war Architekt und lebte in St. Johann im Pongau. 1951 erhielt er den Auftrag, die Josef Mohr-Schule in Wagrain zu vergrößern, worauf er meinem Vater, dem Malermeister den Auftrag für sämtliche Anstreicherarbeiten erteilte.

Waggerl, dessen Haus in der Nähe dieser Schule, in der er bis vor Kurzem noch als Lehrer tätig war, stand, beriet den Architekten in etlichen Belangen und erzählte interessante Details aus der Geschichte der Schule und der danebenliegenden Kirche, in der Josef Mohr, der Dichter des berühmtesten Weihnachtsliedes, als Pfarrer gewirkt hatte. Die beiden Männer waren einander sofort sympathisch. Als mein Onkel erwähnte, dass sein Schwager, Malermeister Viktor Wigelbeyer, beinahe dasselbe Geburtsdatum (13. und 17. 12. 1897), wie der Dichter hätte, meinte dieser, dass er meinen Vater gerne persönlich kennen lernen würde, was später auch geschah.

Da die Umbauten an der Schule rasch vorangingen, beauftragte mich mein Vater, die Anstreicherarbeiten zu übernehmen. Ich fuhr also mit ihm samt Material nach Wagrain, wo mir mein Onkel bereits ein kleines Quartier im Zentrum des Ortes, bei der Witwe eines Schustermeisters vorbereitet hatte. Nach Besichtigung meiner zukünftigen Arbeitsstätte wurden wir von Herrn Waggerl in sein Haus eingeladen, in dem sich die beiden gleichaltrigen Männer köstlich unterhielten. K.H. Waggerl interessierte sich als Sportbegeisterter sofort über die Erfolge meines Vaters als Bobfahrer und erinnerte sich sogar an die Winterolympiade 1936 in Garmisch-Patenkirchen, wo der Vater als Lenker des Bobs "Österreich 1" mit drei gebrochenen Rippen am Rennen teilgenommen hatte.

Eines Tages, an dem ich auf einem Gerüst stehend, Fensterstöcke bearbeitete, hörte ich unter mir eine tiefe Stimme, die ich sofort erkannte. "Na, Malermeister, wie viele Stöcke hast Du denn noch?"

Unter mir stand Herr Waggerl, der mit seinem Dackel einen Spaziergang machte. "Wenn du fertig bist, kommst halt auf a späte Jaus'n zu uns hinüber. Du weist ja, wo ich wohne", sprach's, winkte mir noch freundlich zu und setzte seinen Weg fort.

Der Dichter war ein Mann, der sich mit den Menschen, die ihm begegneten, intensiv beschäftigte und nicht belanglose, oberflächliche Konversation führte. So auch bei mir, dem 18-jährigen Malergesellen, als ich mir die üppige Jause, die Frau Waggerl serviert hatte, schmecken ließ. Herr Waggerl erkundigte sich nach meinen Erlebnissen und meinte, dass man darüber ja schon einen Roman schreiben könnte. "Ich kenne einige Bücher von Ihnen Herr Waggerl", sagte ich stolz. "Mein Vater liest uns zu Weihnachten immer Geschichten aus Ihren Büchern vor. Er hat genau so eine tiefe Stimme wie Sie. Er dichtet auch, aber lang nicht so gut wie Sie!" Daraufhin verfiel der Dichter in lautes Lachen, in das auch seine Frau aus der Küche einstimmte. Etwas, was sie nur sehr selten tat, denn Frau Waggerl war im Ort als eher unzugänglich und kritisch bekannt ....

Helmut Wigelbeyer

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Quelle: SN

Aufgerufen am 28.01.2021 um 04:41 auf https://www.sn.at/leserforum/leserspalte/salzburglove-jause-bei-k-h-waggerl-80576464

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