Osterfestspiele Salzburg

Osterfestspiele 2014: "Arabella"

Die SN bringen bisherige frühere Premierenberichte, während die Osterfestspiele Salzburg die Aufzeichnungen von Opern der Vorjahr als Stream über ihre Webseite weltweit und kostenlos abrufbar machen. Aus "Arabella" von Richard Strauss zauberte Christian Thielemann Wunder an feinen Klangfinessen.

<strong>Schön ausschauen,</strong> schön singen, schön Platz nehmen: &#8222;Arabella&#8220; mit Renée Fleming zum Auftakt der Salzburger Osterfestspiele 2014. SN/osterfestspiele salzburg/monika forster
Schön ausschauen, schön singen, schön Platz nehmen: „Arabella“ mit Renée Fleming zum Auftakt der Salzburger Osterfestspiele 2014.

Man könnte die letzte Zusammenarbeit des Dichters Hugo von Hofmannsthal und des Komponisten Richard Strauss, die Oper "Arabella", uraufgeführt 1933 in Dresden, als eine Geschichte der Emanzipation lesen. Eine junge Frau, Tochter aus gutem, aber wegen der Spielsucht des Vaters verlotterten Haus, will zwar Stand und Etikette wahren, aber in der Wahl ihres Mannes autonom sein. Sie will warten, bis sie den "Richtigen" findet.

Liebe auf den ersten Blick erfasst Arabella, als sie den eleganten Großgrundbesitzerserben Mandryka sieht. Nun stehen sich mit einem Mal zwei ideal Liebende gegenüber. Dass dadurch nicht nur drei Freier, sondern auch der junge, gleichsam ideal unglücklich verliebte Matteo das Nachsehen haben, verschärft den Konflikt, der noch einmal zugespitzt wird durch eine unselige Intrige von Arabellas Schwester Zdenka, die aus Kostengründen in Männerkleidern aufwachsen muss.

Arabella also ist eine Frau voll Selbstbewusstsein und Selbstreflexion in Zeiten, in denen man Frauen noch ins Korsett schnürte. Die Verlobung am Ende wird von beiden Seiten nicht zu haben sein als Klischee von "Gebieter" und "Untertanin". Arabellas Schlussworte sind deutlich genug: "Ich kann nicht anders werden, nimm mich, wie ich bin!"

Daraus könnte eine Regie der Oper (die in Salzburg seit 1958 nicht mehr zu sehen war!) aufregendes Kapital schlagen. Florentine Klepper, die das Werk nun für die Salzburger Osterfestspiele in Koproduktion mit der Semperoper Dresden inszenierte, hat das zwar erkannt, aber leider nicht zur szenischen Anschauung gebracht. Auf der deutlich verkleinerten Bühne des Großen Festspielhauses, in kargen, doch stilvollen Räumen des Fin de Siècle (Martina Segna), sieht man Arrangement, das bis zur Unkenntlichkeit dezent zurückgenommen wirkt. Keine Spannung zwischen den Personen baut sich auf, auch wenn Details gut gesetzt scheinen. Eine surreale szenische Brechung ist auch nicht mehr als Dekor. In Erinnerung bleibt vielmehr eine Art singpraktisches Rampentheater ohne Flair und Atmosphäre.

So entfalten sich dann "Starsänger", wie sie's brauchen können. Renée Fleming gibt als Arabella naturgemäß kein junges Mädel mehr, sondern eine selbstsichere Dame, die der leichtlebigen Gesellschaft Adieu sagt. Sie nutzt das Porträt ihrer lang gereiften Signaturrolle mehr und mehr zu ästhetischer Verinnerlichung. Es wirkt, als würde sie den goldenen Leuchtkern ihres lyrisch ausschwingenden Soprans wie unter einem Glassturz behüten: edel und distinguiert.

Thomas Hampson wiederum agiert als Mandryka mit kräftiger Bühnenpräsenz und weitgehend klug eingeteilten Stimmreserven in einer Rolle, die eine weit gespannte Herausforderung ist. Das ist ein g'standenes Mannsbild mit viel Geld, das aber seine noblen Manieren nicht korrumpiert. Erfreulich ist dabei, wie viel "Stimme" der chevalereske Nobelbariton gerade in der Linienbildung wieder gewonnen hat, sodass er auf Manierismen wohltuend verzichten kann.

Eigentlich aber werden die renommierten Stars weit übertroffen durch die Jungen: Hanna-Elisabeth Müller liefert mit ihrer phänomenal leicht und locker ansprechenden, mit wunderbar charakteristischem Stimmsilber ausgestatteten, dabei fabelhaft glaubwürdig "geerdeten" Gestaltung von Arabellas Schwester Zdenka eine Debütsensation. Auch Daniel Behle macht mit seinem liedgeeichten, hellen, wendig-schwungvollen Tenor als Matteo fast vergessen, wie unbequem Strauss für die hohe Männerlage geschrieben hat. Daniela Fally trällert und tirilliert die Fiakermilli mit Bravour, und als Elternpaar sind Albert Dohmen und Gabriela Benackova zuverlässige Stützen eines generationenübergreifenden Ensembles.

Das Atout der Osterfestspiele ist indessen auch im zweiten Jahr die Sächsische Staatskapelle Dresden mit ihrem kleinteilig organisierenden, aber in allen Phasen des komplexen Klanggeschehens den souveränen Überblick bewahrenden Chefdirigenten Christian Thielemann. Auch heuer gelingt es ihm, ein Wunderwerk subtiler Klangideen zu entfalten. Man merkt in jedem Moment, wie vertraut sein meisterliches symphonisches Opernorchester mit Richard Strauss ist, der der "Kapelle" ja neun Uraufführungen anvertraute, darunter auch "Arabella". Lebendige Vergangenheit wird hier sozusagen aktive Gegenwart, ausgekostet in feinsten Farben, geschmeidigen Klangfinessen, klar akzentuierten, kaum je übersteuerten Operngesten. Wer ein solch atmendes Opernorchester - und einen solchen Dirigenten - hat, braucht eigentlich keine anderen Philharmoniker.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 11:20 auf https://www.sn.at/osterfestspiele-salzburg/osterfestspiele-2014-arabella-85907332

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