Osterfestspiele Salzburg

Osterfestspiele Salzburg: Mit Leipziger Orchester beginnt eine neue Epoche

Andris Nelsons, das Gewandhausorchester und Tanzprojekte prägen 2023 das Salzburger Festival.

Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester Leipzig 2023 in Salzburg. SN/gerd mothes
Andris Nelsons dirigiert das Gewandhausorchester Leipzig 2023 in Salzburg.

Am 1. April 2023 bricht bei den Osterfestspielen Salzburg eine neue Ära an: Auf Dresden folgt Leipzig. Das Gewandhausorchester unter Chefdirigent Andris Nelsons wird 2023 die erste Residenz in der Geschichte des Festivals bestreiten. Der Dirigent wird unter anderem Richard Wagners "Tannhäuser" mit einer Spitzen-Sängerbesetzung zur Aufführung bringen: Jonas Kaufmann ist erstmals in der Titelrolle zu erleben, auch Marlis Petersen - als Elisabeth - und Elīna Garanča - als Venus - feiern Rollendebüts. Das gab Intendant Nikolaus Bachler am Donnerstag in München bekannt.

Als drittes Orchester nach den Berliner Philharmonikern und der Staatskapelle Dresden werden die Leipziger einen kompletten zehntägigen Osterfestspiel-Zyklus prägen. 1990 sei das Orchester schon einmal eingesprungen, erinnert sich Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Denn Festivalgründer Herbert von Karajan hatte 1989 kurz vor seinem Tod die Berliner Philharmoniker abgesetzt und das Gewandhausorchester gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern als Nachfolger eingesetzt. Die "Leipziger" spielten "Fidelio" und Bachs Matthäuspassion, 1991 kehrten die Berliner Philharmoniker als Festivalorchester zurück.

Ein weiterer musikhistorischer Kreis, wenn man so will, schließt sich mit dem Wechsel von Christian Thielemann als künstlerischer Zentralfigur zu Andris Nelsons. 2016 hat Andris Nelsons das Dirigat des "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen zurückgelegt, der Grund dafür sollen Einmischungen des damaligen musikalischen Direktors Christian Thielemann gewesen sein. Nun dirigiert Andris Nelsons in Salzburg eine große Oper Richard Wagners. Eine späte Rache? "Nein", sagt Andris Nelsons im SN-Gespräch. "Ich bewundere Christian Thielemann als großen Dirigenten und habe ihn auch nach Leipzig eingeladen." Zum "Tannhäuser" habe er eine enge Beziehung, erzählt der lettische Dirigent. Als Fünfjähriger erlebte er eine Aufführung in Riga, "damals entstand meine Liebe zu Wagner".

Romeo Castellucci verantwortet Regie und Ausstattung der Neuproduktion, deren exquisite Besetzung von Christian Gerhaher und Georg Zeppenfeld komplettiert wird. Beide waren bereits 2017 in Castelluccis Münchner "Tannhäuser"-Inszenierung zu hören. Sein damaliges Konzept werde der italienische Gesamtkünstler für Salzburg gründlich überarbeiten, versicherte Nikolaus Bachler. Der Festivalchef präsentierte für seine erste Saison als künstlerischer Leiter neben dem System eines jährlich wechselnden Residenzorchesters weitere Neuerungen. So wird die Opernproduktion drei statt bislang zwei Mal zu sehen sein, Andris Nelsons wiederum als erster Dirigent seit Herbert von Karajan neben der Oper alle drei Orchesterkonzerte dirigieren. Neben Bruckners Siebter, die in Leipzig 1884 uraufgeführt wurde, Schumanns Zweiter und dem Brahms-Requiem steht auch Sofia Gubaidulinas "Der Zorn Gottes" auf dem Programm. Das Auftragswerk der Osterfestspiele hätte bereits 2020 Uraufführung feiern sollen, wurde nach der coronabedingten Absage aber bei "Wien modern" aus der Taufe gehoben. Die gebürtige Russin arbeitet als "Gewandhauskomponistin" eng mit dem Leipziger Orchester zusammen, also ist das Werk 2023 in Salzburg zu hören.

In Summe bedeutet das für den vielbeschäftigten Dirigenten neun Einsätze in zehn Tagen. Ähnlich konzentriert sollen die Osterfestspiele auch für das Publikum sein, erhofft sich Nikolaus Bachler. Dafür erweitert er das Programm um die Tanzsparte: Der israelische Choreograf Emanuel Gat erarbeitet mit seiner Compagnie ein neues Tanzstück namens "Träume", das thematisch Wagners "Wesendonck"-Lieder mit Texten des Komponisten verbindet. "Die Atmosphäre der Felsenreitschule ist sehr speziell", schwärmt Emanuel Gat.

Tanzbar dürfte auch die Zusammenarbeit junger Leipziger Orchestermusiker mit der Techno-Ikone Westbam sein, als Material für Remixes dient wiederum die Musik Richard Wagners. Dass der deutsche Produzent und DJ einst wenige Meter von der Felsenreitschule entfernt den legendären "Cave Club" zum Beben brachte, dürfte den wenigsten Osterfestspiel-Besuchern bekannt sein. "Es ist der Beginn einer Beschäftigung der Osterfestspiele mit elektronischer Musik", kündigte Nikolaus Bachler an.

Um das internationale Festival einem jüngeren, lokalen Publikum schmackhaft zu machen, wird zudem ein günstiges "Abo to go" für eine Opernaufführung, ein Orchesterkonzert und das Tanzstück aufgelegt. "Das kann man nicht online, sondern nur in Salzburg erwerben", sagt der Intendant.

Für die Osterfestspiele 2022, die vorerst letztmals Christian Thielemann mit der Staatskapelle Dresden gestaltet, sind aktuell 66 Prozent der Karten verkauft. Als Gastdirigent leitet Tugan Sokhiev die "Leningrader" Symphonie von Dmitri Schostakowitsch. Am russischen Dirigenten, der im Zuge des Ukraine-Kriegs kürzlich die Leitung des Bolschoi-Theaters und seines Orchesters in Toulouse zurücklegte, hält Nikolaus Bachler fest: "Ich halte eine Hexenjagd auf russische Künstler für fatal." Auch ein Engagement von Anna Netrebko bei den Osterfestspielen schließt der Intendant dezidiert nicht aus.

An der Isar wurden nach der Kündigung des putinnahen Chefdirigenten Valery Gergiev bereits Einspringer für die kommenden Konzerte der Münchner Philharmoniker gefunden. Einer davon heißt Andris Nelsons.

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