Osterfestspiele Salzburg

Osterfestspiele: Wenn Tosca nicht gut genug zusticht

Puccinis "Tosca" wartet im Breitwandformat des Großen Festspielhauses mit einigen absonderlichen Regie-Ideen auf.

Eigentlich, so könnte man meinen, kann in dieser Oper nichts schiefgehen. Sie zählt zum beliebtesten Kernbestand des Repertoires, ist sie doch ein perfekt gebauter Thriller an historisch genau definierten Schauplätzen in Rom: der Kirche Sant´ Andrea della Valle, wo der Maler Mario Cavaradossi einen Politflüchtling schützt und dadurch selbst in die Fänge des Überwachungsstaats gerät, dem Palazzo Farnese, in dem Polizeichef Scarpia seine Willkürherrschaft mit zynischen Schikanen und brutalen Foltermethoden auslebt und wo er sich Cavaradossis Geliebte, die berühmte Sängerin Floria Tosca, gefügig machen will - was mit dem vielleicht berühmtesten Messerstich der Operngeschichte endet. Tosca erdolcht ihren Peiniger, vor dem "ganz Rom gezittert" hat. Und doch geht dann über der Engelsburg - dritter Schauplatz - nicht die Sonne auf, sondern, auf eine Scheinerschießung vorbereitet, Cavaradossi in echten Gewehrsalven unter. Darauf folgt das ikonographische Finale: Toscas Sprung von besagtem Bauwerk.

Das alles kennt man, aufgeladen durch Puccinis dramatisch packende Musik, die den Protagonisten glanzvolle Entfaltungsmöglichkeiten, den Chören wirkungsvolle Tableaus und den Chargen scharfe Profile sichert. Nicht umsonst ist "Tosca" in der Wiener Staatsoper die fixeste Repertoire-Konstante in der legendären, seit 1958 ununterbrochen tradierten Inszenierung Margarethe Wallmanns.

Schießerei in der Tiefgarage

Für die Osterfestspiele Salzburg hat jetzt Regisseur Michael Sturminger eine neue Sicht hergestellt. Es beginnt mit einer wilden Schießerei in der Tiefgarage unter der Kirche, in die dann der entkommene Ex-Konsul Angelotti flieht. Renate Martin und Andreas Donhauser haben sich an den Originalschauplatz gehalten, allerdings sind die Säulen wie von Geisterhand beweglich, um engere Räume zu schaffen, und der Maler malt kein Altarbild, sondern friemelt irgend etwas an einer zentral platzierten überdimensionalen Statue herum. In seltsam verlangsamtem Wiegeschritt zieht schließlich die Prozession zum Te Deum wie in einer unwirklich stockenden Slow Motion-Bewegung im Bühnenhintergrund vorbei.

Im Palazzo Farnese sieht man ebenfalls die Anmutung des Originalen, freilich hat sich Scarpia darin ein wenig modern und heutig eingerichtet. Am Anfang des 2. Akts ertüchtigt er sich auf einem Hometrainer. Im Grunde bleibt da aber alles wie gewohnt, inklusive Messerstich. Den aber setzt Tosca offensichtlich nicht präzise genug: in den Bauch statt ins Herz. Weshalb Scarpia - und da geht nun "Tosca" doch etwas anders, kinomäßiger weiter - schwer verwundet überlebt und zum Finale höchstselbst auf dem Dach nicht der Engelsburg, sondern eines katholischen Knabeninternats mit der schwach aufflackernden Leuchtschrift "Il Divo" erscheint. Dort haben zuvor nicht Soldaten, sondern ausgewählte junge Zöglinge die Schüsse auf Cavaradossi abgefeuert. Jetzt zückt Tosca ihrerseits die Pistole und knallt Scarpia ab, der im Gegenschuss die Sängerin trifft: kein Sprung, aber The End.

Die Weltklasse von Anja Harteros

Solcher erfundener Schnickschnack tut indes nichts weiter zur Sache, wirft kein neues Licht auf den robusten Opernthriller und auch nicht auf die Figuren, die sich an ihren Gesangskünsten schadlos halten können. Wer eine so großartige, tolle Sängerin (und Singdarstellerin) wie Anja Harteros als Tosca aufbieten kann, hat ohnedies Weltklasse gebucht. Schon in ihrem ersten Auftritt in der Kirche, flirtend, liebend, eifersüchtig, kess bis zickig, kehrt sie ihre schillernde Künstlerinnennatur mit fabelhaft abgestimmten, blitzartig umschaltbaren unterschiedlichen Tonfällen und -färbungen eines schier grenzenlos flexiblen Soprans hervor. Immer intensiver, dichter, anrührender werden diese Farben und Vokalmixturen, um in der zentralen Arie "Vissi d´arte" den Kernpunkt zu erreichen. Hier liegt die menschliche Seele bloß. Anja Harteros, so darf man konstatieren, inszeniert sich phänomenal und unbeirrbar am besten selbst.
Ihr Cavaradossi wirkt aus der mächtigen Tenorkehle von Aleksandrs Antonenko wie ein in sich ruhender Fels. Nie muss man sich um die Gesundheit dieser Stimme Sorgen machen - was andererseits aber auch zu einem psychologisch allzu flächigen Eindruck führt. Und auch Ludovic Tezier als Scarpia erscheint mit seinem nobel-samtigen, nicht allzu expansiven Bariton etwas zu harmlos für das, was er ist und was er darstellen sollte: die Bestie im Anzug eines gefährlich charmanten Gentleman.

Thielemanns dritte Italien-Reise

Zum dritten Mal in seiner nun sechsjährigen Amtszeit als künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg widmet sich Christian Thielemann einer italienischen Oper. Er tut es mit akribischer Genauigkeit und bewahrt Puccinis geniale Partitur so vor der Falle, in die viele "Tosca"-Aufführungen zu geraten drohen. Thielemann macht mit unbestechlichem, souveränem handwerklichen Können Oper und nicht Soundtrack, also untermalende Filmmusik. Gelegentlich, vor allem in den Kleinteiligkeiten des 1. Akts, gerät das, formidabel in den Edelklang der Sächsischen Staatskapelle gebettet, allzu pingelig, kommt auch etwas schwerfällig in Fahrt, aber nach der Pause ist es umso gewichtiger da: das packende, mitreißende, klar fokussierte Musikdrama, das sich auch durch die geschilderten absonderlichen Regie-Ideen nicht von seiner eigenen und eigentlichen Mission abhalten lässt.

Am Ende das obligate Bild: Die Premierengäste bejubelten Sängerinnen und Sänger und die auf die Bühne geholte Staatskapelle und murrten doch vernehmlich ein wenig über das, was auf der Bühne zu sehen war. Unterm Strich ist das jedoch keiner weiteren Aufregung wert.

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