Am Anfang ist jedes Kind ein Königskind

Ob sich die Briten wie Kinder über ihre schwangere Kate freuen oder ob die alleinstehende Mutter ihr Kind in Sorge um die Zukunft auf die Welt bringt - am Anfang, bei der Geburt, sind alle Menschen gleich.

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Panorama Josef Bruckmoser


Man muss die Briten nicht immer mögen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Aber zu beneiden sind sie in diesen Tagen schon. Die kindliche Freude darüber, dass ihre Kate nach mehr als einem Jahr Ehestand endlich schwanger ist, haben die Briten uns voraus. Ein Kind wird, so ist es der werdenden Familie von Herzen zu wünschen, geboren werden. Es wird der Thronfolger oder die Thronfolgerin sein. Und die Freude wird groß sein im ganzen Land und darüber hinaus. Wenn das nicht ganz und gar Weihnachten ist!

Das Schöne daran ist aber, dass es diese überschwängliche Freude nicht nur bei der Geburt von Königskindern gibt. Es ist - beinahe - jede Geburt eine große Freude. Da spielen alle anderen Faktoren noch nicht mit, die später im Leben so übermächtig werden können: Ob dieses Kind in eine bürgerlich-wohlhabende Schicht hineingeboren wurde und damit sein Weg von der qualitätsvollen Kinderbetreuung über das Gymnasium und die Universität zu einem einträglichen Beruf vorgezeichnet ist. Oder ob dieses Kind das dritte einer alleinerziehenden Mutter in Salzburg ist, die bei minus zehn Grad Mitte Dezember ihre Wohnung nicht heizen kann.

Ganz am Anfang, unmittelbar nach der Geburt, sind alle Kinder gleich. Gleich nackt und gleich bloß, gleich begabt und gleich offen, gleich erwartungsvoll und gleich voller Staunen. Wer ein solches Neugeborenes in Händen halten darf, der spürt in jedem seiner Blicke, in jeder seiner Bewegungen dieses unendliche Erstaunen über das Wunder des Geboren-worden-Seins, das Wunder: Ich bin auf der Welt.


Ganz am Anfang, bei der Geburt, ist jedes Kind ein Königskind. Da leuchtet das Urbild dessen auf, was am 10. Dezember 1948 im ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten wurde: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen."

Freilich kommt nicht jedes Kind als Thronfolger oder Thronfolgerin auf die Welt. Davon gibt es immer weniger, und das ist gut so. Wahr ist aber auch, dass kein Kind als Versager auf die Welt kommt, als geborener Verbrecher oder Terrorist. Es gibt nur Menschen, die dazu gemacht werden, die in einen Sog hineingeraten, aus dem sie sich nicht mehr befreien können.

Die Euphorie der Genforschung ist längst vorbei, in der man meinte, alles aus der Vererbung erklären zu können. Die höhere Intelligenz aus dem Intelligenz-Gen, das Böse aus dem Verbrecher-Gen, die Nächstenliebe aus dem Altruismus-Gen. Heute wissen wir aus der Epigenetik, dass Gene an- und abgeschaltet werden und dass daher die Umwelt eine große Rolle spielt.

Wenn bei einem Ungeborenen das Downsyndrom diagnostiziert wird, dann ist damit bei Weitem noch nicht sein Schicksal besiegelt. Die Umwelt kann diesem Leben einen negativen oder positiven Stempel aufdrücken. Wenn die Eltern von Anfang an die Auskunft bekommen, dass ihr Kind geistig behindert sein werde, dann tut das seine Wirkung. Dann leben die Eltern, wenn sie das Kind annehmen, tagtäglich in Sorge um seine Zukunft. Das frisst sich in die Seele des Kleinen: Mit mir ist etwas nicht in Ordnung! Und die medizinische Prognose wird zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Umwelt hat sich ihr Bild von diesem Kind gemacht. Das war’s dann.

Hätten die Eltern am Anfang die Information bekommen, ihr Kind hat Trisomie 21, aber es kann trotzdem sehr viel lernen und lange leben, dann wäre dieses positive Bild wirkmächtig geworden. Dann hätten sich die Eltern nicht wegen der "geistigen Behinderung" gesorgt, sondern sie hätten jeden Tag neu die Fähigkeiten und Potenziale in ihrem Kind gesehen und gefördert.

Am Anfang, bei der Geburt, gilt das Wort von Karl Popper (1902-1994): "Die Zukunft ist offen." Doch diese Perspektive kann sich dramatisch einengen, wenn der Mainstream an die Stelle der Individualität tritt. Wenn die vermeintlichen Wahr-Sager über das Denken und Handeln herrschen. Wenn die politisch Korrekten und die blind Fortschrittsgläubigen den Ton angeben.

Im Moment sitzt der heilsame Schock darüber tief, dass Politik und Gesellschaft den sogenannten Experten gefolgt sind, dass die große Mehrheit den Rattenfängern des Zeitgeistes auf den Leim gegangen ist. Jetzt kleben alle fest, weil sie es zur rechten Zeit versäumt haben, den aufrechten Gang zu pflegen. Dabei war es oft nicht einmal so sehr die Gier, sondern schlicht und einfach die Angst, nicht mehr dazuzugehören.

Wer in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht mit den Wölfen geheult und mit den Zockern spekuliert hat, der sah sich rasch in der Rolle des Sonderlings, der nicht rechtzeitig auf den Zug der Zeit aufgesprungen ist. Auf einen Zug, der die einen in rasendem Tempo nach oben gebracht und die anderen immer weiter zurückgelassen hat. So lange, bis die Basis des sozialen Zusammenhalts verloren war.

Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt, sich auf diesen Anfang zu besinnen. Heißt es doch in der Bibel: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen." Das zielt gewiss auf die offenen, staunenden Augen der Neugeborenen. Aber weiter gedacht spricht diese biblische Weisheit die radikale Gleichheit aller Menschen an. Ihr seid so gleich und müsst wieder so gleich werden, wie alle Kinder sind. Am Anfang.

An diesem Maßstab führt kein gerechtes Leben vorbei. Da ist dann die Frage rasch beantwortet, die oft so scheinheilig gestellt wird: Was ein gerechter Lohn sei? Der Lohn jener dreifachen Mutter, die an den Salzburger Dompfarrer einen Bittbrief geschrieben hat, damit sie zu Weihnachten einheizen kann, ist jedenfalls nicht gerecht. Wenn im reichen Österreich nur ein Kind frieren muss, dann ist zu viel Geld bei zu wenigen angehäuft, dann wurde die Gleichheit von Geburt wegen mit Füßen getreten.

Weihnachten sagt uns, dass am Anfang jedes Kind gleich nackt und gleich bloß ist - egal, ob es auf Stroh gebettet ist oder wie ein "echtes" Königskind in Seide gehüllt.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 09:45 auf https://www.sn.at/panorama/am-anfang-ist-jedes-kind-ein-koenigskind-5403970

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