Auch im Internet darf nachgedacht werden

Wenn wir das Internet sinnvoll nutzen wollen, müssen wir auch dort alles kritisch hinterfragen. Das gilt gerade im Wahlkampf.

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Panorama Marian Smetana

Soziale Medien sind die Stammtische unserer Zeit. Vieles wird dort erzählt, manches wird aufgebauscht, einiges erfunden. Überprüft wird selten.

Es ist paradox, aber das Internet zeigt uns mit einer Fülle an Informationen die Komplexität der Welt und hat das Potenzial, das simple Schwarz-Weiß-Denken aufzubrechen. Gleichzeitig werden in Zeiten der Informationsflut - aus Bequemlichkeit, aus Misstrauen und zum Zwecke des Selbstschutzes - einfache Weltbilder gesucht. Auch dabei hilft das Internet.

Mit wenigen Klicks kann sich jeder auf Plattformen wie Facebook seinen eigenen Echoraum zurechtzimmern. Dort bekommt man Leseempfehlungen aufgrund des Leseverhaltens. Das mag in anderen Lebenslagen hilfreich sein, für eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen ist das eine Katastrophe.

In sozialen Medien lesen viele, was ihnen gefällt, was sie sich schon immer gedacht haben, ihre Wahrheit. Die wenigsten fragen sich: Stimmt das alles? Es scheint, als würden die Leute Nachrichten glauben, sobald sie im Netz veröffentlicht wurden - und das in einer Zeit, in der jeder etwas veröffentlichen kann, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen. Im Gegenzug spricht man den etablierten Medien die Glaubwürdigkeit ab. Dubiosen Plattformen und Blogs, die ohne Angaben von Quellen und Autorennamen "Nachrichten" verbreiten, glaubt man hingegen.

Echoräume sind gefährlich, sie können radikalisieren, sie können Wahlen entscheiden. Man weiß, dass vor allem politische Bewegungen Plattformen wie Facebook instrumentalisieren. Falsche Profile werden angelegt, Likes gekauft, falsche Nachrichten verbreitet. Facebook ist ein gewinnorientiertes Unternehmen und kein Verein für politische Bildung.

Und trotzdem glauben viele, was sie dort lesen.
3,7 Millionen Österreicher sind auf der Plattform des US-Konzerns aktiv, jeder zweite zieht laut einer Studie Facebook als Informationsquelle für Nachrichten heran. Das ist eine Gefahr für die Demokratie.

Die gute Nachricht: Jeder kann das ändern, auch mit wenigen Mausklicks. Die Diagnose, dass wir von einem US-Konzern gesteuert werden, ist zu einfach. Kritische Medien brauchen vor allem eines: kritische Leser. Das ist auch im Internet so. Es bildet die Welt in ihrer Komplexität ab. Damit müssen wir zurechtkommen, wenn wir das Netz sinnvoll als Informa tionsquelle nutzen wollen. Dafür müssen wir auch unseren Echoraum und soziale Netzwerke verlassen. Ob es uns gefällt oder nicht.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 07:38 auf https://www.sn.at/panorama/auch-im-internet-darf-nachgedacht-werden-848965

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