Das Erhellende kommt von unten

Österreich ist keine Insel der Seligen mehr. Aber alles in allem dürfen wir frohe Weihnachten 2016 feiern. Dazu haben viele, viele beigetragen.

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Panorama Josef Bruckmoser

Michael Landau stellte den Österreicherinnen und Österreichern in einem SN-Interview ein gutes Jahreszeugnis 2016 aus. Der Caritas-Präsident sagte, er sehe an den Rändern der Gesellschaft, wie viel Veränderung zum Guten möglich und wie viel gesellschaftliches Engagement da sei, oft im Verborgenen. Der Grundwasserspiegel der Nächstenliebe sei sehr hoch.

Auch die jüngste ORF-Umfrage über die "Generation What?" passt in dieses Bild. Nahezu jeder dritte Jugendliche ist in einer Hilfsorganisation engagiert. 81 Prozent halten Solidarität für einen hohen Wert. 82 Prozent sagen, dass Liebe mit Treue einhergehe. Gleichzeitig gaben allerdings 83 Prozent zu Protokoll, dass die Ungleichheit im Land immer größer wird. 88 Prozent haben kein Vertrauen in die Politik.

Ja, da geht ein Riss durchs Land. Zwischen oben und unten. Zwischen einer politischen Klasse, die in ihrer Echokammer die Tuchfühlung mit der Basis verloren hat. Und Menschen, die Angst haben vor Terror und sozialen Unruhen, die aber gerade deshalb den gesellschaft lichen Zusammenhalt suchen.

Eine Mehrheit der jungen Menschen, so sagt die deutsche Sinus-Studie 2016, hält Freiheit, Aufklärung, Toleranz und soziale Werte für wichtig. Nur diese garantieren das "gute Leben" in einer Demokratie. Die Akzeptanz von Vielfalt und religiöser Toleranz steigt. Die Mehrheit will Asylsuchende aufnehmen.

Dass es daneben einen geringeren Anteil - auch - bei den Jugend lichen gibt, die Ressentiments hegen und Menschen anderer nationaler Herkunft oder soziale Randgruppen ausgrenzen, liegt in der menschlichen Natur. Das Böse, die ständige Gefährdung des Humanen, steckt tief in der Seele drinnen.

Es liegt an jedem Einzelnen, aber auch am gesellschaftlichen Klima insgesamt, das wir alle aktiv oder passiv mitgestalten, ob die Verachtung anderer Menschen gezähmt oder geweckt wird. Eine Frau, die das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat, sagte, man dürfe Menschen nicht in unmenschliche Situationen bringen. Denn dann, so lehrt es die Geschichte, bricht sich die Grausamkeit Bahn. Niemand ist dagegen gefeit, zum Mitläufer oder gar Mittäter zu werden. Da verbietet sich jede Attitüde moralischer Überlegenheit. Solcher Hochmut kommt vor dem Fall.

Es ist notwendig, "denen da oben" mit kritischen Einwürfen zu widersprechen, wenn sie mehr nach ihrem Vorteil bei der nächsten Wahl schielen, als auf das Gemeinwohl achten. Es ist notwendig, bei gesellschaftlichen Fehlentwicklungen klar Stellung zu beziehen, dem Zusammenhalt das Wort zu reden und die unantastbare Würde jedes Menschen einzumahnen.

Das alles darf aber kein Alibi für eigene Untätigkeit sein, wenn es darauf ankommt, den Worten Taten folgen zu lassen. Das Gemeinsame, das Vorwärtsschauende, das Erhellende wächst von unten. Es geschieht durch uns selbst oder gar nicht. Erfreulicherweise dürfen wir sagen: Es ist heuer vielfach geschehen. Hundertfach und tausendfach. Viele, sehr viele haben Licht ins Dunkel gebracht und das Leben der nahen und fernen Nächsten erhellt.

Als Johannes der Täufer seine Jünger zu Jesus schickte, um ihn zu fragen, ob er der Messias sei, war die Antwort: "Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet." Das war nicht die politische Revolution gegen die römischen Besatzer, die damals viele von einem Messias erwartet haben. Es war eine Graswurzelbewegung des Guten, die Jesus unmissverständlich definiert hat: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Diese Solidarität erweist sich abseits der großen Machtzentren. So wie der Salzburger Künstler auf unserem Weihnachtsbild die Krippe ganz klein, aber in einem wärmenden Licht gezeichnet hat vor der mächtig aufragenden Festung Hohensalzburg im Hintergrund. Dieses Licht geht von Maria und Josef aus, die nichts "von denen da oben" zu erwarten hatten. Sie haben sich aber nicht defätistisch in dieses Schicksal gefügt, sondern zusammengehalten. Sie haben dieses junge Leben in Windeln gewickelt und beschützt - bis hin zur Flucht.

Weihnachten 2016, das sind auch die menschlichen Abgründe von Aleppo und Berlin. Die Friedensbotschaft von Bethlehem hebt diese Ausgeburt von politisch-ideologischer Verblendung, rücksichtslosem Machtstreben und religiösem Fanatismus nicht auf. Aber sie ist Jahr für Jahr die hoffnungsfrohe Erzählung, dass Neues wachsen kann, selbst wenn es nur zwei Menschen sind, die daran glauben und den Mächten und Gewalten trotzen.



Aufgerufen am 16.11.2018 um 05:26 auf https://www.sn.at/panorama/das-erhellende-kommt-von-unten-582247

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