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Die Uni gehört längst den Frauen

Seit mehr als 30 Jahren sind mehr Studentinnen als Studenten an den Unis eingeschrieben. Gleichberechtigung herrscht dennoch keine.

Die Uni gehört längst den Frauen SN/pathdoc - Fotolia

Weiblich, 23 Jahre alt, Jusstudentin. So sieht der Statistik zufolge der typische Universitätsstudent im Jahr 2016 aus. Auf Anna B. treffen all diese Kriterien zu. Die gebürtige Salzburgerin lacht ein wenig verlegen, als sie das erfährt. Wer will sich schon als typisch bezeichnen lassen.

Hätte B. vor hundert Jahren studiert, wäre sie ohnehin Pionierin gewesen. Ihre Büste befände sich - wie die von Elise Richter und sechs anderen Wissenschafterinnen - vielleicht heute im Arkadenhof der Universität Wien. Richter musste hart dafür kämpfen, 1905 als erste Frau zu habilitieren und später zur ersten (außerordentlichen) Professorin der Uni ernannt zu werden. Zwei Mal gelang es Burschenschaften mit Protesten, die Verteidigung ihrer Habilitationsschrift zu verhindern. Auch anderen Frauen erging es nicht besser. Der späteren Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin Käthe Leichter blieb nichts anderes übrig, als 1914 beim Reichsgericht zu klagen, um ihr Studium der Staatswissenschaften an der juridischen Fakultät beginnen zu können. Diese sei eine der größten Männerbastionen gewesen, erzählt die Historikerin Gabriella Hauch. Die erste Frau, die an der Uni Wien promovierte, war Gabriele Possanner von Ehrenthal. Sie musste dafür ihr Medizinstudium, das sie in der Schweiz absolviert hatte, in Wien wiederholen. "Die Matura stand ohnehin Mädchen in Wien erst seit 1892 offen - und das nur am Privatgymnasium. Studieren konnten nur besonders zielstrebige Frauen aus reichem Haus", sagt Hauch.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Bildungsstatistiken belegen sogar, dass mittlerweile mehr Mädchen die Matura (58 Prozent) und in Folge auch den Sprung an die Uni schaffen als Burschen. Bereits 1984 verzeichneten die Unis mehr Studentinnen als Studenten. Aktuell sind 52,6 Prozent aller Studierenden weiblich. Allerdings variiert der Frauenanteil je nach Uni und Studienrichtung stark. So verzeichnet die Veterinärmedizinische Universität mit 78,5 Prozent den größten Frauenanteil, die Montanuni Leoben mit 23,1 Prozent den kleinsten. Gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Graz hat die Montanuni deshalb sogar ein eigenes Forschungsprojekt gestartet. "Gemeinsam gehen wir in Schulen, um Mädchen und ihren Lehrern die Scheu vor den naturwissenschaftlichen Fächern zu nehmen", sagt Uni-Sprecher Erhard Skupa.

Bildungspsychologin Christiane Spiel bezweifelt, dass solche Aktionen viel bewirken, solange sich die dahinterliegenden Geschlechterstereotype nicht ändern. "Mädchen wird bewusst oder unbewusst von ihren Eltern und Lehrern klargemacht, dass sie nicht so begabt wären, aber dafür mit Fleiß vieles wettmachen könnten. Umgekehrt wird Knaben vermittelt, dass sie durchaus begabter, aber fauler als Mädchen sind", sagt sie. Das führe dazu, dass sich Mädchen in der Schule intuitiv mehr bemühten, während Burschen - insbesondere in der Pubertät - alles dafür täten, um ja nicht als Streber abgestempelt zu werden. Dazu komme, dass von Burschen ein höheres mathematisches und naturwissenschaftliches Verständnis erwartet werde, während man Mädchen traditionell mehr die geisteswissenschaftlichen und sprachlichen Fächer zuschreibe. "Sogar Lehramtsstudenten, die noch nie unterrichtet haben, denken in diesen Stereotypen", sagt Spiel, die mit ihrem Team Studien zu dieser Thematik durchführt.

Nicht nur unter den Studenten haben Frauen die Nase vorn, auch unter den Absolventen. 55,7 Prozent von ihnen sind weiblich. Nach dem Magister- oder Masterabschluss ist für viele dann jedoch Schluss. Nur noch 40,6 Prozent des künstlerischen und wissenschaftlichen Personals sind Frauen. Unter den Professoren liegt der Frauenanteil überhaupt nur mehr bei 22,6 Prozent. 558 der insgesamt 2468 Professuren werden von einer Frau bekleidet. Anneliese Legat, die Vorsitzende des Zentralausschusses für die Universitätslehrer/-innen, macht die Personalstruktur an den Unis dafür verantwortlich. Seit der Ausgliederung der Universitäten 2004 bekämen Jungwissenschafter meist nur mehr befristete Verträge. "Damit wollte man die Durchlässigkeit erhöhen, hat aber nicht bedacht, dass die ständige Unsicherheit eine Wissenschaftskarriere für Frauen nur schwer möglich macht", kritisiert Legat. Ein Familienleben sei damit kaum vereinbar.

Auch das neue Uni-Gesetz verbessere die Situation nur wenig. Es sieht vor, aus Jungwissenschaftern, die eine gewisse Laufbahn durchlaufen haben (Tenure Track), automatisch zu "assoziierten Professoren" zu machen. "In den nächsten Jahren gehen viele Lektoren und Professoren in Pension. Ich befürchte in Zukunft einen Mangel an qualifiziertem Personal", sagt Legat.

Die Technische Universität (TU) Wien hat einen eigenwilligen Weg zur Frauenförderung gewählt. Sie schrieb einen Wettbewerb um vier Professuren aus, die ausschließlich mit Frauen besetzt wurden. "Wir haben acht Fakultäten gebeten, uns ihre Gleichstellungskonzepte vorzulegen. Sie sollten das gesamte Umfeld betreffen, also auch die damit verbundenen Stellen von Jungwissenschaftern", sagt die für Personal und Gender-Angelegenheiten zuständige Vizerektorin Andrea Steiger. Als "Sieger" gingen die Fakultäten Bauingenieurwesen, Technische Chemie, Informatik sowie Maschinenwesen hervor.

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