Panorama

Forschen kann kinderleicht sein

15 Jahre Kinderuni. Wo Sieben- bis Zwölfjährige im Labor Gummibärchen herstellen und die wirklich kritischen Fragen stellen.

 SN/barbara mair

Ein wenig nervös sei er schon, gibt Julian Schumann zu. Der 24-jährige Rechtswissenschafter weiß schließlich, was auf ihn zukommt, wenn er am 14. Juli sein erstes eigenes Seminar mit dem Titel "Sagen eigentlich immer alle vor Gericht die Wahrheit?" halten wird. Sein Publikum wird dabei nicht aus Jusstudenten bestehen, die üblicherweise in seinen Lehrveranstaltungen sitzen. Es sind interessierte Kinder im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Denn Schumann zählt zu den rund 600 Wissenschaftern, die bei der diesjährigen Kinderuni Wien eine von insgesamt 539 Lehrveranstaltungen halten.

Bereits zum 15. Mal haben Kinder die Möglichkeit in die Welt der Wissenschaft und Forschung einzutauchen. Zwei Wochen lang, von 10. bis 22. Juli, bieten dabei Vortragende von sechs Wiener Universitäten und eine Fachhochschule kostenlose Workshops, Seminare und Vorlesungen an - neben der Uni Wien, die Medizinische, die Technische, die Veterinärmedizinische Universität, die Universität für Bodenkultur, die Wirtschaftsuni Wien und die FH Campus Wien. Diese Vielfalt schlägt sich auch im Programm nieder. Die Kinder-Studenten können beispielsweise einen Erste-Hilfe-Kurs für Vögel machen, Chinesisch lernen, ihr Traumhaus bauen, die Welt der Zukunft erfinden oder - mit dem Chemiker Hans Flandorfer - im Labor selbst Gummibären herstellen.

Dieser macht bereits seit der Gründung vor 15 Jahren bei der Kinderuni Wien mit. Warum er das tue, erklärt er im SN-Gespräch damit, dass man bereits im Kindesalter damit beginnen müsse, zu vermitteln, was Chemie ausmache. "Man ist täglich von chemischer Produktion umgeben, in Lebensmitteln, Putzmitteln, in Arzneimitteln, im Spielzeug. Ohne Chemie würden wir heute noch in Höhlen leben", meint Flansdorfer. Wenn er und sein Team am
12. Juli mit den Kindern wieder Brausepulver, Gummibären, Limonade und Zaubertinte herstellen, sind es vor allem die Kinder, die diese Experimente durchführen. Flansdorfer und seine Studenten stehen daneben, beobachten und beantworten die Fragen der Kinder. Sie greifen nur ein, wenn es unbedingt notwendig ist.

Bei der Kinderuni haben die Kinder und nicht so sehr die Wissenschafter das Sagen, bestätigt Karoline Iber, Kinderuni-Gründerin an der Uni Wien. Deshalb laute ihr Motto seit 15 Jahren unverändert: "Wir stellen die Uni auf den Kopf." "Wir wollen, dass Wissenschafter Kindern ihre Begeisterung für Wissenschaft und Forschung vermitteln und ihnen so die Institution Uni näherbringen", erklärt sie. Anerkannte Professoren und Doktoren müssten dafür komplizierte Dinge so erklären, dass sie auch die Sieben- bis Zwölfjährigen verstünden. "Uns geht es nicht darum, dass die Kinder, die an der Kinderuni teilnehmen, später selbst studieren. Sie sollen einen Eindruck bekommen, was eine Uni macht und sich dann entscheiden", erklärt sie das Prinzip. Deshalb sei es ein ganz besonderes Anliegen aller Kinderunis, Kinder aus bildungsferneren Schichten zu erreichen, also aus Familien, in denen bisher niemand oder kaum jemand studiert habe. Kinderunis gibt es längst nicht nur in Wien, sondern in ganz Europa. Als eines der ältesten und größten koordiniert das Kinderbüro in Wien aber die Aktivitäten des europäischen Netzwerks aller Kinderunis, des European Children's Universities Network. 70 Mitglieder aus 27 Ländern gehören ihm seit seiner Gründung an, sie reichen von Portugal bis nach Island.

Auch die Uni Salzburg zählt dazu. Sie veranstaltet seit 2004 ihre eigene Kinderuni. Diesmal boten die Uni und die FH Salzburg am 16. und 17. Mai ein gemeinsames Programm an. Es fand aber nicht in der Stadt Salzburg, sondern in Bischofshofen im Pongau statt. "Die Uni geht nicht nur die Kinder in der Stadt was an. Deshalb gehen wir immer wieder raus aufs Land", erklärt Koordinatorin Sylvia Kleindienst das Prinzip des Programms "Kinderuni unterwegs". Besonderes Highlight heuer war die Interviewstunde mit Skispringer Stefan Kraft, dem die jungen Kinder-Studenten Fragen stellen durften. Kraft ging selbst in Bischofshofen zur Schule.

Auch in Wien ist die Kinderuni regelmäßig in äußeren Bezirken unterwegs. Chemiker Flandorfer erzählt, dass er sein Kinderlabor bereits häufig in Parks in den großen Flächenbezirken aufgestellt und dort mit den Kindern Gummibärchen erzeugt habe. Heuer ist wieder von 21. bis 29. August eine solche Tour durch Parks geplant. Eineinhalb Monate zuvor, von 3. bis 5. Juli, besucht die Kinderuni wieder drei Wiener Flüchtlingseinrichtungen. "Wir versuchen, möglichst viele Kinder zu erreichen, egal welchem Kulturkreis sie angehören oder welche Fähigkeiten sie mitbringen", erklärt Iber.

Das gelte selbstverständlich auch für die Hauptveranstaltung der Kinderuni Wien, das Sommerprogramm von 10. bis 22. Juli. Iber verweist darauf, dass einige der insgesamt 439 Lehrveranstaltungen auf Türkisch, Arabisch, ja sogar in Gehörlosensprache angeboten werden. Und dass es heuer am 9. Juli von neun bis 14 Uhr erstmals einen Familientag gibt. "An diesem Tag kommen die Kinder mit ihren Familien an den Uni-Campus, um sich ihr Programm, ihr T-Shirt und ihren Studentenausweis abzuholen. Da bieten wir zwei Vorlesungen für die ganze Familie an", sagt sie.

Die übrigen Tage sind freilich den rund 4000 Kinder-Studenten vorbehalten. Wie die Erwachsenen müssen sie sich erst registrieren, was seit 1. Juni möglich ist. Von 12. Juni bis 6. Juli können sie sich für Lehrveranstaltungen unter https://www.kinderuni-anmeldung.at anmelden, wobei die Anzahl auf bis zu zwei Workshops und acht Seminare/Vorlesungen beschränkt ist. Statt Noten erhalten die Kinder Stempel in ihre Studentenausweise. Wie bei den Großen findet am 22.Juli zum Studienabschluss eine Sponsion im Großen Festsaal der Uni Wien statt.

Rechtswissenschafter Schumann erinnert sich an zwei Lehrveranstaltungen, die er 2004 besuchte, als er als Elfjähriger an der Kinderuni teilnahm. Sie hießen "Gibt es wirklich Vampire?" und "Was passiert vor Gericht?". Freilich sei er damals nicht so nervös wie heute gewesen, jetzt wo er selbst Kindern die Rechtswissenschaften näherbringen soll. Deshalb möchte Schumann sich gut auf seine Lehrveranstaltung, ob alle eigentlich immer vor Gericht die Wahrheit sagen, vorbereiten. Er plant, sich zuvor mit seinen kleinen Cousins und Cousinen zusammenzusetzen, die zwischen acht und zwölf Jahre alt sind. Schumann weiß genau, wie kritisch manche Kinder nachfragen können. Er sei selbst ein extrem neugieriger Bub gewesen. "Deshalb würde ich mir an der Kinderuni lieber nicht begegnen wollen", sagt er.

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