Gesundheit

Herr Professor, wie gesund ist grüner Tee wirklich?

Dem Trendgetränk werden wundersame Heilkräfte nachgesagt. Doch wie sieht die Wissenschaft die mögliche Wirkung von grünem Tee auf die Gesundheit? Was ist der neueste Stand der Forschung? Wir haben nachgefragt - bei einem der führenden Experten auf dem Gebiet, dem Neurologen Prof. Friedemann Paul.

Herr Prof. Paul, wie viele Tassen grünen Tee trinken Sie täglich?
Ich trinke gelegentlich Grüntee, allerdings nicht jeden Tag größere Mengen.

Dabei ist das Heißgetränk doch so gesund.
Das stimmt. Grüntee besitzt viele wertvolle Inhaltsstoffe, die ihn auch für die medizinische Forschung sehr interessant machen. Im Mittelpunkt steht der Wirkstoff Epigallocatechingallat (EGCG). Er scheint positive Einflüsse auf die Gesundheit auszuüben.

Wie wirkt die Substanz?
Der genaue Wirkmechanismus ist noch unklar. Aber wir wissen, dass der besondere Inhaltsstoff des grünen Tees das Wachstum von Tumorzellen bremst. Er wirkt entzündungshemmend und scheint auch schädigende, sogenannte freie Radikale im menschlichen Körper zu blockieren, die etwa durch falsche oder ungenügende Ernährung, Nikotin, Alkohol oder Stress entstehen können. Das sind vielversprechende Ansätze, die eine genaue Untersuchung dieses Grüntee-Wirkstoffs dringend erforderlich machen.

Bei welchen konkreten Erkrankungen hilft das Extrakt?
Es gibt Hinweise darauf, dass EGCG eine günstige Wirkung auf Brust- und Lungenkrebs hat. Außerdem nimmt der Wirkstoff möglicherweise Einfluss auf die Entwicklung von Demenz. Studien am Patienten haben darüber hinaus gezeigt, dass der Inhaltsstoff das Risiko für Prostatakarzinome vermindert und möglicherweise sogar Arthrose-Beschwerden lindern kann.

Das klingt fast so, als sei die Substanz eine Allzweckwaffe…
Die Annahmen zur Wirksamkeit des Inhaltsstoffs basieren vor allem auf Befragungen vieler tausend Menschen und können somit nicht als eindeutige Beweise gelten. Eine Menge verschiedener Faktoren - zum Beispiel die Ernährungsweise, die Lebensumstände oder der Wohnort - nehmen Einfluss auf die gesundheitliche Entwicklung des Körpers, deshalb muss man diese Vermutungen sehr genau überprüfen. Weltweit laufende, klinische Untersuchungen an Studienpatienten sollen da noch mehr Klarheit bringen.

Doch die Hoffnung besteht: Mit ein paar Tassen Grüntee könnte man unter Umständen schweren Krankheiten entgegenwirken.
Ganz so einfach ist es leider nicht: Um einen positiven Effekt für die Gesundheit zu erzielen, muss man mindestens ein bis zwei Liter schadstoffarmen grünen Tee pro Tag trinken - und das höchstwahrscheinlich auch noch über Jahrzehnte.

Das klingt ziemlich monoton. Wer soll das durchhalten?
Man muss schon sehr viel Disziplin haben, um dieses Pensum zu erreichen. Aber in Asien beispielsweise ist der häufige und regelmäßige Konsum von grünem Tee in vielen Regionen gängige Praxis.

Wäre es nicht praktischer, hochkonzentrierte Grünteekapseln zu schlucken?
In der Forschung und bei Patientenstudien setzen wir in der Tat Grünteekapseln ein. Doch für private Zwecke sind sie nicht geeignet. Sich mithilfe von Mitteln aus der Apotheke oder dem Internet zu therapieren - davon rate ich dringend ab.

Weshalb?
Man kann nicht immer voraussagen, in welcher Beziehung Dosis und Wirkung von Grünteekapseln stehen. Zudem besteht die Möglichkeit, dass Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten. In der Forschung wurde eine Zeit lang diskutiert, ob das Grüntee-Extrakt bei einer zu häufigen Einnahme hoch dosierter Kapseln Leberschäden hervorrufen könnte. Dies scheint tatsächlich extrem selten zu sein. Dennoch sollte man von freiverkäuflichen Kapselprodukten lieber die Finger lassen.

Kann auch ein zu hoher Teekonsum gesundheitliche Risiken haben?
Im Grunde nicht. Die einzige Gefahr: Viele Sorten Grüntee beinhalten eine Menge Koffein. Der Tee wirkt dadurch anregend und belebend auf den Körper, kann bei einer Überdosierung allerdings auch Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität und Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen. Ich rate jedem, der sich vornimmt, in Zukunft viel grünen Tee zu trinken, zunächst mit seinem Hausarzt zu sprechen. Er kann Tipps bezüglich der Verträglichkeit geben und den Teekonsum ggf. medizinisch beobachten.

Was ist mit Babys und Kleinkindern - sollten sie bereits grünen Tee trinken?
Hier gilt die gleiche Regel wie beim Kaffeetrinken: Das im grünen Tee vorhandene Koffein ist schädlich für Säuglinge und kleine Kinder. Es kann Unruhe, Bauchschmerzen und Blähungen hervorrufen. Aus diesem Grund sollten Eltern lieber darauf verzichten, ihre Kinder grünen Tee trinken zu lassen. Wenn die Kleinen älter sind, können sie früh genug damit beginnen. Es scheint auszureichen, erst mit Mitte 30 zum Grüntee-Trinker zu werden - auch dann kann man Krankheiten offenbar vorbeugen.

Die Wirkung von grünem Tee ist also durchaus vielversprechend und dank umfassender wissenschaftlicher Forschung inzwischen anerkannt. Allerdings muss man große Mengen des heißen Getränks zu sich nehmen, damit es tatsächlich Einfluss auf die eigene Gesundheit haben kann. Von der Einnahme von Grünteekapseln raten Experten unterdessen dringend ab, da unter anderem Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten können.

INTERVIEW: JANINA DARM

Quelle: SN

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