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Hauptschule im zweiten Anlauf

Schulabbrecher können in der Volkshochschule ihren Hauptschulabschluss nachmachen. Die SN waren in einer etwas anderen Mathematikstunde dabei.

Hauptschule im zweiten Anlauf SN/alexandra parragh
Mathematik fällt auch Hauptschülern im zweiten Bildungsweg schwer.


Eine bewegte Vergangenheit haben alle hinter sich, die hier ihren Hauptschulabschluss nachmachen. Für die 32-jährige Evita* war mit 16 Schluss mit der Schule, als sie in der Türkei zwangsverheiratet wurde und ihre erste Tochter bekam. Mehmet war bis vor eineinhalb Jahren noch Asylbewerber aus Afghanistan. Ans Lernen denkt er erst, seit er die Aufenthaltsbewilligung in der Tasche hat. Die 34-jährige Flora sagt: "Ich hab meinen Schulabschluss in Rumänien nicht machen können, weil ich arbeiten musste." Sonst hätte ihre Mutter sie und ihre fünf Geschwister nicht über die Runden gebracht. Und die 39-jährige Zara sitzt da, "weil sich niemand um mich und meine Ausbildung gekümmert hat". Sie ist die Einzige mit österreichischen Wurzeln. Leichter als die anderen im Kurs "13hk530" in der Volkshochschule Stöbergasse in Wien tut sich Zara trotzdem nicht, vor allem nicht in Mathematik, das heute auf dem Stundenplan steht.

Es geht fast so zu wie in jeder anderen Schule - außer dass pro Tag ein Fach über mehrere Stunden unterrichtet wird und dass es kein Turnen und kein Werken gibt. "Wir sind nichts anderes als eine Schule", erklärt VHS-Leiterin Monika Matzner den SN. Wenn auch eine ganz besondere: Wer hierherkommt, hat seine Schullaufbahn abgebrochen und versucht sie im zweiten Bildungsweg fortzusetzen. Das geschieht mehr oder weniger freiwillig - je nachdem, ob der Bezug des AMS-Geldes daran geknüpft ist.

Unterstützt werden die "Schüler" dabei von ihren Lehrern und Sozialpädagogen, wo es nur geht. Das fängt schon beim Erstgespräch und dem nachfolgenden Einstufungstest an, der Grundkenntnisse abfragt, die man braucht, um dem Unterricht folgen zu können. "Am häufigsten fehlen den Leuten die Deutschkenntnisse. Wir stellen auch die Motivation fest. Ob derjenige die zehn Monate Unterricht durchhält, die der Kurs dauert", betont Kursleiterin Christiane Zeiss. Falls nicht, werde diesen "Schulverweigerern" ein Lerncoach zur Seite gestellt. Für Analphabeten und Menschen mit Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche bietet die VHS "Basisausbildungskurse". Für diejenigen, die das zwar können, aber nicht gut genug, um den Hauptschulabschluss zu machen, gibt es einen "Brückenkurs" zur Vorbereitung.

Doch bei manchen nützt das nichts. Von den rund 100 "Hauptschülern" an der VHS schaffen etwa 60 bis 70 ihren Abschluss nach zehn Monaten. "Wir haben jedes Jahr ein paar, die wir vom Kurs ausschließen müssen", sagt Zeiss. Nichterscheinen sei dafür der häufigste Grund, viel, viel seltener Gewaltbereitschaft oder Drogenabhängigkeit. Dabei seien ausgerechnet Migranten die unkomplizierteren Teilnehmer. "Am schwierigsten sind die, die in Österreich geboren sind und schon schlechte Erfahrungen mit dem heimischen Schulsystem gemacht haben. Das sind auch diejenigen, die bei uns am häufigsten abbrechen", so VHS-Leiterin Matzner.

Ein Abbrechen kommt weder für Evita, noch für Mehmet, Flora oder Zara infrage. Sie alle haben Zukunftspläne. Mehmet möchte Straßenbahnfahrer, Evita Kindergartenpädagogin und Zara Sozialpädagogin werden. Flora träumt sogar davon, in einer Apotheke zu arbeiten, selbst wenn ein Studium dafür notwendig ist.

Kursleiterin Zeiss weiß, dass das nicht ausgeschlossen ist. "Ich habe vor Kurzem ein Mädchen getroffen, das bei uns den Hauptschulabschluss gemacht hat und heute Medizin studiert."
* Namen der Teilnehmer geändert

Aufgerufen am 23.09.2019 um 07:01 auf https://www.sn.at/panorama/hauptschule-im-zweiten-anlauf-4361128

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