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16 Millionen Italiener in Quarantäne

In der Lombardei starben mehr als 100 Patienten an einem Tag. Engpässe in Krankenhäusern. Die Regierung kündigt eine landesweite Aufstockung der Kapazitäten von Intensivstationen um 50 Prozent an. Das öffentliche Leben ist lahmgelegt.

Italien hat im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus drastische Maßnahmen ergriffen. In der norditalienischen Region Lombardei starben innerhalb eines Tages mehr als 100 Menschen am neuartigen Coronavirus. Dies teilten die Regionalbehörden am Sonntagabend in Mailand mit. Demnach stieg die Gesamtzahl der Todesopfer der Coronavirus-Epidemie in der Lombardei seit Samstag von 154 auf 257.

Mit einem Dekret verfügte die Regierung in Rom am frühen Sonntagmorgen die Einrichtung einer Sperrzone, die die gesamte Lombardei sowie 14 weitere Landkreise in den Regionen Piemont, Emilia-Romagna und Marken betrifft. Die Regierung verhängte eine Abriegelung der Gebiete. Damit befinden sich nun 16 Millionen Italiener vorsorglich in Quarantäne, etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Die bisherigen Sondersperrzonen im Südosten der Lombardei und bei Padua wurden aufgehoben.

Ministerpräsident Giuseppe Conte begründete die Maßnahmen am Sonntag unter anderem mit dem bereits jetzt erreichten Notstand in den Krankenhäusern. "Wir haben zwei Ziele", sagte Conte. "Die Ausweitung der Ansteckung einzudämmen und eine Überlastung der Krankenhauseinrichtungen zu vermeiden." Innerhalb von 24 Stunden war am Samstag die Zahl der neu mit SARS-CoV-2 Infizierten in Italien um 1145 Personen angestiegen.

Auf den Intensivstationen in den Krankenhäusern der Lombardei kam es bereits zu Engpässen. Nach Angaben der Behörden wurden am Samstag 359 Patienten auf Intensivstationen behandelt, vor zehn Tagen seien es nur 50 gewesen. In der Lombardei wurden bis Samstag 3420 mit dem Coronavirus Infizierte gezählt. In ganz Italien waren es zuletzt rund 7000 Personen. Italien ist damit das Land mit den meisten festgestellten Infizierten in Europa.

Zu den Sperrgebieten zählen nicht nur die Metropolen Mailand und Venedig, sondern auch Städte wie Padua, Modena, Parma, Reggio Emilia oder Rimini. Dem Dekret zufolge sollen die Bewohner auch die Fortbewegung innerhalb der Sperrgebiete "vermeiden", es sei denn, es liegen dringende Motive wie unaufschiebbare Arbeitsverpflichtungen oder Notfälle vor. Die landesweite Schließung der Schulen und Universitäten wurde im Quarantänegebiet bis zum 3. April verlängert.

Im gesamten Landesgebiet wurden Kino- und Theatervorstellungen verboten. Museen, Pubs, Tanzschulen und Spielsalons müssen schließen. Bars und Restaurants dürfen geöffnet bleiben - unter der Bedingung, dass zwischen den Besuchern ein "Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter" eingehalten wird. In ganz Italien dürfen derzeit weder Hochzeiten noch Beerdigungen stattfinden. "Wir werden diesen Krieg gewinnen, wenn unsere Mitbürger sich verantwortungsvoll verhalten und vorübergehend ihren Lebensstil verändern", sagte Angelo Borrelli, Chef des italienischen Zivilschutzes.

Auch der Vatikan, wo am Freitag der erste Fall festgestellt wurde, reagierte auf die verschärfte Lage. Papst Franziskus, der in den letzten Tagen wegen einer Erkältung Termine abgesagt hatte, las das Angelusgebet am Sonntag nicht wie normal von einem Fenster im Apostolischen Palast aus, sondern im Inneren des Gebäudes. Seine Worte wurden per Streaming auf den Petersplatz übertragen.

Besonderes Augenmerk liegt in Italien derzeit auf der Situation der Krankenhäuser und Intensivstationen. "Einige Strukturen sind bereits in Schwierigkeiten", sagte Ministerpräsident Conte. Um die Kapazitäten in der Lombardei zu erhöhen, sollen andere Patienten in Krankenhäuser anderer Regionen verlegt werden. Zuvor hatte bereits das Gesundheitsministerium die Aufstockung der Kapazitäten der Intensivstationen landesweit um 50 Prozent angekündigt.

Antonio Pesenti, Chef der lombardischen Kriseneinheit zur Koordination der Intensivstationen, warnte im "Corriere della Sera" vor einer weiteren Verschärfung der Lage. "Für den 26. März werden 18.000 erkrankte Lombarden erwartet, von denen zwischen 2700 und 3200 eine Behandlung auf der Intensivstation benötigen werden", sagte Pesenti. Angesichts dieser Überlastung seien auch andere Patienten in Gefahr. Bisher seien Krankenwagen in der Lombardei innerhalb von acht Minuten eingetroffen, "jetzt besteht das Risiko, dass sie länger als eine Stunde brauchen". Das Gesundheitssystem der Lombardei könne die bisherigen Standards nicht aufrechterhalten.

Walter Ricciardi, Berater des Gesundheitsministeriums in Rom und früherer Direktor des italienischen Gesundheitsinstituts, rief die Italiener zur Befolgung der Quarantänemaßnahmen auf. "Das ist die einzige Waffe, die wir benutzen können, um zu verhindern, dass viele Personen gleichzeitig erkranken und sich an das nationale Gesundheitssystem wenden", sagte er im "Corriere della Sera". Das Problem sei die "mangelnde Wahrnehmung der tatsächlichen Gefahr". Das gelte auch für das Ausland.

Quarantänegebiete in Italien SN/apa
Quarantänegebiete in Italien

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