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200. Geburtstag: Geliebtes Hassobjekt Richard Wagner

Als Opernerneuerer ist er heute etabliert, als Person bleibt erumstritten. Der Geburtstag des 1883 verstorbenen Richard Wagner jährt sich am 22. Mai zum 200. Mal.

Als er 1883 im Alter von 69 Jahren in Venedig starb, war er bereits zum Nationalkomponisten der Deutschen aufgestiegen, nachdem er jahrzehntelang ein unstetes Leben zwischen Bankrott, gescheiterten Revolutionen, außerehelichen Affären und Kämpfen mit den Gegnern seiner Musik geführt hatte: Richard Wagner. Bis heute ist er der einzige Tonsetzer geblieben, der eigene Festspiele nur zu Ehren seiner Musik etablieren konnte. Abseits von Israel hat kaum ein Opernhaus der Welt heute seine monumentalen Werke nicht am Spielplan. Und zugleich bleibt der kleine, antisemitische Sachse, der Pamphlete wie "Das Judenthum in der Musik" in die Welt setzte und zum Lieblingskomponisten Adolf Hitlers wurde, als Person höchst umstritten. Zugleich ist Wagners Leben äußerst gut dokumentiert. Der Komponist selbst schrieb Tausende Briefe, während seine zweite Ehefrau Cosima in ihren Tagebüchern jedes Detail minutiös protokollierte. Und die Welt feiert ihren Wagner: Im laufenden Jubiläumsjahr sind weltweit 279 Produktionen in 124 Städten mit 988 Aufführungen verzeichnet.

Neuntes Kind

Wagner wurde am 22. Mai 1813 in Leipzig als neuntes Kind des Polizeiaktuarius Carl Friedrich Wagner geboren. Bis heute halten sich Spekulationen, der Dichter Ludwig Geyer sei sein leiblicher Vater gewesen. Immerhin heiratete dieser kurz nach dem Tod seines Vorgängers Wagners Mutter. Sohnemann entschloss sich früh, Musiker zu werden und begann mit Würzburg, Magdeburg, Königsberg und Riga seine Reisetätigkeit. Den frühen Werken "Die Feen", "Das Liebesverbot" und "Rienzi" war allerdings noch geringer Erfolg beschieden.

1836 folgte die Heirat mit der Schauspielerin Minna Planer. Drei Jahre später musste Wagner wieder einmal vor seinen Gläubigern flüchten - ein Motiv, das sich im Laufe der Jahre mehrfach wiederholen sollte. Auf diesen Charakterzug bezieht sich Thomas Manns berühmter Aphorismus vom "Pumpgenie" Wagner. Als Wagner 1849 aus Dresden flüchten musste, hatte er angeblich 18.000 Taler Schulden - bei einem Jahreseinkommen als Kapellmeister von 1.500 Talern.

Auf der stürmischen Überfahrt von Riga nach London sollen dem Opernerneuerer der Legende nach immerhin die ersten Ideen zum "Fliegenden Holländer" gekommen sein, der 1843 uraufgeführt wurde. Von London ging es für Wagner nach Paris, wo er den deutschen Komponisten Giacomo Meyerbeer kennenlernte, als jüdischer Tonsetzer neben Felix Mendelssohn Bartholdy später eines seiner bevorzugten antisemitischen Angriffsziele in seinem Schmähaufsatz "Das Judenthum in der Musik". Zugleich kam er mit den revolutionären Ideen seiner Zeit und der Religionskritik Ludwig Feuerbachs in Kontakt.

In die Heimat kehrte Wagner allerdings 1843 mit dem Titel des Königlich-Sächsischen Kapellmeisters zurück. In Dresden komponierte er den "Tannhäuser", der 1845 uraufgeführt wurde, und begann mit dem Nachfolgeprojekt "Lohengrin". Zugleich engagierte er sich aktiv beim gescheiterten Maiaufstand von 1849, weswegen er erneut fliehen musste und steckbrieflich gesucht wurde.

Gescheitert nach Zürich

Dieses Mal zog es den gescheiterten Revolutionär nach Zürich, wo sein Mäzen, der Kaufmann Otto Wesendonck, lebte. Wagner bedankte sich, indem er sich auf eine Liebesbeziehung mit Wesendoncks Frau Mathilde einließ - die berühmten "Wesendonck-Lieder", die auf Gedichten der Erwählten basieren, erinnern daran. Ebenso vermutlich die große Wagner'sche Liebesoper "Tristan und Isolde", die eine gänzlich neue Musik präsentierte - eine Oper als das Zwiegespräch zweier todessehnsüchtiger Liebender. Der Bruch mit Ehefrau Minna blieb nicht aus.

Bis Wagner nach seinem gescheiterten politischen Engagement wieder deutschen Boden betreten durfte, dauerte es. Erst 1860 konnte er nach einer Amnestie die Grenze übertreten und ging auf Konzertreise durch ganz Europa. Nebenbei arbeitete er an den "Meistersingern von Nürnberg" sowie am "Ring". In diese Zeit fällt auch seine engste Bindung an Wien, wo er zwischen 1862 und 1864 mit kleineren Unterbrechungen dauerhaft lebte und unter anderem im noblen Penzing ein Domizil bezog.

Einer seiner Freunde war der Stardirigent Hans von Bülow, der in München die Uraufführungen des "Tristan" (1865) und der "Meistersinger" (1868) leitete, nachdem in Wien nach 77 Proben die Hofoper die geplante Uraufführung des "Tristan" abgeblasen hatte. Als Wagner 1864 wieder einmal vor Gläubigern aus Wien nach Zürich hatte fliehen müssen, war ihm als Deus ex Machina der junge, soeben gekrönte Bayernkönig Ludwig II. erschienen und hatte den Komponisten von seinen finanziellen Sorgen befreit. Derlei Mühen enthoben, begann Wagner eine Affäre mit Bülows Ehefrau Cosima. Richard und Cosima hatten schon zwei gemeinsame Kinder, ehe Cosima ihren Ehemann endgültig verließ, um zu Richard nach Tribschen bei Luzern zu ziehen und ihn 1870 zu heiraten.

Zu dieser Zeit ging Wagner bereits mit der Idee eigener Festspiele schwanger. Erneut erschien der oberste Wagnerianer, Bayernkönig Ludwig II., als rettender Engel, der die Umsetzung der scheinbaren Utopie in der kleinen fränkischen Stadt Bayreuth ermöglichte: Am 22. Mai 1872 wurde der Grundstein für das Festspielhaus gelegt, das mit unsichtbaren - also abgedecktem - Orchestergraben, ohne Logen und ohne Sitzpolster alles auf Schall und Sichtbarkeit ausrichtete.

Wagner und der Ring

1874 bezogen Richard und Cosima Haus Wahnfried in Bayreuth, heute Pilgerzentrum für Wagnerianer. Die ersten Festspiele 1876 wurden mit der "Ring"-Uraufführung einer der kulturellen Ankerpunkte der Musikgeschichte, zu dem selbst Kaiser Wilhelm I. aus Berlin anreiste. Auf den monumentalen Ring folgte noch das letzte Werk "Parsifal", das die Tür in die musikalische Moderne endgültig aufstieß. Dieses 1882 uraufgeführte Abschiedswerk vollendete Wagner in Italien, wo sich der Komponist in den letzten Jahren wegen des günstigen Klimas vermehrt aufhielt. So starb der gesundheitlich Angeschlagene auch am 13. Februar 1883 im Palazzo Vendramin-Calerghi in Venedig. Sein Leichnam wurde jedoch in der Gruft der Villa Wahnfried beigesetzt.

Heute erinnern neben seinen Werken auch 17 Wagner-Denkmäler weltweit an den Komponisten. Davon stehen zehn in Deutschland, drei in der Schweiz und je eines in Österreich, Italien, Spanien und England. Das als weltweit größtes Wagner-Monument geltende Denkmal im Liebethaler Grund bei Pirna zeigt Wagner als Gralsritter und hat eine Gesamthöhe von 12,5 Metern. In Leipzig wird am 22. Mai das neueste Werk eröffnet, das vom Bildhauer Stephan Balkenhol gestaltet wurde und einen kleinen Mann mit großem Schatten zeigt.

Quelle: SN

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