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68 Tote pro Tag: Die Gewalt in Mexiko eskaliert

In Mexiko gibt es immer weniger Gegenden, die von der ausufernden Gewalt verschont bleiben. Allein heuer wurden bereits über 18.500 Menschen ermordet.

In Protestmärschen wird gegen die Gewalt demonstriert. SN/dapd
In Protestmärschen wird gegen die Gewalt demonstriert.

Der November ist kaum ein paar Tage alt, da melden die mexikanischen Medien schon die ersten Massaker und Schießereien unter Banden der Organisierten Kriminalität. Gerade als die Menschen am "Dia de los Muertos", dem "Tag der Toten" ihren Verstorbenen gedachten, wurden alleine in den Bundesstaaten Puebla und Guanajuato rund 20 Menschen bei Schusswechseln, Überfällen und Exekutionen getötet. Puebla, Sitz von Volkswagen de México und ein Zentrum der Automobilindustrie, war lange ebenso wie das beschauliche Guanajuato vom Krieg der Kartelle nicht betroffen. Aber in Mexiko gibt es immer weniger Gegenden, die von der ausufernden Gewalt verschont bleiben. Und die Morde explodieren förmlich.

Bis Ende September wurden nach Angaben des Innenministeriums 18.505 Menschen ermordet, Das entspricht mehr als 68 Morden am Tag. Diese Zahlen wurden nicht einmal in der Hochzeit des so genannten Drogenkriegs erreicht, als der frühere Präsident Felipe Calderón (2006 bis 2012) mit Feuer und Schwert gegen die Organisierte Kriminalität vorging.

2011 galt bisher als das blutigste Jahr in Mexikos Geschichte mit 62 Morden pro Tag und 22.630 Gewaltopfern im ganzen Jahr. 2017 - so viel ist schon jetzt klar - wird das noch toppen und als das Jahr mit den meisten Mordopfern in die Geschichte des Landes eingehen. Im regionalen Kontext liege Mexiko damit noch immer hinter Kolumbien und Brasilien, betont der Sicherheitsexperte Alejandro Hope. "Aber für einen OECD-Staat und ein Land, das sich auf dem Sprung vom Schwellen- zum Industrieland sieht, ist das natürlich untragbar."

Doch es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen 2011 und 2017: "Die Gewalt ist verteilt auf das ganze Land und weniger fokussiert auf bestimmte Regionen", betont Hope. "Damals konzentrierten sich 15 Prozent aller Morde in Ciudad Juárez, heute gibt es keinen Staat, der mehr als zehn Prozent der landesweiten Morde auf sich konzentriert". Mit anderen Worten: Vor sechs Jahren wusste man mehr oder weniger, welche Gegenden zu meiden waren. Aber derzeit kann es einen überall erwischen. Vor kurzem erst machte die Riviera Maya, Mexikos Haupturlaubsziel in der Karibik, mit Exekutionen, Schusswechsel vor Einkaufszentren, Verfolgungsjagden in der Innenstadt und auch den berüchtigten Leichenteile in Müllsäcken von sich reden.

Auch Puebla war bisher ein Staat ohne besondere Vorkommnisse. Aber am 1. November starben alleine zwölf Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Diebesbanden. "Wir gehen davon aus, dass in den Benzindiebstahl verwickelte Gruppen ihre Rechnungen beglichen haben", hieß es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Eine Gruppe von Männern wurde aus einem Geländewagen heraus beschossen. In einer Klinik in der Hauptstadt des Bundesstaates Puebla wurden vier Menschen getötet. Unter den Opfern befindet sich der Chef einer örtlichen Diebesbande, der sich in dem Hospital einer Schönheitsoperation unterzog. Der Diebstahl von Treibstoff ist in Mexiko das neuste der vielen illegalen Geschäfte. Darin sind sowohl lokale Gruppen als auch die großen Verbrechersyndikate verwickelt. Der staatliche Ölkonzern Pemex verliert durch den Benzinklau pro Jahr über eine Milliarde US-Dollar.

Bei Schießereien in mehreren Orten im zentralmexikanischen Guanjuato starben am 1. und 2. November mindestens neun Menschen, neun weitere wurden verletzt. Einige der Opfer wurden auf dem Sportplatz, andere im Auto oder an ihrem Arbeitsplatz hingerichtet.

Die Ursachen für die Gewaltexplosion seien vielfältig, ergänzt Sicherheitsexperte Hope: "Das Auseinanderbrechen des alles dominierenden Sinaloa-Kartells, das Auftauchen neuer Mafia-Banden, eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Heroin in den USA, aber auch die institutionelle Agonie und Unfähigkeit des Staates". Präsident Enrique Peña Nieto, dem ein gutes Jahr im Amt bleibt, habe weder die Zahl der Polizisten aufgestockt, noch die Reform der Staatsanwaltschaften umgesetzt. Auch die Regierungswechsel in vielen Bundesstaaten förderten die Gewalt, weil die alten Absprachen zwischen lokalen und regionalen Machthabern und der Organisierten Kriminalität neu "ausgehandelt" werden müssten, fügt Hope an.

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