Abenteuerliche Theorien über den Brückeneinsturz

Niemand kennt die Ursachen für das Unglück von Genua. Ein italienischer Minister hat aber bereits einen Schuldigen parat.

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Standpunkt Manfred Perterer

Die abenteuerlichste Begründung für den Einsturz der Morandi-Brücke im Westen von Genua lieferte der italienische Innenminister Matteo Salvini. Indirekt sei die EU schuld an der Tragödie, weil sie Italien durch den Stabilitätspakt dazu zwinge, so wenig Schulden wie möglich zu machen. Dadurch fehle es hinten und vorn am nötigen Geld, um für die Sicherheit auf den Straßen zu sorgen.

Jetzt ist also Brüssel schuld am Tod von vielen Menschen, zudem gibt es Vermisste. So einfach kann man es sich machen, wenn man auch noch aus der schlimmsten Katastrophe politisches Kleingeld machen möchte.

Noch lässt sich über die wahren Ursachen des Einsturzes wenig sagen. Im Netz und auf Fernsehstationen wird heftig darüber spekuliert. Das ist auch so ein Zeichen unserer Zeit, in der offenbar keine Zeit mehr bleibt zum Nachdenken und Recherchieren. Also reichen die möglichen schnellen Erklärungen vom Pfusch beim Bau selbst über unzureichende Wartung oder Unterspülung durch einen heftigen Gewitterregen bis hin zu einem Blitzschlag, der einen Pfeiler zum Bersten gebracht haben soll.

In Österreich ist am 1. August 1976 die Reichsbrücke über die Donau in Wien eingestürzt. Es war ein Sonntag. Und es war sehr früh, nämlich 4.53 Uhr, also gab es kaum Verkehr. Ein Autolenker wurde getötet. Auch ein Autobus stürzte ab, dessen Fahrer überlebte wie durch ein Wunder. Die Ursache: Ein Brückenpfeiler war falsch betoniert worden. Verschwörungstheoretiker vermuteten einen Bombenanschlag. Es gab dafür keine Beweise.

Man kann solche Unglücke niemals zu 100 Prozent vermeiden. Durch gewissenhafte Kontrollen und permanente Instandhaltung ist jedoch ein Höchstmaß an Sicherheit erzielbar. In Österreich gibt es rund 5000 Brücken, die ständig überprüft und auch ausgebessert werden müssen. Vielleicht denken wir über das Thema Sicherheit nach, wenn wir das nächste Mal in einem Stau vor einer eingerüsteten Brücke stehen.

Sowohl Italien wie auch Österreich heben Milliarden Euro Mautgebühren ein. Dazu kommen Milliarden an Steuern aus dem Autoverkehr (in Österreich 15 Milliarden Euro pro Jahr). Leider versickert viel vom eigentlich zweckgebundenen Geld in den Budgetlöchern. Wenn also in Italien laut Salvini zu wenig Geld für dringende Sanierungsarbeiten da ist, so ist das weder die Schuld der EU noch die der Autofahrerinnen und Autofahrer.

Aufgerufen am 29.11.2021 um 04:26 auf https://www.sn.at/panorama/international/abenteuerliche-theorien-ueber-den-brueckeneinsturz-38819212

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