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Behörden-Chaos nach Schneesturm? Schwere Vorwürfe in Nepal

Das Entwicklungsland Nepal hat keine Bergrettung. Nach dem Himalaya-Schneesturm lief die Suche nur langsam an. Auch warnte niemand die Wanderer vor dem Wetterumschwung. Wurden Leben aufs Spiel gesetzt?

Behörden-Chaos nach Schneesturm? Schwere Vorwürfe in Nepal SN/APA/EPA/NEPALESE ARMY / HANDOUT
Die Rettungsaktion lief zu langsam an.

Hätte die Schneesturm-Tragödie im Himalaya mit mindestens 40 Toten verhindert werden können - etwa mit Wetterberichten auf den Hütten? Wäre es möglich gewesen, mehr Menschen zu retten - wenn die Behörden schneller reagiert hätten? Diese Fragen treiben viele Wanderer und Bergsteiger um, die in der vergangenen Woche eines der schlimmsten Bergunglücke in der Geschichte Nepals erlebten.

Roland Feil aus München war am Berg Chulu West (6419 Meter), als der Sturm kam. Sofort kehrte er um. Durch den tiefen Schnee stapfte er zum Höhencamp auf der Annapurna-Runde, wo seine Reisegefährtin auf ihn wartete. Das Höhencamp (4850 Meter), in dem im Oktober zur Hauptwanderzeit täglich mindestens hundert Menschen schlafen, besteht aus langgezogenen Steinhäusern und hat ein Satellitentelefon. "Es gäbe also die Möglichkeit, nach dem Wetterbericht zu fragen. Das hat aber niemand gemacht", sagt Feil ungläubig. "Der Hüttenwirt hat weder ein Frühwarnsystem noch Infos über das Wetter."

"Es wäre vermeidbar gewesen"Als Feil am zweiten Tag nach dem Sturm die Hütte erreichte, war er seinen Angaben nach der erste, der durch den bis zu anderthalb Meter tiefen Schnee dorthin gelangte. "In der Hütte gab es ein Hin und Her, die Wanderführer sammelten von den Touristen Geld ein, um Spuren zu legen. Sie wollten mit der Extremsituation Geld verdienen", sagt er. "Sie haben nicht begriffen, dass oben am Thorung-Pass viele Menschen um ihr Leben kämpfen, und sie helfen müssen."

Ähnliche Vorwürfe erhebt auch der Brite Paul Sherridan, der an jenem verhängnisvollen Morgen unter der Anleitung seines Bergführers zu diesem Pass aufbrach. "Wir wurden von einem sicheren Ort in einen Ort voller Gefahr und Tod gebracht", sagt der 49 Jahre alte Polizist. "Das wäre vermeidbar gewesen, das hätte nicht passieren müssen." Viele der Trekking-Führer sähen von dem Geld, das die Touristen an die Agenturen zahlten, kaum etwas, sagt er. Sie seien nicht ausgebildet, und gingen mit Stoffschuhen und ohne Handschuhe los.

Auf der anderen Seite des Passes, im Pilgerort Muktinath, beobachtete der deutsche Reisefotograf Jo Schönfelder die Rettungsaktionen rund um einige der höchsten Berge der Welt. "Es gab in Muktinath nur einen Armeehelikopter und einen privaten", erzählt er. Natürlich verfüge Nepal als Entwicklungsland nicht über die Möglichkeiten wie etwa die Schweiz. Aber im nahe gelegenen Jomosom gebe es eine Militärbasis, und in Pokhara mehrere Privathubschrauber für Heli-Touren, sagt er. "Mehr Menschen hätten gerettet werden können", glaubt Schönfelder.

Auch lokale Beamte meinen, es sei zu spät und nicht umfassend reagiert worden. Einer der Zuständigen in der Unglücksregion sagt, die Regierung in Kathmandu habe ewig gebraucht, ehe sie sich zu einer Entscheidung habe durchringen können. "Wir haben sofort die Zentrale angerufen, aber die haben einfach keine Helikopter geschickt", sagt der Mann, der lieber anonym bleiben will. Das Innenministerium versprach nach einer Krisensitzung in dieser Woche, in Zukunft Wetterdaten zur Verfügung zu stellen und besser zu informieren.

Das Kastensystem sei ein Problem"Unsere Bürokratie reagiert nicht zeitnah, da die Beamten nicht verstehen, wie es vor Ort aussieht", erzählt der Bergführer Suren Gurung. Eines der Probleme, sagen Eingeweihte in Kathmandu, sei das Kastensystem: Die meisten Beamten und Politiker gehörten zu der höchsten Kaste der Brahmanen, während die Träger und Führer der Touren zu den Stammesvölkern gehören. "Es sind also nicht ihre Familienmitglieder, die in den Bergen sterben", sagt eine Frau, die zahlreiche Beamte kennt.

Der Münchner Feil ging vier Tage nach dem Sturm schließlich über den schneebedeckten Thorung-Pass. Dort traf er auf die nur fünfköpfige Suchmannschaft - die ihn und alle anderen, die ihm aus dem Höhencamp folgten, zwangen, per Armeehubschrauber ins Tal zu fliegen. Feil ließ vielen den Vortritt; dann kam der Helikopter plötzlich nicht mehr. "Wir haben mehr als zwei Stunden in der Kälte gewartet, während die da unten Mittagspause gemacht haben. Null Pflichtbewusstsein", regt er sich auf.

Als sie endlich abgeholt wurden, sei zuerst die Leiche eingeladen worden, die kurz zuvor gefunden wurde, erzählt Feil. "Dann kam ich, und dann meinte der Pilot, es werde zu schwer." Also ließen sie erneut einen Mann am Berg zurück. "Ich bin ausgetickt!", sagt Feil. Kaum waren sie im Tal, schlug dann das Wetter um - wie so oft am Nachmittag. Erst kurz vor Sonnenuntergang konnte der letzte Mann vom Pass geholt werden. "Ich verstehe das nicht: Irgendjemand muss doch den Überblick und die Entscheidungsgewalt haben?", fragt Feil.

Quelle: Dpa

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