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Brückeneinsturz in Genua: Ursache möglicherweise Riss eines Tragseils

Der Einsturz der Autobahnbrücke in Genua mit mindestens 38 Toten wurde möglicherweise durch den Riss eines Tragseils verursacht. Darauf deuten erste Experteneinschätzungen und Zeugenaussagen hin. Die Regierung in Rom macht unterdessen ernst und entzieht dem Autobahnbetreiber die Lizenz. Der offiziellen Trauerfeier am Samstag wollen viele Angehörige aus Ärger über die Regierung fern bleiben.

Die Brücke wird nun komplett abgerissen SN/APA/AFP/MARCO BERTORELLO
Die Brücke wird nun komplett abgerissen

Ein Seilriss als Ursache sei "eine ernste Arbeitshypothese", auch wenn es nach drei Tagen erstmal nur eine Hypothese sei, sagte der Professor für Stahlbetonbau an der Universität Genua, Antonio Brencich, am Freitag. Brencich gehört einer vom Verkehrsministerium eingesetzten Unfallkommission an. Die Zeitung "La Repubblica" zitierte Augenzeugen, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben. Das in Rom erscheinende Blatt berichtete außerdem, dass eine Studie des Polytechnikums Mailand schon 2017 Schwächen an den Seilen entdeckt habe.

Der vierspurige, etwa 1.200 Meter lange Polcevera-Viadukt setzt sich aus drei Einzelbrücken zusammen, von denen eine am Dienstag einstürzte. Die von den Pylonen zum Fahrbahnträger reichenden Stahlseile sind in eine Betonummantelung eingeschlossen. Diese soll vor Korrosion schützen.

Das italienische Verkehrsministerium macht unterdessen offenbar seine Androhungen wahr und will dem Betreiber Autostrade per l'Italia die Konzession entziehen. Ministerpräsident Giuseppe Conte zufolge hat sich das Ministerium in einem offiziellen Schreiben an Autostrade gerichtet, um den Entzug der Erlaubnis zum landesweiten Betrieb der Autobahnen einzuleiten. "Das Desaster verpflichtet uns neue Initiativen zu ergreifen, die drastischer sind als die vorheriger Regierungen", so Conte.

Die Gesellschaft müsse außerdem bestätigen, dass sie den Viadukt auf eigene Kosten vollständig wiederaufbauen werde. Der Präsident der Region Ligurien, Giovanni Toto, und Verkehrsstaatssekretär Edoardo Rixi erklärten laut Nachrichtenagentur Ansa, Genua werde schon nächstes Jahr eine neue Autobahnbrücke haben. "Die Gesellschaft Autostrade wird sie bezahlen. Wer sie baut, werden wir abwägen", sagte Rixi.

Autostrade per l'Italia weist die Vorwürfe zurück. Die Brücke sei vorschriftsmäßig vierteljährlich überprüft worden. Außerdem seien zusätzliche Tests mittels hochspezialisierter Geräte erfolgt.

Die Holding Edizione der Unternehmerfamilie Benetton sprach den Angehörigen der Opfer am Donnerstag ihr Mitgefühl aus und versicherte, sie werde alles tun, um die Verantwortlichen des Unglücks zu benennen. Edizione kontrolliert 30 Prozent von Atlantia, dem Mutterkonzern von Autostrade per l'Italia. Nach Angaben von Atlantia könnte die Brücke binnen fünf Monaten wieder aufgebaut werden, sobald Rettungsarbeiten und Ermittlungen beendet seien. Das Unternehmen erklärte zudem, seit 2012 jährlich mehr als eine Milliarde Euro in "Sicherheit, Instandhaltung und Verbesserung" seines Autobahnnetzes investiert zu haben.

Am Samstag (11.30 Uhr) findet in Genua eine Trauerfeier statt, an der Conte und Genuas Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, teilnehmen. Laut Presseberichten wollen aber die Angehörigen von 17 der 38 Opfer aus Verärgerung über die Regierung der Feier fern bleiben, weitere sieben hielten sich die Absage offen. "Es ist der Staat, der dies verursacht hat, die sollen sich hier nicht sehen lassen. Das Schaulaufen der Politiker war eine Schande", zitierte die Turiner Zeitung "La Stampa" die Mutter eines Opfers. "Wir wollen hier keine Farce von einer Beerdigung, sondern eine Feier zuhause", sagte ein Vater.

Italienische Einsatzkräfte bargen am späten Donnerstagabend die auf den Resten der Brücke noch stehenden Fahrzeuge. Darunter war auch der grüne Lastwagen, dessen Fahrer bei der Katastrophe am Dienstag wenige Meter vor der Abbruchstelle bremsen konnte.

Nach Angaben der Präfektur von Genua sind dort, wo die Brücke am Dienstag einstürzte, immer noch tausend Menschen im Einsatz, darunter fast 350 Feuerwehrleute. Ein von der Feuerwehr veröffentlichtes Video zeigte einen Helfer, der in einen mühsam freigelegten Hohlraum zwischen Steinen, Beton- und Stahlträgern hineinruft: "Ist da jemand? Ist da jemand?" Die Aussichten, Überlebende zu finden, galten drei Tage nach dem Unglück allerdings als gering.

Unter Einsatz von Kränen und Bulldozern versuchen die Helfer, die größten Trümmerteile der eingestürzten Brücke zu beseitigen. Spezialisten arbeiten daran, die Trümmer in große Betonblöcke zu zerschneiden.

Die süditalienische Stadt Benevento hat unterdessen eine ihrer Brücken für den Verkehr geschlossen. Es handle sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die möglicherweise zu Staus führen könne, schrieb Bürgermeister Clemente Mastella am Freitagnachmittag bei Facebook. Die Brücke werde erst wieder öffnen, wenn ein Expertenteam ihre Stabilität geprüft habe. Wie das in Genua eingestürzte Viadukt ist auch die in den 1950er-Jahren erbaute San-Nicola-Brücke in Benevento das Werk des Ingenieurs Riccardo Morandi (1902-1989).

Am Samstag will ganz Italien seine Trauer zeigen. An allen Flughäfen des Landes soll es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute geben. Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr gehen am Kolosseum ebenso wie am Trevibrunnen und dem Rathaus auf dem Kapitol die Lichter aus, die diese historischen Bauwerke in Rom gewöhnlich nachts anleuchten.

In der italienischen Fußballliga werden zum Saisonauftakt die Spiele der beiden Erstligisten aus Sampdoria und CFC Genua verschoben. In den übrigen Liga-Begegnungen soll es eine Schweigeminute vor Spielbeginn geben, und die Spieler sollen Trauerflor tragen. Innenminister Salvini sprach sich jedoch inzwischen für eine vollständige Absage des Saisonauftakts der Serie A aus.

Als Zeichen der Solidarität mit Italien lässt die EU-Kommission am Samstag vor ihren Gebäuden die Flaggen auf Halbmast setzen. Auch im Fürstentum Monaco wird halbmast geflaggt. Dessen Herrscherfamilie Grimaldi hat ihre Wurzeln in Genua.

Quelle: Apa/Ag.

Aufgerufen am 18.10.2018 um 07:26 auf https://www.sn.at/panorama/international/brueckeneinsturz-in-genua-ursache-moeglicherweise-riss-eines-tragseils-38882959

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