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Das Spiel mit der Einbildungskraft: Michael Köhlmeier wird 65

Ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte hat Michael Köhlmeier in sein 650-Seiten-Epos "Die Abenteuer des Joel Spazierer", einer der bleibenden literarischen Eindrücke des Vorjahres, verpackt und sich damit einmal mehr als Erzähler in großen Zusammenhängen hervorgetan. Zuletzt erschien mit "Zwei Herren am Strand" eine vergleichsweise kleine Erzählung des Vorarlberger Autors, der am Mittwoch 65 wird.

Das Spiel mit der Einbildungskraft: Michael Köhlmeier wird 65 SN/sn
Michael Köhlmeier.

In dem im Spätsommer erschienenen Roman "Zwei Herren am Strand" verflechtet der Bestsellerautor die Biografien zwei der prominentesten Menschen des 20. Jahrhunderts - Charlie Chaplin und Winston Churchill. Es sollte der dritte Roman werden, mit dem Köhlmeier es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schaffte. Zuvor erreichte bereits sein großer Roman "Abendland" die Shortlist (2007), die herzerwärmende Erzählung "Madalyn" immerhin die Longlist (2010).

"Die Abenteuer des Joel Spazierer" fehlt in der Reihe, gehören die drei Bücher laut Köhlmeier doch lose zusammen - und das nicht nur, weil sie die Figur des Autors Sebastian Lukasser als Alter Ego Köhlmeiers gemein haben. "Es geht um die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, um das Zeitalter des Nachschocks", erzählte Köhlmeier vergangenes Jahr, und stellte gleichsam klar, keine historischen Romane schreiben zu wollen. "Betroffenheitsliteratur interessiert mich nicht. Ich misstraue Literatur, die eine Funktion hat. Für mich ist Literatur in erster Linie das Spiel meiner Einbildungskraft. Ich weiß: Es hat etwas Unseriöses. Wirklich gute Literatur ist unseriös." Duo mit Bilgeri Am 15. Oktober 1949 in Hard (Vorarlberg) als Sohn eines Journalisten geboren, studierte Köhlmeier nach der Matura zunächst Germanistik und Politikwissenschaften in Marburg und später Mathematik und Philosophie in Gießen und Frankfurt. Gemeinsam mit Reinhold Bilgeri gründete er 1972 das Duo Köhlmeier & Bilgeri; ihr Mundartlied "Oho Vorarlberg" wurde zum Hitparaden-Erfolg und zur heimlichen Landeshymne.

Mit "Originalton-Hörspielen", in denen Köhlmeier Konflikte in Fabriken und sozialen Randgruppen dokumentierte, begann Anfang der 80er Jahre sein vielfältiges literarisches Schaffen. 1982 erschien sein Debütroman "Der Peverl Toni und seine abenteuerliche Reise durch meinen Kopf". Nach emsiger Produktion weiterer Romane wie der Liebesgeschichte "Bleib über Nacht" oder der "Trilogie der sexuellen Abhängigkeit" fing Köhlmeier 1995 an, die "Klassischen Sagen des Altertums" in der gleichnamigen Ö1-Reihe zu erzählen, schrieb sie in drei Bänden nieder und adaptierte sie später auch für das Fernsehen. Durchbruch mit Mythen So war es nicht das ureigene Erzählen, sondern das Nacherzählen, mit dem Köhlmeier seinen Durchbruch feierte. Vermittler alter Mythen, antiker Sagen, Märchen, des Nibelungenliedes und der Bibelgeschichte war Köhlmeier in seinen Bestsellern sowie im Radio. Schon seine früheren Romane, wie der "Spielplatz der Helden" (1988), "Die Musterschüler" oder der "Telemach" (1995), hatten Köhlmeier als kraftvolle österreichische Erzählerstimme etabliert, mit dem hochgepriesenen Mammut-Werk "Abendland" gelang ihm nach sechsjähriger Schreibarbeit im Jahr 2007 allerdings ein ganz neuer literarischer Höhepunkt.

Weitere Neuerzählungen alten Kulturguts lehnte der Autor für die Zukunft ab: "Ich habe meinen Beitrag geleistet gegen das Vergessen." Aus seinem breiten Wissen in der Kulturgeschichte und den Naturwissenschaften und aus seiner Fähigkeit, davon in unvergleichlicher Einfachheit zu erzählen, schöpft Köhlmeier aber freilich auch in seinem eigenen, in den vergangenen Jahrzehnten nie versiegten Geschichten-Strom: Prosa-Werke, Hörspiele, Theaterstücke, Lyrik und Drehbücher (etwa die von Robert Dornhelm verfilmten "Der Unfisch" und "Requiem für Dominic") listet sein Werkverzeichnis. Zum 60. Geburtstag erschien der 600 Seiten umfassende Band "Mitten auf der Straße" mit gesammelten Erzählungen. "Die Regel ist, dass ich permanent an einem Gedankenspiel arbeite", meinte er einmal im APA-Interview. "Ich darf keine Pause lassen. Schreiben ist für mich eine Existenzform, nicht die Produktion von Büchern."

Zwei seiner Romane, "Idylle mit ertrinkendem Hund" (2008) und "Madalyn" (2010), widmete Michael Köhlmeier einem zutiefst persönlichen Thema. Darin arbeitet er den Unfalltod seiner Tochter Paula im Jahr 2003 auf. Mit seiner Frau, der Schriftstellerin Monika Helfer, die das tragische Ereignis mit "Bevor ich schlafen kann" (2010) literarisch verarbeitete, lebt Köhlmeier in Hohenems. Dort kommentiert der Autor die Lokalpolitik, findet scharfe Worte für die FPÖ, engagiert sich aber auch auf höherer Ebene. Im Vorfeld der EU-Wahl etwa zeigte er den FPÖ-Europaabgeordneten Andreas Mölzer wegen Verhetzung an und mobilisierte dafür 23.000 Menschen, die sich seiner Petition über die Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch anschlossen. Mölzer war inzwischen nach seinem Vergleich der EU mit dem Dritten Reich und der Bezeichnung "Negerkonglomerat" zurückgetreten.

Ausgezeichnet wurde Köhlmeier u.a. mit dem Rauriser Literaturpreis (1982), dem Johann-Peter-Hebel-Preis (1988), dem Manes-Sperber-Preis (1993), dem Anton-Wildgans-Preis (1996), dem Grimmelshausen-Preis (1997) und dem Preis des Vorarlberger Buchhandels (2001). 2007 erhielt er den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, 2008 wurde ihm der Bodensee-Literaturpreis für "Abendland" und für sein literarisches Gesamtwerk verliehen. Heuer wurde ihm als erster Autor der Dr.-Toni-Russ-Preis der "Vorarlberger Nachrichten" zugesprochen. Mit seinem aktuellen Roman ist der Meistererzähler derzeit auf Lese-Tour. So gastiert er mit "Zwei Herren am Strand" u.a. am 27. Oktober im Wiener Akademietheater.

Quelle: APA

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