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Die Befreiung vom lästigen BH im Coronalockdown

Anhängerinnen des "No Bra"-Trends gibt es bereits seit Jahren - aus dem feministischen Wunsch der sexuellen Befreiung heraus oder auch aus Gründen des Komforts. 55 Tage im Lockdown haben ihre Zahl in Frankreich erhöht.

Auf den Büstenhalter zu verzichten, bedeutet auch auf gesellschaftliche Konventionen zu pfeifen.  SN/stock.adobe.com
Auf den Büstenhalter zu verzichten, bedeutet auch auf gesellschaftliche Konventionen zu pfeifen.

Es ist vielleicht einer der Effekte des Lockdowns und für die Betroffenen ein durchaus positiver. Eine Folge der erzwungenen Selbstisolierung und der Besinnung auf das, was man tun oder lassen möchte - es sieht ja kaum einer. Immer mehr Französinnen verzichten einer Studie des Meinungsforschungsinstituts IFOP zufolge sowohl zu Hause als auch in der Öffentlichkeit darauf, einen Büstenhalter zu tragen. In Frankreich erhöhte sich ihr Anteil zwischen Beginn und Ende der Ausgangsbeschränkungen von drei auf sieben Prozent - keine massive, aber doch eine erkennbare Anhebung. Stärker ist die Tendenz bei den 18- bis 25-Jährigen, bei denen der Anteil "der BH-Verweigerinnen" zwischen Februar und Juni von vier auf 18 Prozent kletterte. Bei Frauen mit geringem Brustumfang, denen eine A-Körbchengröße reicht, ist es demnach jede sechste.

Brustwarzen sollten nicht sichtbar sein

Das französische Wort für BH, "soutien-gorge", bedeutet wortwörtlich "Stütze des Halses", gemeint ist allerdings die Brust, welche bei Entstehung des Ausdrucks wohl nicht so konkret benannt wurde - ähnlich wie beim deutschen "Büstenhalter". Doch für immer mehr Frauen handelt es sich eben nicht um eine Stütze, sondern um eine lästige Pflicht, von der Gesellschaft vorgegebenen Konventionen zu folgen. "Das Dekolleté und die Brüste dürfen zwar sichtbar sein, nicht aber die Brustwarzen", merkt die feministische Philosophin Camille Froidevaux-Metterie an.
Anhängerinnen des "No Bra"-Trends (vom englischen Wort "Bra" für BH) und der Kampagne "Free the Nipple" ("Befrei die Brustwarze") gibt es bereits seit Jahren - aus dem feministischen Wunsch der sexuellen Befreiung heraus oder auch aus Gründen des Komforts. 55 Tage im Lockdown haben ihre Zahl in Frankreich erhöht, so Froidevaux-Metterie: "Die Frauen haben die Erfahrung gemacht, dass ihr Körper von Blicken von außen befreit war, und konnten sich von vielen Vorgaben lösen."
Den eigenen Körper so natürlich anzunehmen und zu zeigen, wie er ist - diese Freiheit gewinnt an Bedeutung bei französischen Frauen, die oft auch auf Make-up verzichten (welches unter der Gesichtsmaske ohnehin verschwindet).

Der Verzicht auf den BH als politischer Akt

"Für Teenager ist das Tragen des Büstenhalters symbolisch: Es markiert den Beginn der Weiblichkeit", sagte die 32-jährige Elisa der Zeitung "Le Parisien". Heute fühle sie sich ohne wohler und spare dabei viel Geld. Denn Dessous seien teuer.
Die Brüste in von Spitze oder Baumwolle umgebene Stahlkonstruktionen zu zwängen erscheint vielen nicht angenehm und den eigenen Körper zu verstecken, weil sie provozieren könnten, nicht zeitgemäß. Allerdings sagt IFOP zufolge jede zweite in Frankreich befragte Person (beiderlei Geschlechts), eine Frau ohne BH nehme das Risiko auf sich, sexuell belästigt zu werden. Knapp 20 Prozent erkennen in dem Fall sogar einen mildernden Umstand für den Täter. "Die weiblichen Brüste bleiben in unserer Gesellschaft sehr sexualisiert", erklärt IFOP-Meinungsforscher François Kraus.
Auf den Büstenhalter zu verzichten, gerade um sich dem entgegenzustellen, kann so zum politischen Akt werden. Im vergangenen Jahr schlossen sich Tausende Italienerinnen dem Aufruf zweier Studentinnen an, Solidarität mit der deutschen "Sea-Watch"-Kapitänin Carola Rackete zu zeigen, die von einer Zeitung dafür kritisiert worden war, zu einem Prozess in Sizilien ohne BH erschienen zu sein. Also legten die italienischen Frauen einen BH-freien Tag ein und stellten entsprechende Fotos von sich selbst ins Internet - befreit, selbstbewusst und gern auch provokant.

Aufgerufen am 28.11.2020 um 12:22 auf https://www.sn.at/panorama/international/die-befreiung-vom-laestigen-bh-im-coronalockdown-91954771

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