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Die Königin und andere Tiere

Aostatal. Im Schatten von Europas höchstem Berg pflegen die Valdostaner tierische Traditionen.

Corinne will einfach nicht mehr. Da mag ihr Patron, der Bauer Enzio, noch so sehr am Strick ziehen und der Helfer hinten anschieben, sie bleibt stur und macht keinen Schritt weiter. Dabei hatte sie beim Abwiegen noch brav mitgespielt und sogar fast gelächelt, als der Zeiger auf vergleichsweise schlanken 583 Kilogramm stehen blieb. Corinne ertrug auch stoisch, dass sie mit weißer Farbe die Nummer 85 aufs schwarze Fell gepinselt bekam. Nun aber reicht es ihr. Auf La Salles Dorfwiese geführt zu werden, um gegen ihresgleichen anzutreten, womöglich gegen ihre beste Freundin, nein, das gefällt ihr gar nicht. So bleibt Enzio nichts übrig, als zu passen und die Arena freizugeben für die nächste Akteurin. Der Ausfall ist aber nicht tragisch, nehmen an dem Event doch weit über hundert andere Mitspielerinnen teil.

"Bataille des reines" - Kampf der Königinnen heißen diese Wettbewerbe bei den Valdostanern, den gleichermaßen italienisch- wie französischsprachigen Bewohnern des Aostatals. Die Turniere finden so wie in La Salle in rund zwei Dutzend Dörfern der zu Italien gehörenden autonomen Region statt. Zunehmend stößt dieses Brauchtum heutzutage auch bei auswärtigem Publikum auf Interesse. Hier geht es jedoch nicht um Leben oder Tod, sondern bloß um Animalisches: die ganz und gar unblutige Rangelei vierbeiniger Protagonistinnen. Genauer gesagt, ausschließlich trächtiger Kühe, meist der robusten Rasse Valdostana Pezzata Nera oder auch Valdostaine pie noire, aus deren Milch übrigens der begehrte Käse Fontina entsteht. Und an einigen Sonntagen lassen die Züchter sogar "Eisenbahnerkühe" miteinander raufen, also Ziegen.

Ceres ist wesentlich angriffslustiger als Corinne. Die Nummer 36 bringt mit 688 Kilogramm auch bedeutend mehr Masse auf die Waage und folgt ihrem Hüter Mathieu voll Freude auf die Kampfwiese. Vielleicht auch, weil sie dort ihre Rivalin Princesse ausgemacht hat, die ihr bereits seit Längerem ihre Rolle als Leittier streitig machen will. Schon krachen die zwei Dickschädel aufeinander, beide Kontrahentinnen drücken und schieben, bis Princesse zurückweicht und aufgibt. Als La Salles "Königin des Tages" bleibt Ceres mit einem Almbuschen zwischen den Hörnern zurück. Den Höhepunkt erlebt der jahreszeitliche Kuhreigen aber am dritten Oktoberwochenende, wenn in Aostas Schwarz-Kreuz-Arena die Gewinnerinnen der einzelnen Orte um die Siegespalme des ganzen Tals wetteifern, um den Titel einer "Reine de batailles", also "Königin der Kämpfe".

Der Name Aosta entwickelte sich über die Jahrhunderte aus Augusta Praetoria und verweist damit auf ihren kaiserlichen Gründer. Tatsächlich haben sich in der Stadt bis heute bedeutende römische Monumente erhalten. Das beginnt am Ortseingang mit einer Brücke, die allerdings funktionslos wurde, als der Wildbach Buthier eines schönes Tages beschloss, in ein anderes Bett zu wechseln. Gleich daneben steht der Augustusbogen, gewissermaßen Aostas Logo, der vom Sieg des Imperators über den lokalen Stamm der Salasser kündet. Eindrucksvoll sind auch die Ruinen der Stadtmauern, des Theaters und des Forum Romanum, ferner die mächtige Porta Praetoria. Trotzdem ist es vielleicht ein wenig übertrieben, wenn die Einwohner ihre Regionalhauptstadt "Rom der Alpen" nennen.

Dass Aosta auch im Mittelalter seine Bedeutung nicht verlor und gut am Transithandel verdiente, bezeugt der prachtvolle Freskenschmuck zweier Gotteshäuser: der Kollegiatskirche Sant'Orso und der Kathedrale. Leider sind beide Bilderzyklen aus ottonischer Zeit unter den jeweiligen Dächern versteckt und nur dem zugänglich, der es schafft, den Schlüssel aufzutreiben. Auch spätere Jahrhunderte verstanden mit imposanten Bauten zu klotzen. Ein Beispiel ist das sichtlich eine Nummer zu groß geratene klassizistische Rathaus auf der Piazza Chanoux; eine typische italienisch-französische Namenskreation übrigens, die einen Pionier der valdostanischen Autonomie ehrt.

Das Valle d'Aosta ist ein richtiges Burgenland. Schon am Eingang sperrt die Festung Forte das Tal so effizient, dass daran sogar Napoleon zu scheitern drohte. Berühmt ist auch das Castello di Fenis kurz vor Aosta, das immer wieder für einschlägige Filme eine authentische Kulisse abgibt. Aber die Passage tatsächlich blockieren wollten die Burgherren selten, meist ging es ihnen bloß darum, bei den Durchreisenden nach Raubritterart kräftig abzukassieren. Dass diese Tradition in der valdostanischen Gastronomie bis heute fortlebt, ist indes ein böswilliges Gerücht, hier, angesichts des himmelstrebenden Montblanc-Massivs.

Wer das Aostatal nicht durch einen der beiden Tunnel verlässt, wählt die Passstraße über den Großen Sankt Bernhard Richtung Schweiz. Auch hier wird es wieder tierisch. Doch die Bernhardinerhunde, mit einer Schulterhöhe von immerhin 90 Zentimetern, denken nicht daran zu kämpfen. Verschüttete haben sie auch keine aufzuspüren, also dösen sie faul vor dem Hospiz in der Sonne, als hätten sie vom Inhalt des Fässchens an ihrem Hals selbst gekostet ...

INFORMATION

Anreise: Mit dem Auto über Mailand via Ivrea, durch den Montblanc-Tunnel oder durch den Tunnel des Kleinen oder Großen Sankt-Bernhard-Passes.

Kuhkämpfe und weiteres Brauchtum:

www.lovevda.it/de/kultur/tradition/traditionellen-veranstaltungen (deutsch)

Generelle Info:

Das Aostatal ist eine autonome Region im Nordwesten Italiens, Amtssprachen sind Italienisch und Französisch; das Gebiet ist

etwa halb so groß wie das Land Salzburg. www.enit.at

Quelle: SN

Aufgerufen am 19.12.2018 um 01:07 auf https://www.sn.at/panorama/international/die-koenigin-und-andere-tiere-38860783

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