Die Richter haben umsichtig entschieden

Die strengen Regeln des Gentechnikgesetzes sollen auch bei der Genschere greifen.

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Standpunkt Ursula Kastler

Die Richter des Europäischen Gerichtshofs haben entschieden, dass Pflanzen, die mit der Genschere verändert werden, unter die strengen Regeln des Gentechnikgesetzes fallen. Futtermittel oder Nahrungsmittel, die mit dieser Methode entstehen, müssen damit dementsprechend gekennzeichnet sein. Die Entscheidung war schwierig. Denn bei diesem Verfahren werden in die Pflanzen keine fremden Gene eingesetzt, sondern gezielt Mutationen verursacht, was eher einer Züchtung entspricht. Die Pflanzen sind damit "transgen-frei", mit ihnen kann man neue Sorten züchten. Das wird wichtiger werden, da sich Kulturpflanzen wegen des Klimawandels schneller an Trockenheit anzupassen haben. Die Anzahl der Schädlinge wird zunehmen. Landwirte werden resistente Pflanzen brauchen, die es ihnen ersparen, mehr insektenvernichtende Gifte zu sprühen.

Die Entscheidung der Richter war dennoch klug. Das Verfahren, das es erst seit vier Jahren gibt, zählt in der Wissenschaft zu den bahnbrechenden Neuerungen. Wie bei all diese Innovationen ist mit positiven wie negativen Konsequenzen zu rechnen. Begleitende Langzeitstudien gibt es mit der Genschere noch nicht. Klar ist, dass die Weltkonzerne in der Branche die Methode mit all ihren Vorteilen als zukunftsträchtiges Milliardengeschäft sehen. Das ist ihr Metier, schließt aber Missbrauch nicht aus. Für solche Neuerungen muss es also zeitgerecht Regeln geben, die für Anwender wie Verbraucher transparent sind und mögliche Risiken minimieren. Es müssen Diskussion geführt werden - nicht zuletzt über ethische Fragen - und es soll Kontrolle geben.

Die Anfrage der französischen Natur- und Verbraucherschützer, die für die Anwendung der Genschere Klarheit forderten, war mehr als berechtigt. Nicht zielführend wäre es, Proteste militant zu führen, Forscher anzugreifen und Versuchsfelder zu zerstören, wie das in anderen Fällen bereits geschehen ist. Es ist nicht sinnvoll, wissenschaftliche Entwicklungen zu verteufeln. Niemand kann in die Zukunft schauen. Es könnte sein, dass heutiges Wissen dann dringend benötigt wird.

Es ist aber Sache der Gesellschaft, also in letzter Instanz der Politik, Wandel aufmerksam, wachsam und kritisch zu begleiten. Sorgloses Wegschauen oder den Dingen ihren Lauf zu lassen, ist zwar bequem, aber dumm. Die Entscheidung der Richter kam in dem Fall noch zum rechten Zeitpunkt. Die Gesellschaft, also wir alle, wird künftig wohl immer noch rascher reagieren müssen.

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