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Dramatischer Weltbericht: Menschheit tilgt die Natur von der Erde

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind nach einem UN-Bericht vom Aussterben bedroht. Viele drohten bereits "in den kommenden Jahrzehnten" zu verschwinden, heißt in dem Bericht zur weltweiten Artenvielfalt, den der Weltrat für Biodiversität (IPBES) am Montag in Paris veröffentlichte. Die Wissenschafter fordern darin "tiefgreifende Änderungen" zum Naturschutz.

Studien zu Artenvielfalt zusammengetragen SN/APA (Archiv/dpa)/Nicolas Armer
Studien zu Artenvielfalt zusammengetragen

Die Menschheit lässt einem umfassenden Weltbericht zufolge in rasendem Tempo die Natur von der Erde verschwinden. Dafür gebe es inzwischen überwältigende Beweise, die ein unheilvolles Bild zeichneten, warnte der Vorsitzende des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), Robert Watson, am Montag.

"Wir erodieren global die eigentliche Basis unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen, Nahrungsmittelsicherheit und Lebensqualität." Die Weltgemeinschaft müsse sich dringend abwenden von wirtschaftlichem Wachstum als zentralem Ziel, hin zu nachhaltigeren Systemen, hieß es.

In ihrem ersten globalen Bericht zum Zustand der Artenvielfalt reiht die Organisation der Vereinten Nationen beängstigende Fakten aneinander: Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei rund eine Million vom Aussterben bedroht. Das Ausmaß des Artensterbens war in der Geschichte der Menschheit noch nie so groß wie heute - und die Aussterberate nimmt weiter zu. Drei Viertel der Naturräume an Land wurden vom Menschen bereits erheblich verändert, in den Meeren zwei Drittel.

Noch ist es nicht zu spät...

Immer wieder verdeutlichen die Autoren, dass der Verlust an Biodiversität kein reines Umweltthema ist, sondern auch Entwicklung, Wirtschaft, politische Stabilität und soziale Aspekte wie Flüchtlingsströme beeinflusst. Gravierende Folgen für Menschen weltweit seien inzwischen wahrscheinlich, warnen sie. Noch sei es aber nicht zu spät für Gegenmaßnahmen, erklärte Watson, "aber nur, wenn wir sofort auf allen lokalen bis globalen Ebenen damit beginnen".

Drei Jahre intensive Forschung

Ein ähnlicher globaler Check war zuletzt vor 14 Jahren präsentiert worden. Für die Neuauflage trugen 145 Autoren aus 50 Ländern drei Jahre lang Wissen aus Tausenden Studien und Dokumenten zusammen. "Dass keine gesicherten Erkenntnisse über den globalen Zustand der biologischen Vielfalt, die direkten und indirekten Ursachen für das derzeitige Massenartensterben und über Alternativen bestünden, kann fortan niemand mehr behaupten", sagte Mitautor Jens Jetzkowitz von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.

Die Autoren haben die Hauptursachen für den verheerenden Wandel nach ihrer Bedeutung gewichtet. Den größten Einfluss hat demnach die veränderte Nutzung von Land und Meer, gefolgt von der direkten Ausbeutung von Lebewesen, dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung und invasiven eingewanderten Arten.

Rolle des Klimawandels wächst

Die Bedeutung des Klimawandels werde in den nächsten Jahrzehnten zunehmen und zumindest in einigen Bereichen weiter an die Spitze der Hauptursachen rücken.

Zahlreiche der im Bericht aufgelisteten Entwicklungen hängen eng mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung zusammen. So haben sich die landwirtschaftlichen Ernteerträge seit 1970 verdreifacht und der Holzeinschlag nahezu verdoppelt. 60 Milliarden Tonnen erneuerbare und nicht erneuerbare Rohstoffe und Ressourcen werden alljährlich abgebaut - fast doppelt so viele wie noch 1980.

Plastikmüll und Schwermetalle im Wasser

Die mit Städten bebaute Gesamtfläche ist inzwischen mehr als doppelt so groß wie noch 1992. Gar verzehnfacht hat sich seit 1980 die Plastikmüll-Verschmutzung, zudem gelangen Unmengen Schwermetalle, Gifte und andere Abfallstoffe aus Fabriken in Gewässer, wie es in dem Bericht heißt.

Ein ähnlicher, weniger ausführlicher globaler Check war zuletzt vor 14 Jahren präsentiert worden. Für die Neuauflage trugen 145 Autoren aus 50 Ländern unterstützt von mehr als 300 weiteren Experten drei Jahre lang vorhandenes Wissen aus etwa 15000 Studien und anderen Dokumenten zusammen.

Delegierte der 132 IPBES-Mitgliedsstaaten hatten in der vergangenen Woche in Paris über die genauen Formulierungen der Zusammenfassung debattiert. Das am Montag vorgestellte Papier enthält die Kernpunkte einer umfassenden Analyse, die erst später veröffentlich wird.

Ähnlich den Papieren des Weltrats IPCC für den Klimawandel soll der Artenvielfalt-Bericht einen international akzeptierten Sachstand zur Lage und zu möglichen Lösungen schaffen. Beteiligte Forscher hoffen, dem Artenschutz damit neuen Aufwind verleihen und einen Wandel Richtung nachhaltige Entwicklung anstoßen zu können. Besonders wichtig ist der Report für die Weltartenschutzkonferenz 2020 in China. Dort sollen die Eckpunkte für den weltweiten Artenschutz nach 2020 festgelegt werden.


Der Weltrat für Biologische Vielfalt IPBES

Der Weltrat für Biologische Vielfalt (Weltbiodiversitätsrat) wurde offiziell im April 2012 auf UN-Ebene gegründet. Sein Sekretariat hat seinen Sitz in Bonn. Genau wie der Weltklimarat IPCC fungiert er als wissenschaftliches Beratergremium für die Politik und erstellt dazu umfassende Berichte. Derzeit gibt es 132 Mitgliedsländer.

Kernaufgabe ist die unabhängige Bestandsaufnahme der biologischen Vielfalt sowie ihrer Gefährdung und Zerstörung. Betrachtet werden auch Ökosystemleistungen wie die Blütenbestäubung. Die Mitgliedsstaaten und -organisationen nominieren für die Berichte zeitlich befristete Autorenteams aus Forschern und weiteren Experten.

Der offizielle Name des Gremiums lautet IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services). Ebenso wie für das Klima wurde auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 auch für die biologische Vielfalt eine UN-Konvention vereinbart.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 28.01.2021 um 04:40 auf https://www.sn.at/panorama/international/dramatischer-weltbericht-menschheit-tilgt-die-natur-von-der-erde-69820558

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