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Ein halbes Jahr #MeToo: Welche Folgen hat die Sexismusdebatte?

Im Oktober 2017 warfen zahlreiche Schauspielerinnen dem US-Filmproduzenten Harvey Weinstein sexuellen Missbrauch vor. Wie daraus in kurzer Zeit eine weltweite Bewegung wurde.

Transparent bei einem #metoo-Marsch in Kalifornien. In der Bildmitte: Harvey Weinstein.  SN/afp
Transparent bei einem #metoo-Marsch in Kalifornien. In der Bildmitte: Harvey Weinstein.

Der Stein des Anstoßes für die neue Debatte über Sexismus unter dem Schlagwort MeToo lag in den USA. Doch es dauerte nicht lang, da wurde aus dem Weinstein-Skandal eine weltweite Bewegung. Was hat MeToo in verschiedenen Regionen der Welt bewirkt? Ein Überblick:

USA: Im Oktober 2017 traten Artikel in der "New York Times" und im Magazin "New Yorker" eine Lawine los: Ashley Judd und weitere Schauspielerinnen warfen Harvey Weinstein darin sexuelle Übergriffe vor. Immer weitere schlossen sich an, inzwischen haben mehr als 80 Frauen Anschuldigungen gegen den Filmproduzenten erhoben - bis hin zu Vergewaltigungen.

Weinstein hat Fehlverhalten eingeräumt, Vorwürfe von nicht einvernehmlichem Sex aber immer wieder zurückgewiesen. Der Produzent soll sich derzeit in Therapie befinden. Seine Frau ließ sich scheiden, die von ihm gegründete Filmfirma, die inzwischen Insolvenz anmelden musste, entließ ihn. Ob es zum Prozess gegen Weinstein kommt, ist unklar.

Die Weinstein-Enthüllungen lösten die MeToo-Debatte und die Kampagne Time's Up ("Die Zeit ist um") aus - eine weltweite Bewegung, bei der Hunderttausende Betroffene über eigene Erfahrungen berichten und Missbrauchsvorwürfe öffentlich machen.

Großbritannien: Die MeToo-Debatte hat in Großbritannien besonders Politiker getroffen. Belästigungsvorwürfe kosteten sowohl Verteidigungsminister Michael Fallon als auch Kabinettschef Damian Green ihr Amt.

Am Londoner Old Vic Theater soll US-Schauspieler Kevin Spacey in seiner Zeit als künstlerischer Direktor mindestens 20 Männer sexuell belästigt haben.

Die Hilfsorganisation Oxfam räumte sexuelles Fehlverhalten von einigen Mitarbeitern in Krisengebieten in Haiti und im Tschad ein. Die Männer hatten etwa Sex für Hilfsleistungen verlangt.

Österreich: Die MeToo-Debatte hat in Österreich vor allem im Skisport Wellen geschlagen. Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg berichtete von regelmäßigen Übergriffen durch Trainer, Betreuer und Kollegen sowie einer Vergewaltigung, als sie 16 war. Sie fuhr in den 1970er-Jahren unter ihrem Mädchennamen Spieß. Zur damaligen Zeit habe es systematischen Machtmissbrauch im Skisport gegeben, so Werdenigg. Mehrere Sportlerinnen berichteten danach von ähnlichen Erfahrungen. Andere Kolleginnen wollen nichts von Übergriffen mitbekommen haben. Der Österreichische Skiverband (ÖSV) ist aufgrund seiner zögerlichen Reaktion auf die Vorwürfe medial stark unter Druck geraten.

Deutschland: Der einzige prominente Fall in Deutschland, der auch Folgen hatte, war jener um den Regisseur Dieter Wedel. Die Vorwürfe gegen ihn reichen bis hin zur Vergewaltigung. Er bestreitet sie im Kern. Wedel verlor seinen Job als Leiter der Bad Hersfelder Festspiele. In der Branche war das Verhalten des heute 75-Jährigen als Regiemacho lange ein Tuschelthema, viele haben davon gewusst. Im Zuge von MeToo wurde er in den Medien zur Rechenschaft gezogen. Manche sagen: an den Pranger gestellt. Die Justiz ermittelt, mit noch offenem Ergebnis.

Schweden: Das Land gilt eigentlich als Paradies der Gleichberechtigung. Deshalb hat es viele überrascht, wie stark MeToo auch hier eingeschlagen hat. In verschiedenen Branchen haben Zehntausende Betroffene im vergangenen halben Jahr Berichte und Unterschriften gesammelt. Medienberichten zufolge gibt es um die 50 solcher Aufrufe mit insgesamt mehr als 60.000 Unterschriften. Rund 40 Unternehmen mussten ihren Umgang mit Belästigungen vor dem Diskriminierungsombudsmann rechtfertigen. Mehrere Politiker und Fernsehmoderatoren verloren ihre Jobs.

Zudem hat die schwedische Regierung ein Gesetz auf den Weg gebracht, demzufolge beim Sex beide Partner ausdrücklich und erkennbar mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden sein müssen.

Indien: So offen wie vielleicht noch nie wurde in dem konservativen Land über das Problem sexueller Belästigung gesprochen. Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien ein großes Problem. Medien berichten mit trauriger Regelmäßigkeit von besonders grausamen Vergewaltigungen, oft mit Todesfolge. Auch einige Bollywood-Schauspielerinnen haben von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung erzählt. Prominente Täter wurden allerdings nicht genannt, und größere Konsequenzen blieben bislang aus.

Arabische Welt: In weiten Teilen der arabischen Welt, in der die Belästigungsrate global zu den höchsten zählt, spielte MeToo nur eine untergeordnete Rolle. Ein wichtiger Grund dafür dürfte auch sein, dass die Debatte in der Region online vor allem in elitären Kreisen und häufig auf Englisch geführt wird. Dies schließt den größten Teil der Bevölkerung von der Diskussion aus. Trotzdem war das berühmte Hashtag auch in arabischen Ländern, vor allem in Ägypten, zeitweise viral. Es ist aber nicht das erste Mal, dass Frauen ihre Stimme erheben: Seit den arabischen Aufständen 2011 gab es in einigen Ländern entsprechende Kampagnen. So richtete sich im September in Tunesien eine Aktion mit dem Namen "Belästiger fahren nicht mit uns" gegen Annäherungsversuche in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Quelle: SN, Dpa

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