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Ein Insiderblick aus (post)revolutionären Zeiten

Zu Silvester 1958 machte sich der junge US-Fotograf Lee Lockwood nach Kuba auf, weil sich dort das Ende der Diktatur von General Fulgencio Batista abzeichnete.

Der damals 27-Jährige fand sich bald im Auge des revolutionären Hurrikans wieder und begleitete Fidel Castros Rebellen auf ihrem Triumphzug von der Sierra Maestra in die Hauptstadt Havanna. Ein heuer erschienener Bildband zeugt davon.

Wie kaum ein anderer drang Lockwood dabei in die engeren Zirkel rund um am Freitag verstorbenen Fidel Castro vor. Er kam in den postrevolutionären Jahren immer wieder nach Kuba. Auch als die Unzufriedenheit mancher Bevölkerungsgruppen bereits gestiegen war, und Tausende Kubaner ihr Heil in der Flucht in kleinen Booten oder auf selbstgezimmerten Floßen suchten.

Seine Interviews und Reportagen schilderten die Ereignisse von innen, aus dem Zentrum der Macht ebenso wie aus dem Blickpunkt der Gesellschaft. Diese Insider-Zeugnisse sind bis heute historische Zeitdokumente. Wobei auch die zahlreichen, zum Teil bisher unveröffentlichten, Fotos einen einprägsamen Einblick in eine zumindest zeitweise von Aufbruchseuphorie determinierten Epoche geben. Manchmal sah diese eben so aus, dass der "Maximo Lider" die Schuhe abstreifte und in Socken auf der Veranda im Schaukelstuhl seine Zigarre schmauchte.

Hervorragend in jeglicher Hinsicht ist ein tagelanges Interview, dass Lockwood Mitte der 1960er-Jahre mit Castro führte. Es erschien erstmals 1967 in dem Buch "Castro's Cuba, Cuba's Fidel" und wurde in dem vorliegenden, durchaus opulenten Band vom deutschen "Taschen Verlag" neu ediert.

Lockwood und Castro waren einander zweifellos zugeneigt. Das Großinterview trägt durchaus saloppe Züge, wobei auch kritische Fragen nicht ausgespart wurden. So prangert der US-Amerikaner die Zensur von Literatur und Medien ebenso an wie die mangelnde Pressefreiheit. Castro bestritt diese Zustände gar nicht ab, repliziert aber, dass in Kuba wenigstens keine hypothetische Pressefreiheit glorifiziert werde, wie dies eben in den USA der Fall sei.

Dass dem Journalisten die Situation regimekritischer kubanischer Autoren missfällt, versteht Castro nicht, stehen sie doch "im Dienste des Feindes oder der Konterrevolution". Castro schwadroniert über die Probleme in den USA und Kubakrise, gesellschaftliche Notwendigkeiten und die Kraft des Sozialismus. Ein Revolutionär macht sich eben so seine Gedanken.

Lockwood wollte mit seinen Berichten schon während des Kalten Krieges als eine Art Eisbrecher fungieren, doch blieb das Klima noch jahrzehntelang frostig. Das von US-Präsident Barack Obama und Fidels Bruder Raul Castro eingeleitete Tauwetter zwischen den USA und Kuba erlebte der emeritierte Professor der California State University - im Gegensatz zu Fidel - nicht mehr mit. Er war zwar rund zehn Jahre jünger als Fidel, starb aber bereits 2013. Sein nunmehr neu aufgearbeitetes, aus historischen Fotos bestehendes Erbe kann sich Kuba und Castro betreffend aber in der Tat sehen lassen.

Lee Lockwood: Castros Kuba. Ein Amerikaner in Kuba. Reportagen aus den Jahren 1959-1969. Taschen Verlag, Köln 2016. 368 Seiten, 49,99 Euro. ISBN 978-3-8365-3240-2.)

Quelle: APA

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