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Eine Habsburgerin feiert in Brasilien Comeback als Serienheldin

Vor 200 Jahren, am 5. November 1817 , betrat Kaiserin Leopoldina erstmals brasilianischen Boden. Als Protagonistin der Telenovela "Novo Mundo" ist sie derzeit wieder stark präsent. In Rio muss man ihre historischen Spuren trotzdem suchen.

Jugendbildnis von Maria Leopoldine von Österreich, Kaiserin von Brasilien. SN/wikimedia commons
Jugendbildnis von Maria Leopoldine von Österreich, Kaiserin von Brasilien.

Rio de Janeiro. Brasilien, werktags, 18.00 Uhr: Ein Großteil der 200 Millionen Einwohner sitzt vor dem Fernseher - es ist Zeit für die tägliche Telenovela. Von März bis Ende September fieberten Millionen Brasilianer mit der Kaiserin Leopoldina, eine der Hauptfiguren der Novela "Novo Mundo", übersetzt: neue Welt.

Vor 200 Jahren, am 5. November 1817 , betrat die Habsburgerin erstmals brasilianischen Boden, als Gemahlin des Prinzregenten Dom Pedro, um einige Jahr später als erste Kaiserin und Wegbereiterin der Unabhängigkeit Brasiliens berühmt zu werden.

Für den größten Sender des Landes, das Rede Globo, ist die Serie ein Überraschungserfolg. Laut Statistiken hatte Novo Mundo die besten Einschaltquoten aller 18-Uhr-Novelas seit 2011, der Marktanteil betrug im Schnitt rund 23 Prozent - und das über ein halbes Jahr hinweg.

Royals als Identifikationsfiguren

Die Royals ziehen, auch wenn sie, wie in "Novo Mundo", nur die Rahmenhandlung stellen. In Europa ist das nicht anders, wo englische, monegassische und schwedische Regenten und Thronfolger einem ganzen Mediengenre - der Yellowpress - täglich Futter für Hochglanzmagazine liefern. In Brasilien ist das freilich lange her. Die Monarchie endete bereits Ende des 19. Jahrhunderts und mündete in die erste Republik. Aber die Geschichte zieht noch immer. Warum eigentlich?

Es ist die bewährte Mischung aus ein wenig Kitsch, viel Herzschmerz, Identifikationsfiguren und einer spannender Handlung, wie Ligia Lemos es in einem Interview mit dem Telenovela-Internetportal "Gente" formuliert. Sie forscht an der Universität von Sao Paulo (USP) über Telenovelas. Dafür gibt es dort sogar einen eigenen Forschungszweig. So bekomme die TV-Öffentlichkeit Kontakt zu einer Art kulturellen Identität, mit Modellen idealer Familien, einer idealen Gesellschaft und somit Faktoren, die zum Nachdenken anregen. Zudem alles Dinge, die in Brasilien keine Selbstverständlichkeit sind.

Eine Statue erinnert in Rio an die Kaiserin

Prinzessin Leopoldina feierte ein beachtliches Comeback als Serienstar. In Rio de Janeiro, wo die 1797 in Wien als Maria Leopoldine geborene Regentin aus dem Haus Habsburg ihre gut neun Jahre auf brasilianischem Boden verbrachte, ist die Erinnerung ein wenig verblasst. Im Quinta de Boa Vista, dem einstigen Sitz der Regenten im Stadtteil Sao Cristoval, erinnert nicht mehr viel an Leopoldina und Dom Pedro I. - eine Statue im Park des heutigen Nationalmuseums der Bundesuniversität, ein Naturkundemuseum.

Da muss man schon genauer hinschauen, um die Parallele zu erkennen. Im Museum ist auch eine Mineralienausstellung zu sehen. Prinzessin Leopoldine war eine begeisterte Mineralogin. Einmal soll ihr ihr Vater, Kaiser Franz I. von Österreich, wohl mehr aus Spaß, die Stelle der Hofmineralogin angeboten haben, sollte sie keinen passenden Mann finden.

Der einstige imperiale Glanz des Viertels ist ziemlich verblasst. Sao Cristovao ist heute ein Mittelklassewohnviertel umgeben von Favelas.

Nur einige hundert Meter Richtung Stadtzentrum befindet sich die Estacao Ferroviária Leopoldina, der nach der Kaiserin benannte Bahnhof. Von 1926 bis 2002 war dieser der Endpunkt der Bahnlinie, die rund 70 Kilometer hinauf in die kaiserliche Sommerresidenz Petrópolis führte. Ein schmucker neoklassizistischer Bau des britischen Architekten Robert Prentice, der auch den Palacio da Cidade im Stadtteil Botafogo entwarf, einst der Sitz der Stadtverwaltung Rios.

Eine Sambaschule namens "Kaiserin Leopoldina"

Nachdem 2001 der Zentralbahnhof gebaut wurde, endete die Geschichte als Verkehrsknotenpunkt. Danach kursierten die tollsten Ideen, wie man das schmucke Gebäude weiternutzen wolle: Einmal sollte eine Shoppingmall hinein, dann ein Museum. Aus beidem wurde nichts. Der Teilstaat Rio de Janeiro, weiterhin durch das Unternehmen Supervia Eigentümerin, nutzte das Areal als Abstellplatz für nicht gebrauchte Züge. Zur WM 2014 war die Station noch einmal im Gespräch, ein Schnellzug sollte die Metropolen Rio und Sao Paulo verbinden - es blieb auch hier bei der Idee. Inzwischen bröckelt die Fassade, Stadt und Teilstaat sind pleite. Bei der Stadtverwaltung will man keine Auskunft zur Zukunft des Gebäudes geben.

Weitaus lebendiger wird das Andenken ein Stück weiter draußen, in der Nordzone der Stadt, gepflegt. Dort hat die Sambaschule Imperatriz Leopoldinense ihren Sitz. Natürlich benannt nach der Kaiserin, weil der Stadtteil, im Schatten der markant auf einem Hügel gebauten Wallfahrtskirche Nossa Senhora da Penha gelegen, gleich an die alte Bahntrasse angrenzte.

Die Sambaschule, gegründet 1959, deren Farben, ebenso wie die des Kaiserhauses, grün (Braganca) und Gold (Habsburger) sind, gehört seit Jahren zur Elite der Sambaschulen. Acht Mal gewann sie in den vergangenen 37 Jahren den Titel der besten Sambaschule. Größeres Aufsehen als durch einen Titelgewinn erfuhr die Sambaschule bei der diesjährigen Parade. Sie verband ihren farbenprächtigen Auftritt mit einer glasklaren politischen Botschaft: Die indigenen Völker in Brasilien sind in Gefahr und wesentlichen Anteil daran trägt die Agrarindustrie mit ihrer inzwischen beschleunigten und rücksichtslosen Abholzung der Regenwälder im Amazonasbecken. "Xingu - O clamor que vem da floresta - Xingu, der Schrei, der aus dem Wald kommt" lautete das Thema.

Für die Agrarlobby ein Affront. Man solle doch nicht den Wirtschaftszweig in den Schmutz ziehen, der als einziger verlässlich nur positive Nachrichten generiere, ätzte der Bauernverband zurück und verlangte, künftig die Themen der Sambaschule von einer neu zu gründenden staatlichen Kommission im Voraus prüfen zu lassen.

Der TV-Erfolg der Kaiserzeit - kein Einzelfall. Zurzeit flimmert jeden Dienstagsabend die Comedyserie "Filhos da Patria - Söhne der Heimat" über den Bildschirm. Sie setzt am 8. September 1822 ein, dem Tag, nachdem die Brasilianer ihre Unabhängigkeit erklärt hatten.

(APA)

Aufgerufen am 21.11.2017 um 06:57 auf https://www.sn.at/panorama/international/eine-habsburgerin-feiert-in-brasilien-comeback-als-serienheldin-19875526

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