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Enzian vom Funtensee

Der Funtensee ist der kälteste Ort Deutschlands. Im Sommer wird Wanderern dort warm ums Herz. Und das liegt nicht nur am Enzian.

Wo Max Irlinger das Heindl, das so groß ist wie eine Spitzhacke, in den Almboden rammt, ist auch Gefühlssache. Denn an der Größe der Pflanze kann der junge Mann nicht erkennen, wie groß die Wurzel in der Erde ist. Und das bestimmt, wie ergiebig das Graben für den Enzianschnaps ist. Irlinger half seinem Kollegen, dem ausgebildeten Destillateur Lukas Schöbinger von der Enzianbrennerei Grassl aus Berchtesgaden, heuer bei den Vorbereitungen zur Brennsaison, die Mitte Juli begonnen hat und noch etwa bis Ende August dauert.

Heuer sind der Bergbrenner und die Wurzelgraber an einem besonderen Ort im Einsatz - rund um den Funtensee. Der glasklare See im Steinernen Meer auf 1600 Meter Höhe ist hauptsächlich aus dem deutschen Wetterbericht bekannt. Denn dort oben ist es im Winter sogar noch kälter als auf Deutschlands höchsten Bergen, der Zugspitze und dem Watzmann, aber dazu später.

Im Almgebiet entsteht der Enzianschnaps von Grassl. Die Prozedur ist sehr aufwändig. Zuerst müssen die Wurzelgraber schuften. Rund acht Kilo Wurzeln braucht es für einen Liter Schnaps. Im Umkreis von etwa zwei Gehstunden rund um die Brennhütte - sie stammt aus 1841 - graben sie. Der Enzian kann auch leicht mit dem Weißen Germer verwechselt werden - der matte statt glänzende Blätter hat und überdies eine Zwiebel anstatt Wurzeln, also nichts bringt. "Enzian ist eine der bittersten Wurzeln der Welt", erklärt Lukas. Auch die Kühe lassen den Enzian stehen. Wer die Wurzel roh kostet, kann über Kren höchstens milde lächeln. Den Geschmack kriegt man am besten mit einem feinen Enzian wieder von der Zunge, aber so weit sind wir noch nicht.

Ist das Wurzelmaterial zur Brennhütte geschleppt, wird es im Bach gewaschen und danach händisch gehackt. Eingemaischt wird mit Wasser und Hefe und die Hütte auf rund 30 Grad aufgeheizt, damit die Hefe arbeiten kann. Dann erst kommt der Brennvorgang, der rund 250 Liter Destillat mit 80 Prozent Alkoholgehalt ergibt.

Früher mussten die Bergbrenner nicht nur zu Fuß hinaufgehen, mit Tragtieren wurde das Endprodukt ins Tal gebracht. Heute fliegt der Hubschrauber das Material. Von der Schiffsstation St. Bartholomä am Königssee sind es vier bis fünf Stunden über Dutzende Serpentinen der Saugasse zum Funtensee, Bergbrenner Lukas schafft es in drei, wie er grinsend erzählt. Er versichert glaubhaft, dass es ihm nicht viel ausmacht, einige Wochen ohne Internet und Handy als Selbstversorger in einer nicht gerade luxuriösen Hütte zu verbringen.

Nur alle fünf bis sieben Jahre wird am Funtensee nach Enzian gegraben, es ist die höchstgelegene der fünf Enzianhütten der Brennerei Grassl, eine davon liegt auf der Kallbrunnalm in Weißbach bei Lofer auf österreichischem Gebiet. Nur vom Funtensee gibt es einen Lagen-Enzian. Der lagert noch sieben Jahre im Eschenholzfass. Billig ist er nicht, aber eher mild als scharf und wenn er aus ist, muss man ein paar Jahre warten. Graben darf die Firma Grassl im Nationalpark Berchtesgadener Alpen, denn die Brennrechte gehen auf die Zeit bald nach 1600 zurück, das älteste Dokument stammt aus 1692. Damals "bekam der Untersteiner Gastwirt Grassl die Rechte und Pflichten erteilt, die Almen durch maßvolles, aber regelmäßiges Enzianwurzelgraben milchviehgerecht zu halten, Enzian zu brennen und zu verkaufen", besagt die Firmengeschichte.

Deutschlands einziger Hochgebirgs-Nationalpark ist erst 40 Jahre alt - immerhin, auf Salzburger Seite gibt es erst seit 2007 ein Schutzgebiet, den Naturpark Weißbach. Die Schutzmaßnahmen in der Region reichen länger zurück. Schon 1910 wurde um den Königssee ein "Pflanzenschonbezirk" eingerichtet. 1921 folgte das Naturschutzgebiet, 1978 schließlich der Nationalpark. Eine wichtige Triebfeder dabei waren Pläne seit den Fünfzigerjahren, eine Seilbahn auf den Watzmann zu errichten. Bei 1,5 Millionen Besuchern im Jahr ist Besucherlenkung ein wichtiges Thema, der Königssee ist natürlich die leicht erreichbare Hauptattraktion.

Was die Unterschutzstellung bedeutet, zeigt sich entlang des Aufstiegs vom barocken Wallfahrtskircherl St. Bartholomä zum Kärlinger Haus. Bald nach den ersten Höhenmetern liegen die Bäume kreuz und quer, von Moos überwuchert fast wie im Dschungel. Frei gehalten werden nur die markierten Wege, der Rest bleibt sich selbst überlassen. Genau das gefällt auch Jens Badura (46), Bergwanderführer sowie Gründer und Leiter des Berg-Kulturbüros in Ramsau. Er pendelt viel zwischen Salzburg und Berchtesgaden und wundert sich immer wieder, dass viele Salzburger das Wander- und Bergsteigerparadies gleich hinter der Grenze kaum am Radar hätten.

Oben am Funtensee halten sich die Besucherzahlen in Grenzen. Nur am letzten Samstag im August (heuer 25. 8.) zieht eine Karawane über das Steinerne Meer, wenn bei der Wallfahrt von Maria Alm nach St. Bartholomä bis zu 2000 Teilnehmer die zehnstündige Strapaz auf sich nehmen. Ihren Ursprung hat die Wallfahrt der Pinzgauer an den Königssee in der im 16. Jahrhundert wütenden Pest. Eine Station dabei ist beim Funtensee das Kärlinger Haus, die älteste und größte Schutzhütte - schon 1879 errichtet - im Steinernen Meer mit 200 Schlafplätzen. Seit heuer sind Andreas und Michael Bachmann die neuen Wirte auf der Hütte des deutschen Alpenvereins Berchtesgaden. Sie ist ein idealer Stützpunkt bei Mehrtagestouren. Wer den schwierigeren und viel längeren Abstieg über das Hundstodgatterl (2188 m) nimmt, erhält einen hervorragenden Eindruck von der Weite des Steinernen Meeres. Bei Nebel ist es sicher höllisch. Aber unten im Wimbachgries, einer wilden, von Bäumen durchsetzten Schotterfläche hinter dem Watzmann, wirkt die Landschaft wie in Kanada oder Sibirien.

Der Temperaturrekord am Funtensee datiert vom Heiligen Abend 2001 mit -45,9 Grad. Der See liegt in einer Senke, an deren Rändern die Kaltluft absinkt und sich über dem vielleicht 200 Meter langen See sammelt. Dem Frost dort halten sogar Bäume nicht mehr Stand. Deshalb gibt es dort ein seltenes Phänomen: die doppelte Waldgrenze. Etwa 60 Höhenmeter über dem See gibt es nur sumpfige Wiesen und Almboden, erst darüber halten sich wieder Bäume - bis zur oberen Waldgrenze.

40 JAHRE NATIONALPARK BERCHTESGADENER ALPEN

Der Nationalpark Berchtesgadener Alpen ist der einzige Nationalpark Deutschlands in den Alpen und wurde 1978 ausgewiesen. Das gesamte, 210 km2 große Schutzgebiet von der Reiteralm über Hochkalter, Watzmann und Steinernes Meer bis zum Hohen Göll an der Salzburger Grenze gehört dem Freistaat Bayern. Zum 40-Jahr-Jubiläum gibt es dazu heuer am Mittwoch, 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, in Berchtesgaden und im Nationalparkzentrum Haus der Berge ein großes Bürgerfest.

Info:
www.nationalpark-berchtesgaden.bayern.de;
www.berchtesgaden.de

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