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Erdbeben in Italien: Kritik an schlechter Bauqualität

Experten halten Präventionsmaßnahmen in gefährdeten Gebieten für unzureichend. Der Vorsitzende der europäischen seismologischen Kommission, der Wiener Wolfgang Lenhardt, kritisiert viele Schwarzbauten in der "Ära Berlusconi" und, dass jahrhundertealte Gebäude bei jedem Erdbeben nur ausgebessert wurden. Eigentlich müsste man ganz Mittelitalien evakuieren.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mittelitalien in der Nacht auf Mittwoch haben Experten scharfe Kritik an der Qualität der Bausubstanz in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko geübt. In der "Ära Berlusconi" seien viele Schwarzbauten errichtet worden, die Konstruktionen entsprächen nicht den in Erdbebengebieten geforderten Standards, betonte Wolfgang Lenhardt, Leiter der Geophysik bei der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) und Vorsitzender der europäischen seismologischen Kommission. Eine Katastrophe mit hunderten Toten wäre bei einem Erdbeben der Stärke 6,1 in Österreich nicht zu befürchten. "Die meisten Gebäude würden bei uns nicht einstürzen, aber sie wären massiv beschädigt und nicht mehr bewohnbar. Im Grunde kann so eine Belastung - vor allem die extreme Bodenbeschleunigung - nur ein Bunker ohne Schaden überstehen", erklärte Lenhardt.

Naturgefahren werden verdrängt und ausgeblendet

Amatrice sei ein sehr romantisches Dorf, der Großteil der Bausubstanz stamme aus dem 17. Jahrhundert. "Alle 100 Jahre sind die Häuser durch Erdbeben schwer beschädigt und immer nur ausgebessert worden. Man müsste die Gebäude aber komplett umbauen, um sie sicher zu machen", so Lenhardt. Eigentlich müsste man seiner Meinung nach ganz Mittelitalien evakuieren, "das geht natürlich nicht". In dieser als Erdbebenzone bekannten Gegend wären Stahlbeton-Konstruktionen oder Basis-Isolierung notwendig, um die Gebäude vom Boden zu entkoppeln. Diese Bauweise sei natürlich entsprechend kostspielig. Lenhardt zufolge findet in zwei Wochen eine internationale Erdbebenkonferenz in Triest statt, bei der unter anderem das schwere Erdbeben im Friaul vor 40 Jahren Thema ist. Seit damals wurden die mittelalterlichen Städte Gemona und Venzone nahezu originalgetreu wieder aufgebaut - nur eben nicht erdbebensicher. "Man hofft immer, das es nicht passiert. Man verdrängt Naturgefahren, sie werden gern ausgeblendet", sagte Lenhardt.

Moderne Sicherheitsstandards sind ein Fremdwort

In Italien gebe es keine Kultur der Prävention, beklagte auch der nationale Verband der italienischen Geologen. Italien müsse sich an Kalifornien und Japan ein Beispiel nehmen, die mit dem Problem wiederholter Erdbeben leben und massiv in die Sicherheit der Gebäude investiert haben, meinten angesehene Experten. Der Vulkanologe und Erdbebenexperte Enzo Boschi kritisierte, dass in Italien nur nach schweren Erdbeben nach erdbebensicheren Standards gebaut werde. Er brachte das Beispiel der umbrischen Stadt Norcia. Hier waren bei einem Erdbeben 1979 fünf Menschen ums Leben gekommen worden. Danach wurden Häuser nach modernsten Sicherheitsstandards neu aufgebaut. Die umbrische Kleinstadt hat bei dem Erdbeben am Mittwoch kaum Schäden erlitten.

Viele Schulen und Krankenhäuser sind gefährdet

Fast 26 Millionen Menschen leben in Italien in Gebieten mit erhöhtem Erdbeben-Risiko, das sind 45 Prozent der Bevölkerung, berichteten italienische Medien. Sieben Millionen Gebäude sind gefährdet, sollte es zu einem stärkeren Erdstoß kommen. 80.000 öffentliche Gebäude wie Schulen und Krankenhäuser wurden nicht nach den modernen Sicherheitsstandards errichtet.

Auch wenn es keine hundertprozentige Erdbebensicherheit geben könne, so kenne die Wissenschaft doch Mittel und Wege, die Situation wesentlich zu verbessern, betonten italienische Experten. Das Wissen sei vorhanden, woran es fehle sei die Umsetzung. Dabei seien nicht so sehr Neubauten das Problem, als vielmehr ältere Gebäude oder Brücken. Die Experten regten an, die heimische Erdbebensicherheit mittels eines Mehrstufen-Planes zu verbessern.

Quelle: SN/Fritz Pessl/Apa

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