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Eurasien-Tunnel unter dem Bosporus in Istanbul eröffnet

In Istanbul ist der Eurasien-Tunnel unter dem Bosporus eröffnet worden, der erstmals eine unterirdische Straßenverbindung zwischen Europa und Asien schafft. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Ministerpräsident Binali Yildirim weihten das ehrgeizige Bauprojekt am Dienstag offiziell ein. Der Tunnel soll die Fahrzeit zwischen europäische und asiatischem Teil beträchtlich verkürzen.

Präsident Erdogan weihte das ehrgeizige Bauprojekt ein.  SN/APA (AFP)/OZAN KOSE
Präsident Erdogan weihte das ehrgeizige Bauprojekt ein.

Die Zeremonie, an der die gesamte Staatsführung teilnahm, fand trotz der Ermordung des russischen Botschafters in Ankara statt. Andrej Karlow war am Montagabend bei einer Ausstellungseröffnung durch einen jungen türkischen Polizisten erschossen worden - offenbar aus "Rache" für die Beteiligung Moskaus an der Offensive der syrischen Regierungstruppen gegen die Rebellen in Aleppo.

Laut Verkehrsminister Ahmet Arslan sollen künftig pro Tag bis zu 130.000 Fahrzeuge den zweistöckigen Tunnel passieren. Mit dem 5,4 Kilometer langen Tunnel verkürzt sich die Fahrzeit zwischen den beiden Bosporus-Ufern nach offiziellen Angaben von 100 auf 15 Minuten. Der Tunnel liegt mehr als 100 Meter unter dem Meeresboden und soll einem Erdbeben der Stärke 7,5 standhalten können.

Im Oktober 2013 war bereits ein Tunnel unter dem Bosporus eröffnet worden, durch den die Marmaray-Schnellbahn verkehrt, die an das Istanbuler Metro-System angeschlossen ist. Die Tunnel gehören zu einer Reihe von Megaprojekten, mit denen Erdogan seit seinem Amtsantritt als Regierungschef 2003 danach strebt, die Infrastruktur des Landes zu erneuern und eine "neue Türkei" zu erschaffen.

Zu den Vorhaben, die Erdogan selbst mit Stolz als "verrückte Projekte" bezeichnet, gehören ein dritter Flughafen in Istanbul, eine Brücke über die Meerenge der Dardanellen und ein riesiger Kanal, der den Bosporus entlasten soll. Während die ehrgeizigen Infrastrukturprojekte bei vielen Türken Grund für Stolz sind, stoßen sie wegen ihrer hohen Kosten und ihrer Auswirkungen auf die Umwelt auch auf Kritik.

Erdogan versicherte kürzlich bei der Einweihung eines neuen Stadions in Trabzon, Taten wie der jüngste Anschlag auf Soldaten in Kayseri würden die Regierung nicht von der Realisierung ihrer Bauprojekte abhalten. Verkehrsminister Arslan sagte, die Regierung erwäge nun den Bau eines dritten Bosporus-Tunnels mit drei Etagen für eine Bahn- und Straßenverbindung.

Der Avrasya-Tunnel (Eurasien-Tunnel) wurde von einem Konsortium aus der türkischen Baufirma Yapi Merkezi und der südkoreanischen SK Group für umgerechnet 1,19 Milliarden Euro gebaut. Eine Bohrmaschine grub den Tunnel mit einer Geschwindigkeit von acht bis zehn Metern pro Tag durch den Untergrund. Laut den Ingenieuren könnte man mit dem verbauten Zement 18 Stadien füllen und mit dem verwendeten Stahl zehn Eiffeltürme errichten.

Die radikale Kurdengruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) bekannte sich unterdessen zu dem Anschlag mit 14 Toten im zentraltürkischen Kayseri. Wie die kurdische Nachrichtenagentur Firat am Dienstag unter Berufung auf eine Erklärung der Extremistengruppe berichtete, wurde der Anschlag als "Vergeltung" für die Taten türkischer Soldaten verübt, die "das Blut von tausenden der Unsrigen vergossen" hätten.

Die TAK ist eine radikale Splittergruppe der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), doch ist ihr genaues Verhältnis unklar. Bei dem Anschlag in Kayseri hatte ein Selbstmordattentäter am Samstag ein mit Sprengstoff beladenes Auto in die Luft gejagt, als ein Bus voller Soldaten vorbeifuhr, die zu dieser Zeit außer Dienst waren. Die TAK hatten sich ebenfalls zu dem doppelten Selbstmordanschlag auf die Polizei in Istanbul bekannt. Bei dem Anschlag nach einem Fußballspiel am Besiktas-Stadion waren am 10. Dezember 44 Menschen getötet worden, 36 davon Polizisten.

Die Regierung hatte in beiden Fällen die PKK verantwortlich gemacht. Aus ihrer Sicht besteht kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Zudem wurden nach dem Attentat in Istanbul Hunderte Mitglieder der prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) festgenommen, denen Verbindungen zur PKK vorgeworfen wurden. Unter ihnen waren auch mehrere Abgeordnete der moderaten Oppositionspartei.

Nach dem Angriff in Kayseri griffen nationalistische Demonstranten in Kayseri und zahlreichen weiteren Städten Büros der HDP an, die teils völlig verwüstet wurden. Die HDP ist die drittgrößte Partei im Parlament, wird aber seit der erneuten Eskalation des Kurdenkonflikts im Juli 2015 von der Regierung und den anderen Parteien ausgegrenzt.

Quelle: Apa/Ag.

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