Die kleine Schwester Hoffnung

Viele fühlen sich eingesperrt in diesen Tagen. Wir können daraus auch Kraft schöpfen. Es gibt Beispiele dafür.

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Gastkommentar Clemens Sedmak
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Hoffnung ist die kleine Schwester, die man nicht recht beachtet. Sie ist die kleine Schwester, die selbst Gott erstaunt. So hat es Charles Péguy beschrieben. "Diese kleine Hoffnung, die nach so gar nichts aussieht. Dieses kleine Mädchen Hoffnung. Die Unsterbliche." So sagt es der französische Philosoph und Dichter.

Dieses Kleine und Unscheinbare der Hoffnung ist es, was wir jetzt brauchen. Schließlich haben wir es mit Kleinem und Unscheinbarem zu tun. Es ist ja doch erstaunlich, dass es nicht große Armeen und Panzer, Kriegsschiffe und schweres Gerät sind, die die Welt zu einem Stillstand gebracht haben. Es ist ein winziges Virus.

Vor fast fünf Jahren hat Papst Franziskus zu einer "ökologischen Bekehrung" aufgerufen,
zu einer Umkehr, zu einer Kultur des Weniger und des Verzichts. Das winzige Virus hat diese Abkehr vom Gewohnten erzwungen - und die Natur atmet auf. Die Emissionen sind stark zurückgegangen. Nicht durch eine Ökodiktatur und nicht durch internationale Verträge, sondern durch ein winziges Virus.

Goliath kann David nicht besiegen, wenn er bei seinen Waffen bleibt. Wir brauchen das Kleine, das Unscheinbare, das sich verbreiten kann "wie ein Lauffeuer".

Das kleine Mädchen Hoffnung, von dem Péguy spricht, ist nicht dumm. Es wäre dumm, so zu tun, als wäre die Lage nicht ernst.

Schöne Worte können das Drama, das sich vor unseren Augen abspielt, nicht verdecken. Hier werden Grenzen des Populismus deutlich. Es wäre dumm, blind zu sein gegenüber den hohen menschlichen Kosten. Die Leiden sind nicht messbar, doch immens. Es wäre dumm, so zu tun, als würde "in Kürze" wieder alles "beim Alten" sein. Wir brauchen die Hoffnung, dass wir Wichtiges lernen.

Das kleine Mädchen Hoffnung ist wie ein kleines Kind, das die Eltern zwingt, den Blick auf Dinge zu richten, die sie sonst nicht wahrgenommen hätten. Welche Eltern erinnern sich nicht an ein Lieblingswort kleiner Kinder: "Schau!" Ich habe noch sehr gut im Ohr, wie unsere Tochter Magdalena als kleines Mädchen immer wieder, mit Begeisterung und Eindringlichkeit, gesagt hat: "Schau!" Sie hat auf etwas gezeigt oder sie hat unsere Hand genommen und uns zu dem für sie bemerkenswerten und erstaunlichen Ding geführt. Schau!

Schau auf das Jetzt: Jetzt ist die Zeit, jeden Tag als Gabe und Aufgabe zu sehen. Jetzt ist die Zeit, Dinge zu tun, die man schon lange hätte tun wollen. Jetzt ist die Zeit, kreativ zu unterbrechen und durchzuatmen. Jetzt ist die Zeit, sich daran zu erinnern, dass es ein Leben nach der Krise geben wird. Jetzt ist die Zeit, sich besonders für andere zu interessieren.

Schau auf Wert-Volles und Not-Wendiges, sagt die kleine Schwester Hoffnung: Wir lernen, das zu schätzen, was wir selbstverständlich wähnten. Wir lernen, das Wesentliche vom Nichtwesentlichen zu unterscheiden. Und der Sinn für das Wesentliche gibt Kraft.

Schau auf die Freiheit. Der italienische Journalist Tiziano Terzani hat nach seiner Krebserkrankung von der neuen Freiheit gesprochen, die er empfindet. Alle Menschen haben im Umgang mit einem Kranken Verständnis dafür, dass das Leben nicht mehr so weitergeht wie ein Zirkus, mit dem Druck, den vielen Erwartungen, der Geschwindigkeit. Eine Verlangsamung kann auch befreiend sein.

Schau auf die Einladung zu neuer Weite. Wenn der äußere Radius abnimmt, muss die Innenwelt wachsen. Wenn das Außen abnimmt, muss das Innen weiter werden. Reisen mag verboten sein. Doch: Lesen ist Reisen im Geist, ernsthaftes Sorgen ist Reisen im Herzen, Beten ist Reisen in der Seele.

Schau auf das Miteinander. Es ist im Grunde rührend zu sehen, wie Gesellschaften sich um die gesundheitlich Benachteiligten und Gefährdeten einsetzen. Es ist rührend zu sehen, wie gerade die jungen Menschen sich einsetzen. Es ist bewegend, wie Menschen näher zusammenrücken und neue Formen der Verbundenheit entstehen. Die virtuellen "happy hours", die täglichen Telefonate mit Freunden, die vielen besorgten E-Mails, die neue Kultur des Briefeschreibens, die Balkonkonzerte sind nur Beispiele für die neue Kreativität des Miteinander.

Schau auf einen neuen Rhythmus: Václav Havel wurde im Jahr 1979 zu einer mehr als vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Er überlegte sich in seiner engen Gefängniszelle einen täglichen Rhythmus und Projekte - er wollte die ganze Bibel lesen, zwei Theaterstücke schreiben, seine Englisch- und Deutschkenntnisse vertiefen, jeden Tag Sport betreiben. Hoffnung wird durch die Kunst eines neuen Rhythmus genährt.

Schau auf die Quellen von Kraft. Viele fühlen sich eingesperrt in diesen Tagen. Da gibt es viel zu lernen von denen, die die Zeit im Gefängnis fruchtbar und kraftvoll genutzt haben. Nelson Mandela setzte sich im Gefängnis für die Rechte anderer ein. Der deutsche Pastor Dietrich Bonhoeffer hat viele Briefe geschrieben, als er im Berlin der Nazizeit im Gefängnis war, und sich jeden Tag an das erinnert, wofür er dankbar war. Dankbarkeit ist eine starke Quelle von Kraft. Und es gibt stets etwas, für das wir dankbar sein können.

Schau, sagt die Hoffnung, da ist Leben außerhalb unseres Hauses, jenseits unseres Gartenzauns. Es wird weitergehen. Die Krise ist nicht das Ende der Welt. Hoffnung ist im Zentrum einer Widerstandsbewegung gegen das Virus.

Clemens Sedmak ist Theologe und Philosoph, seit 2018 ist er Professor für Sozialethik an der Keough School of Global Affairs der University of Notre Dame in den USA.

Aufgerufen am 29.01.2023 um 08:18 auf https://www.sn.at/panorama/international/gastkommentar-die-kleine-schwester-hoffnung-85477447

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