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Genitalverstümmelung ist mitten unter uns

Grausame Tradition. Jedes Jahr werden drei Millionen Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung. Betroffene berichten von ihrem Leidensweg.

Der Medizinmann war berühmt, weil noch keine der Frauen unter seinem Messer starb. Die Liegen waren aufgebahrt, die Mädchen darauf nur durch Schleier getrennt. "Ich schrie, weil die anderen drei Mädchen schrien", sagt Sunaari Aways, die in der somalischen Hafenstadt Merka aufgewachsen ist und heute in Salzburg lebt. Die 34-Jährige war damals gerade sieben Jahre alt. Etwa zwei Stunden dauerte die Prozedur der Beschneidung. Betäubt wurde keines der Mädchen. Ein Messer reichte aus, um das Ritual bei allen Mädchen durchzuführen. Seine Hände hatte der Medizinmann nicht gewaschen. Sie erinnert sich, dass sie ohnmächtig wurde. Die Wunde infizierte sich, eine Weile konnte sie nicht mehr richtig gehen. Drei Stücke ihrer äußeren weiblichen Genitalien wurden dabei entfernt. Den meisten ihrer Freundinnen wurde mehr als das weggeschnitten. "Sie fühlen nicht mehr wie eine Frau", sagt sie. Alles verändere sich. Das Gefühl des Frauseins, der Sex, das tägliche Urinieren.

Female Genital Mutilation (FGM), so der Fachausdruck für die weibliche Genitalbeschneidung, wird vor allem in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien praktiziert (siehe Grafik rechts), es kommt aber auch in Einwanderer-Communitys in Europa, den USA, Kanada, Australien und in Neuseeland vor. In Somalia liegt die Verstümmelungsrate beispielsweise bei 98 Prozent. In jenen afrikanischen Ländern, in denen FGM unter Strafe steht und der Bildungsgrad höher ist, ist die Rate deutlich niedriger - im Senegal etwa bei 26 Prozent.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind mindestens 200 Millionen Frauen betroffen. Jährlich werden drei Millionen Mädchen Opfer dieser umstrittenen "Tradition". In Europa leben vermutlich rund eine Million beschnittener Mädchen und Frauen.

Den Eingriff nehmen normalerweise professionelle Beschneiderinnen vor, aber auch Hebammen, gelegentlich auch "Heiler" - im Normalfall ohne Betäubung und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Dabei wird in vier Typen von Beschneidung unterteilt: Bei den ersten beiden Typen wird die Klitoris oder die Klitoris samt innerer Schamlippen weggeschnitten. Die dritte Form der Beschneidung bezeichnet das Ausschneiden der gesamten äußeren Geschlechtsteile und das anschließende Zusammennähen. Dadurch bleibt nur noch eine winzige Öffnung, damit Urin und Menstruationsblut ablaufen können. Bei Typ vier werden zusätzliche ätzende Substanzen eingeführt, um die Vagina weiter zu verengen. Die Mädchen sind meistens zwischen drei und zehn Jahre alt, wenn sie beschnitten werden.

Auch die heute 49-jährige Aisha Amale war erst fünf Jahre alt, als sie beschnitten wurde. Aufgewachsen ist sie in der Hauptstadt Somalias, Mogadischu; heute lebt sie in Salzburg. "Wenn du in die Schule gehen möchtest, musst du erst
beschnitten werden", hat man ihr damals gesagt. Der Eingriff erfolgte zu Hause.
Danach hatte sie große Schmerzen. Vor allem beim Urinieren. "Frauen diskutieren in Somalia darüber, ob das Loch eher so groß wie ein Maiskorn oder lieber nur wie ein Hirsekorn sein sollte", sagt sie. Je kleiner, desto besser für den Ruf des Mädchens, lautet die Devise.

Grafik: Anteil der Frauen von 15 bis 49 Jahren, die Opfer von Genitalverstümmelung wurden. SN/philipp lublasser
Grafik: Anteil der Frauen von 15 bis 49 Jahren, die Opfer von Genitalverstümmelung wurden.

Darum geht es häufig: Mütter haben Sorge, ob ihre Töchter auf dem Heiratsmarkt gut ankommen. Dabei zählt, dass die Geschlechtsorgane einer Frau der Tradition entsprechen. Und die zeichnete im Lauf der Jahrhunderte das Bild einer beschnittenen Frau als Vorbild und Normalität. Dieses Bild und somit auch das Problem wird von Generation zu Generation weitergegeben. Mütter stünden in Somalia immer vor einer schmerzhaften Entscheidung, sagt Aisha Amale. Will ich, dass meine Tochter später isoliert ist und keinen Partner findet, oder kann ich ihr die schmerzvolle Beschneidung zumuten? Der Schmerz vergehe, die Isolation könne ein Leben dauern, denken viele. Und entscheiden sich für eine Beschneidung ihrer Töchter.

Die Gründe für weibliche Genitalverstümmelung lassen sich meist auf eine jahrhundertealte Tradition und Kultur zurückführen. Eine religiöse Rechtfertigung gibt es nicht. Beschneidung wird weder vom Koran noch von der Bibel noch von der Thora verlangt. Im Grunde gehe es darum, Frauen zu unterdrücken, sagt Sunaari Aways. Sie sollten nicht fühlen, dass sie wertvoll seien. "Es ist wie eine Hundeleine für uns."

Aisha Amale wollte diese Tradition unterbrechen, ihrer Tochter Muna diese Schmerzen nicht zufügen. Ihre Schwiegermutter machte ihr jedoch einen Strich durch die Rechnung und holte Muna eines Tages, während sie in der Arbeit war, ließ das Mädchen ohne Einwilligung der Mutter beschneiden. "Ich wollte nicht, dass die Tochter meines Sohnes eine schlechte Frau wird", sagte die Großmutter damals. Amale kommen die Tränen, als sie davon erzählt. Amale arbeitete als Krankenschwester und Hebamme in Somalia. Eine Geburt sei für beschnittene Frauen riskant, etwa 40 Prozent sterben ihrer Schätzung nach. Weil sie verbluten oder an damit einhergehenden Infektionen sterben.

Auch Maria Trattner aus Hallein erzählt, dass eine Geburt bei einer beschnittenen Frau sehr lang dauere. Zwei bis drei Tage würden Frauen in den Wehen liegen. Trattner ist Ärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und medizinische Expertin für FGM. Manche Frauen hierzulande nutzen die Geburt mittlerweile auch als Anlass, um einen Teil der verstümmelten Organe wieder rekonstruieren zu lassen.

Sie selbst habe auch schon einen ähnlichen Eingriff durchgeführt. Etwa eine halbe Stunde dauerte das. Ein wenig konnte man die Geschlechtsorgane wieder herstellen. Aber: "Was weggeschnitten ist, ist weg", sagt sie. Für einen größeren Eingriff gibt es speziell ausgebildete plastische Chirurgen, die versuchen, Klitoris und Schamlippen zu rekonstruieren. Eine solche Operation dauere drei bis sechs Stunden, sagt Trattner. Zumindest könne man aber hoffen, dass die Frauen danach ohne Schmerzen ihre Regelblutung haben könnten, wie andere Frauen urinieren oder: Sex ohne Schmerzen haben können.

In Österreich ist FGM oder die Zustimmung dazu seit 2001 per Gesetz verboten. Der Artikel 90 im Strafgesetzbuch ist seit 2012 auch extraterritorial anwendbar, um die im Ausland stattgefundene Beschneidung von Mädchen und Frauen strafrechtlich zu verfolgen. Anzeigen gibt es in Österreich kaum, weil betroffene Frauen im Normalfall erst im Zuge einer Schwangerschaft zum Gynäkologen kommen. Bei Ärztinnen und Ärzten könne eine Anzeige unterbleiben, wenn die Körperverletzung bereits länger zurückliege und keine aktuelle Gefährdung bestehe, "sofern sonst das Vertrauensverhältnis beeinträchtigt würde, was definitiv der Fall wäre", sagt Hilde Wolf vom Frauengesundheitszentrum FEM Süd. "Bei minderjährigen Patientinnen wird in der Regel die Kinderschutzgruppe des Krankenhauses miteinbezogen, wo auch die Kinder- und Jugendhilfe vertreten ist." Schulärzte dürften keine entsprechenden Untersuchungen vornehmen, auch bei Kinderärzten gebe es keine vorgesehene Routine-Untersuchung, sagt Wolf.

Das Wichtigste sei die Aufklärung der Frauen, sodass sich diese schützend vor ihre Kinder stellten, sagt der Gynäkologe Walter Arnberger, bis vor Kurzem Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Salzburg. In seine Praxis in Neumarkt seien in den vergangenen Jahren nur wenige beschnittene Frauen gekommen. Sein Eindruck sei gewesen: "Die Frauen betrachten das als gegebenes Schicksal, sie nehmen das so zur Kenntnis. Sie wissen, dass es bei uns anders ist, machen aber darum nicht viel Aufhebens." Dennoch
leiden sie ihr Leben lang - vor allem auch bei Entbindungen. "Da kann es dann in der Tat zu neuen schweren Verletzungen oder Geburtsstillständen kommen", sagt Thorsten
Fischer, Vorstand der Universitätsklinik für
Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Salzburger
Landeskrankenhaus. Man bemühe sich um Auf-
klärung der Frauen - und auch deren Männer. "Wir erklären ihnen die medizinischen und sozialen Nachteile, dass die Geburten gefährlicher werden und sich die Lebensqualität verschlechtert. Aber das ist ein Prozess, der mehr Zeit bräuchte. Ein kurzes Gespräch im Krankenhaus kann keine kulturellen Überzeugungen, die über Generationen gewachsen sind, verändern."

In den Migranten-Communities selbst hüllt man den Mantel des Schweigens über das Thema. Auch derPolitik ist es kein großes Anliegen. Die politische Rechte interessiert es nicht, weil ja "nur" Migrantinnen bzw. deren Töchter betroffen sind. Und die anderen Parteien sehen darin offenbar auch kein Kernanliegen.

Eine Ausnahme gibt es: Die Salzburger Stadträtin Anja Hagenauer kämpft seit Jahren dafür, diesen Praktiken einen Riegel vorzuschieben. Allerdings ist es ein langwieriger Kampf. Vor Jahren hat Hagenauer einmal sechs Fälle angezeigt. Herausgekommen ist dabei nichts. Alle Mädchen waren beschnitten worden, bevor sie nach Österreich kamen.

Allein in der Stadt Salzburg leben rund 300 Frauen, die aus Somalia stammen. Wenn man bedenkt, dass in Somalia nahezu alle Mädchen und Frauen beschnitten sind, muss man von einer hohen Zahl auch in Salzburg ausgehen. Beschneidungen werden hierzulande entweder im Verborgenen von illegalen Helferinnen und Helfern durchgeführt oder, wenn Mädchen auf "Heimaturlaub" in ihr Herkunftsland fahren. Das bestätigen Insider aus der somalischen Community in Salzburg. Aufklärung ist für Hagenauer daher nicht genug. "Es braucht Verbote und harte Strafen", findet sie. "Ich glaube, die effektivste Methode ist es, wenn wir Druck über Geld ausüben." Zum Beispiel, indem man Zwangsuntersuchungen an die Familienbeihilfe knüpfe. Ihr Vorschlag: All jene Mädchen, deren Hauptwohnsitz in Österreich liegt und die aus Kulturen kommen, in denen zu mehr als 80 Prozent Genitalverstümmelung durchgeführt wird, sollten jährlich untersucht werden und das im Mutter-Kind-Pass eingetragen werden. Nur wenn klargestellt sei, dass sie weiterhin nicht verstümmelt seien, könnte Familienbeihilfe weiter bezogen werden. "Ich bin überzeugt davon, dass Geld in vielen Bereichen Traditionen bricht", sagt Hagenauer.

Auch Aisha Amale und Sunaari Aways erheben heute ihre Stimme gegen Genitalverstümmelung und klären Einheimische und Migrantinnen über das Thema auf. "Abhängigkeit kann man nur durch Bildung abbrechen", sagt Amale. "Wären Untersuchungen verpflichtend und würden Beschneidungen im Mutter-Kind-Pass erwähnt, würde das sicherlich etwas bewirken", sagt Sunaari Aways. Sie schaut ihrer wenige Monate alten Tochter Nada in die Augen: "Damit so etwas nie wieder einem kleinen Mädchen passiert."


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