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Germanwings-Unglück beschädigte Vertrauen in Piloten

Ein Pilotensuizid ist ein Tabuthema, das das blinde Vertrauen von Crew und Passagieren sprengen kann. Haben Passagiere Angst?

Germanwings-Unglück beschädigte Vertrauen in Piloten SN/APA/AFP/ANNE-CHRISTINE POUJOULAT
Aufräumarbeiten nach der Katastrophe.

Nach der Germanwings-Katastrophe war auf einmal alles anders. Auf den Luftstraßen dieser Welt rüttelte das tragische Unglück an den Grundfesten eines Berufsbilds, für das Vertrauen geradezu überlebensnotwendig ist. "Dieses Unglück hat das Urvertrauen der Crews zunächst maßgeblich beschädigt", sagt Luftfahrtexperte Volker Thomalla, der privat selbst Pilot ist. Ob große oder kleine Airline: In vielen Cockpits wurde nun die Vertrauensfrage gestellt - als blinder Passagier flog plötzlich ein vages Unbehagen bei Crew und Passagieren mit. Denn unverhofft kam auf einmal der Feind von innen.

"Als Pilot vertraue ich dem Kollegen neben mir ja in gewisser Weise auch mein Leben an", sagt Markus Wahl von der Pilotenvereinigung Cockpit. Regelmäßig trainieren Piloten ihre "Crew-Coordination", den Teamgeist. Doch wenn sich ein Pilot mit allen ihm anvertrauten Menschen vorsätzlich in den Tod stürzt: Kann man sich dann noch blind vertrauen? Und vor allem: Wie kann man ähnliche Fälle verhindern?

Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Airlines, Behörden und Piloten machte sich Gedanken dazu. Eine der Konsequenzen bei den Airlines war die Einführung einer permanenten Zwei-Mann-Besetzung - das Vier-Augen-Prinzip. Muss einer der beiden Piloten das Cockpit verlassen, soll eine Stewardess als eine Art Stallwache mögliche Kamikaze-Pläne eines möglicherweise depressiven Piloten durchkreuzen. Wahl: "Es ging darum, kurzfristig vertrauensbildende Maßnahmen einzuleiten; doch es bleibt die wichtigste Frage, die man sich heute stellen muss: Ist dadurch wirklich alles sicherer geworden?"

"Es schadet nichts, aber nützen tut es auch nicht"

Wahl und viele andere Piloten sprechen eher von einem psychologischen Effekt. Zum einen, weil eine Stewardess nicht alle Handlungen eines Piloten einordnen kann, zum anderen, weil die vorhersehbar öfter und länger geöffnete Cockpittür neue Sicherheitsrisiken schafft. "Es schadet nichts, aber nützen tut es auch nicht", meint Thomalla. Die Pilotengewerkschaft fordert, das Verfahren noch einmal zu überdenken.

Zudem plant Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) verschärfte flugmedizinische Piloten-Untersuchungen, bei denen deren Daten nicht mehr anonym gespeichert werden sollen. Die Vereinigung Cockpit spricht von einer Art Aktivismus, der ebenso kontraproduktiv wie die geplanten stichprobenartigen Drogen- oder Alkoholkontrollen bei Piloten sei. Statt Symptombekämpfung befürwortet sie eher Meldesysteme, wie sie bei einigen großen Airlines bereits bestehen.

Flugzeugführer können über sie zunächst anonym und angstfrei frühzeitig auf eigene Probleme hinweisen und um konstruktive Hilfe nachsuchen. Die Lufthansa etwa betreibt sogenannte Anti-Skid-Gruppen mit großem Erfolg. Ähnliche Zwischenfälle wurden nicht mehr bekannt.

Mehr als 3,5 Milliarden Menschen wurden nach der offiziellen Statistik des Weltluftverbands IATA im Vorjahr bei 37,6 Millionen Flügen sicher ans Ziel gebracht.

Vertraut ein Berufspilot wie Markus Wahl nach dem Unglück heute wieder bedenkenlos seinem Copiloten? Seine Antwort: "Unbedingt: ja!" Auch Thomalla ist überzeugt: "Diese Agonie, die nach dem Bekanntwerden eines Pilotensuizids herrschte, ist heute längst überwunden. Das Vertrauen ist längst wiederhergestellt."

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