Kopf des Tages

Hans Magnus Enzensberger - "eine Handvoll Anekdoten" zum 89. Geburtstag

Je älter ein Mensch wird, umso näher rückt offenbar die Kindheit und Jugend in der Erinnerung. Warum soll es also bei Hans Magnus Enzensberger, der am 11. November 89 Jahre alt wird, anders sein?

Hans Magnus Enzensberger SN/APA (epa)/Viktor Chlad
Hans Magnus Enzensberger

So veröffentlicht Enzensberger jetzt seine Kindheits- und Jugenderinnerungen unter dem abwiegelnden Titel "Eine Handvoll Anekdoten" mit der Ergänzung "Auch Opus Incertum" im Suhrkamp Verlag.

Ein Resümee des alten Mannes dabei lautet: "Dem Adoleszenten sind die Erwachsenen peinlich. Später tritt der umgekehrte Fall ein und die Jugend wird als eine unvermeidliche Kinderkrankheit wahrgenommen wie der Keuchhusten." Dabei hätte dem alten Enzensberger ein Blick in die Bibel etwas anderes gelehrt: "Werdet wie die Kinder."

Wenn Enzensberger an "eine der schönsten Zeiten" seines Lebens denkt, dann sind es die "Tage nach der deutschen Niederlage". Der Krieg selbst hat ihm "nicht viel ausgemacht". Und nicht ohne Schadenfreude erlebte der Jugendliche, "wie die Autorität der Erwachsenen von einem Augenblick zum andern in sich zusammenfiel, sobald es ernst wurde".

Die "Auflösung der gewohnten Dinge" begeisterte ihn. Aber der "moralische Trümmerhaufen" blieb ein Problem. Später hatte der erfolgreiche Schriftsteller Angst, ein "Deutschland-Neurotiker" zu werden, "einer von denen, die sich dazu berufen glauben, die eigene Nation Mores zu lehren". Sein Ausweg war, längere Zeit ins Ausland zu gehen (auch nach Kuba). Wie man schlimme oder harte Zeiten und Verhältnisse überlebt, hat Enzensberger am Beispiel von "99 Überlebenskünstlern" wie Brecht, Kästner oder Kertesz aufgeschrieben und veröffentlicht. Er nennt Beispiele von Anpassung, glücklichen Zufällen, Kompromissen und mehrdeutigen Entscheidungen.

"Politische Erfahrungen" hat Enzensberger in früher Jugend mehr aus den Kämpfen auf dem Schulhof als aus den Zeitungen oder den Gesprächen der Erwachsenen gewonnen. Vielleicht habe er sich auf den Schulhöfen auch zu viel gefallen lassen, meint er rückblickend. Da gab es Koalitionen, Fraktionen, Intrigen und Revolten, Clans und Reviere und auch "schlaue Schaukelpolitik". Die "Schule für's Leben" also, die heute nicht viel anders aussehen dürfte und eher noch rauer geworden ist. In diesem Zusammenhang nimmt das Wort vom "Klassenkampf" für Enzensberger eine ganz eigene Bedeutung an.

"Die mit ernster Miene vorgetragenen Auseinandersetzungen der Berufspolitiker erinnern jeden Außenstehenden, der ein gutes Gedächtnis hat, an die Jahre, die er im Kindergarten oder in der Elementarschule zubrachte", lautet dazu eine der Sentenzen Enzensbergers. Solche "launigen" Sätze gehören zu den "Weisheiten" an manchen Stellen, die an Küchenpsychologie oder Kalendersprüche erinnern, oder es gibt ironisch gemeinte Anmerkungen, wenn er aus Paris "in die Langeweile seines streberhaften Vaterlandes" zurückkehrt.

Dafür vergisst Enzensberger aber auch nicht, wichtige Kindheitserfahrungen festzuhalten und zum Beispiel "Ausnahme-Lehrer" zu erwähnen, die ihn früh geprägt hätten und die man sein Leben lang nicht vergesse. Einer hatte ihm mitten im Krieg das Englische so leichtfüßig beigebracht, "dass es eine Lust war, Autoren wie Thoreau, Wilde oder Chesterton kennenzulernen", die kaum den Beifall des NS-Regimes gefunden hätten. Ein anderer habe es verstanden, aus dem Mathematikunterricht "eine ziemlich spannende Show zu machen".

Eindrucksvoll und bewegend sind Enzensbergers Erinnerungen an die letzten Kriegstage als Jugendlicher und die unmittelbare Nachkriegszeit. Als Schuljunge musste er noch für die in letzter Stunde aufgestellte "HJ-Division" die Uniform anziehen, der Waffen-SS entging er aber trotz "Werbung", durch eigene Passivität, wie er sich erinnert. Schon vorher hatten sich die sieben Kilometer langen Wege ins nächste Gymnasium über die Landstraßen angesichts der Tieffliegerangriffe für den 15-Jährigen als lebensgefährlich erwiesen. "Die Schüler sprangen aus dem Graben, schüttelten den Staub ab und tanzten vor Freude", überlebt zu haben. "M.", wie Enzensberger von sich in der dritten Person durchgehend erzählt, um damit wohl eine gewisse Distanz erkennen zu lassen - sei es zu den Tatsachen oder zu seinen Erinnerungen dazu - "ging es damals bloß noch darum, die eigene Haut zu retten, politische Gründe, die über dieses Ziel hinausgingen, hatte er nicht".

In der Nachkriegszeit ging M. "wie ein Wanderbursche auf die Walz", studierte Literaturwissenschaft, Sprache und Philosophie in Erlangen, Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte zum "Dr. phil.", ging in die USA, nach Mexiko, Norwegen und Italien, wurde Verlagslektor und machte in der "Gruppe 47" von sich reden. Die Jugenderinnerungen schließen mit dem Satz: "Sonst ist in seinen jungen Jahren nicht viel passiert." Aufgeschrieben sollte es aber dennoch sein.

Quelle: Apa/Dpa

Aufgerufen am 18.11.2018 um 05:20 auf https://www.sn.at/panorama/international/hans-magnus-enzensberger-eine-handvoll-anekdoten-zum-89-geburtstag-60503164

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