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Heimkehr in Särgen: Chapecó weint um Fußballteam

Die Fußballer von Chapecoense, die erstmals den begehrten Titel des Südamerika-Cups gewinnen wollten, werden in Särgen auf das Spielfeld ihres Stadions getragen. Sie starben wegen eines tragischen Fehlers.

Auf solchen Lastwagen fahren sonst jubelnde Fußballer. Nach dem Gewinn eines großen Titels recken sie den Fans den Pokal entgegen. Jetzt fahren Lastwagen mit mehreren quergestellten Särgen durch die Straßen von Chapecó. Dazu regnet es in Strömen. Die Leute winken mit weißen Tüchern. Die Leichen ihrer Idole kehren heim, zum letzten Geleit im Stadion.

Am Samstagmorgen waren zwei Maschinen der brasilianischen Luftwaffe in der von europäischen Einwanderern geprägten Stadt im Süden des Landes gelandet. An Bord 50 Särge von Fußballspielern, Trainern und Betreuern des Teams AF Chapecoense. Allein 19 Fußballer sind tot.

Staatspräsident Michel Temer ist da, die Familien bekommen eine Ehrenmedaille. Salutschüsse. Gestorben sind sie auf dem Weg zum bisher größten Spiel des Vereins, gegen Atlético Nacional Medellín in Kolumbien. Zum Finalhinspiel um die Copa Sudamericana, dem Südamerika-Cup.

Sie starben, weil ihr Flugzeug zu wenig Sprit hatte. Nach der Fahrt mit den Lastwagen tragen Soldaten die Särge auf das Spielfeld in der Arena Condá, es rollen die Tränen. Aber es gibt auch "Chape, Chape"-Rufe.

Wie eine große Familie ist der Club, der vor einigen Jahren noch in der vierten Liga spielte, für viele. Nun kennt ihn die ganze Welt. Der Hastag #ForçaChape wurde zum Zeichen der Solidarität, überall wurde das grüne Wappen des erst 1973 gegründeten, oft als Provinzclub belächelten Vereins schwarz eingefärbt. Bei Fußballspielen weltweit gibt es am Wochenende eine Schweigeminute.

Im Stadion hängt ein großes Banner: "Obrigado Club Atlético Nacional" - ein Dank an den Finalgegner aus Medellín, sie sind hier überwältigt von der Anteilnahme. 50 000 Menschen waren dort in Weiß und mit Kerzen im Stadion, zu der Zeit, als am Mittwoch das Finalhinspiel hätte stattfinden sollen. Atlético will, dass "Chape" den Titel bekommt.

Sprechchöre, als die Mutter das Stadion betritt

Einer der großen Helden des brasilianischen Teams war Torwart Marcos Danilo Padilha. Er wurde nur 31 Jahre alt. Als Helfer ihn aus dem Wrack holten, lebte er noch - dann starb er im Krankenhaus. Fans haben sich T-Shirts mit seinem Bild angezogen. Laute "Danilo, Danilo"-Sprechchöre erschallen, als seine Mutter das Stadion betritt.

Wie unwirklich wirken die Bilder, die gerade mal zehn Tage alt sind: Danilo wehrt in der 95. Minute mit einem sensationellen Reflex einen Schuss aus kurzer Distanz ab und sichert Chapecoense gegen San Lorenzo aus Buenos Aires den Einzug ins Finale.

Er kniet jubelnd auf dem Rasen - und danach grölen und tanzen sie in der Kabine. Es sollte das letzte Mal sein. "Danilo war mein geliebter Sohn, mein Engel, mein Held", sagt seine Mutter. Sie fragte vor ein paar Tagen in einem Interview plötzlich einen Reporter, wie er sich fühle - schließlich starben auch 20 Journalisten, die das Team begleiteten. Er fing auch an zu weinen, sie umarmten sich. Parallel zur Feier in Chapecó werden in Rio de Janeiro Journalisten beerdigt.

Was es noch schwerer für alle macht, sind die Umstände. "Señorita, LaMia 2933 hat einen Totalausfall, Totalausfall der Elektronik, ohne Treibstoff", meldete der Pilot, kurz bevor das Flugzeug vom Radar verschwand. Und keine 15 Kilometer vom Flughafen entfernt ohne Treibstoff an Bord am Berg "El Gordo" zerschellte. Der Miteigentümer der kleinen Chartergesellschaft LaMia war mit an Bord. Gleich zwei Dinge sprechen für einen Absturz aus Spargründen.

Zum einen wurde nicht direkt ein Notfall gemeldet, erst als es nicht mehr anders ging. Dadurch wurde vom Tower noch ein anderes Flugzeug vorgelassen. LaMia 2933 musste in eine Warteschleife. Eine Notladung wegen Spritmangels kann mit einer hohen Geldstrafe belegt werden.

Und es gab die Option, einen Tankstopp in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá einzulegen. Der hätte aber 10 000 Reais (2660 Euro) gekostet, wie das Portal "Folha de S.Paulo" berichtet. Klar ist: Die Tragödie war vermeidbar.

Chapecó wird noch lange brauchen. Einige Spielerfrauen, plötzlich Witwen, überlegen laut Berichten, erst einmal zusammenzuziehen. In einer Woche stünde eigentlich das letzte Saisonspiel der Serie A für Chapecoense an, gegen Atlético Mineiro. Auf dem Spielfeld, wo jetzt Dutzende Särge stehen.

Quelle: Dpa.

Aufgerufen am 22.11.2018 um 12:25 auf https://www.sn.at/panorama/international/heimkehr-in-saergen-chapec-weint-um-fussballteam-829987

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