Kopf des Tages

Intellektueller Tausendsassa - Schriftsteller Tilman Spengler wurde 70

Er schrieb Reden für den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, veröffentlichte mehrere, von der Kritik gelobte Romane und beriet als China-Experte die deutsche Bundesregierung: Tilman Spengler. Am Donnerstag (2. März) wurde Spengler 70. Feiern wollte er - "wie jedes Jahr" - unaufgeregt mit Freunden in einem chinesischen Restaurant in München.

Schriftsteller Tilman Spengler. SN/dpa
Schriftsteller Tilman Spengler.

Als Grund für seine facettenreiche Karriere benennt er "politische und wissenschaftliche Neugier". Eine Triebfeder, die den wortgewandten Sinologen, Historiker und Schriftsteller wohl auch in Zukunft vor dem Ruhestand bewahren wird.

Es gibt eindimensionale Karrieren, und es gibt Karrieren, die verlaufen mal in diese, mal in jene Richtung. Für den in Oberhausen geborenen Tilman Spengler gilt eindeutig letzterer Werdegang. Er studierte in Heidelberg, Taipeh und München Sinologie, Politologie und Geschichte; 1972 promovierte er über die chinesischen Intellektuellen im späten 19. Jahrhundert; von 1974 bis 1980 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker am Max-Planck-Institut in Starnberg.

Von Weizsäcker zählt Spengler zu jenen Menschen, denen er ewig dankbar sein wird: "Er zeigte mir auf, wie begrenzt mein Denken ist", sagt Tilman Spengler. Ein weiterer Dank gilt, wie er schmunzelnd berichtet - einem früheren Deutschlehrer. Dieser habe ihn als Formulierungskünstler nicht ernst genommen und ihm empfohlen, es stattdessen mit Jura zu versuchen.

Wie falsch der beflissene Deutsch-Pädagoge mit seiner Einschätzung lag, zeigte sich spätestens 1980, als Spengler Mitherausgeber der von Intellektuellen hoch geschätzten Zeitschrift "Kursbuch" wurde. Das Magazin habe, so Spengler, wissenschaftliche Inhalte mit gutem Schreibstil kombiniert.

Etwa zeitgleich leitete er das Feuilleton der Zeitung "Die Woche", schrieb Essays für die "Zeit" und für "Geo" und war darüber hinaus als Drehbuchautor von Dokumentationsfilmen ("Bitterer Balkan") erfolgreich. Seine nicht selten mit feingeistiger Ironie gespickte Expertise machten sich Politiker wie Kulturstaatsminister Michael Naumann und Bundeskanzler Gerhard Schröder zunutze, für die er als Redenschreiber tätig war.

Als er 1991 seinen ersten Roman "Lenins Hirn" veröffentlichte, war Tilman Spengler bereits untrennbar mit dem deutschen Kulturbetrieb verbunden. Dem erfolgreichen, in 27 Sprachen übersetzten Roman folgten weitere Werke, darunter "Der Maler von Peking" (1993), der Kurzgeschichtenband "Wenn Männer sich verheben" (1996) und der etwas andere Reiseführer "Mallorca. Von schwarzen Schweinen und Madonnen" (2003).

Ab 2005 sprach Tilman Spengler auch über Literatur - zunächst als Teilnehmer des von Günter Grass initiierten "Lübecker Literaturtreffens", von Ende 2009 an als Moderator der auf "BR-alpha" ausgestrahlten Büchersendung "Klassiker der Weltliteratur". 2011 nahm er diesen Faden erneut auf - für sein Buch "Wahr muss es sein, sonst könnte ich es nicht erzählen. 30 Glücksfälle der Weltliteratur".

Auf die aktuelle politische Situation angesprochen, bleibt Spengler ruhig. Auch, weil er immer wieder positive Erlebnisse habe - so wie im Sommer 2015, als am Münchner Hauptbahnhof die Flüchtlinge ankamen und von Helfern willkommen geheißen wurden: "Da habe ich mir gedacht: So schrecklich sieht es mit der Welt nicht aus". Schon als er geboren worden sei, sei die Welt im Umbruch gewesen. "Und sie ist es immer noch", sagt Spengler. Es kämen und gingen einfach immer "neue Arten des Bösen, wobei leider nicht auszuschließen ist, dass alte Formen des Bösen wieder auftauchen".

(Apa/Dpa)

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