Kopf des Tages

Ein Leben für das Schauspiel: Julia Gschnitzer wird 85

Sie stand mehr als sechs Jahrzehnte lang auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Julia Gschnitzer lebte ein Leben in und für die Schauspielkunst. Am 21. Dezember feiert die Viel-Arbeiterin und Grande Dame der heimischen Bühnen ihren 85. Geburtstag. Letzteren wird sie in Zukunft - wie angekündigt - entsagen. "Jetzt bin ich wirklich in Pension", sagte die gebürtige Tirolerin im Gespräch mit der APA lachend.

Die Rolle von Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen, die sie seit 2013 bekleidete, sei ein "würdiger Schlusspunkt" unter ihre Bühnenlaufbahn gewesen, erklärte Julia Gschnitzer. "Ich möchte keine großen Sachen mehr machen", so die gebürtige Innsbruckerin. Das Text-Lernen falle mittlerweile zu schwer. "Und die Freude ist kleiner als die Angst", gab sie unumwunden zu. Auch habe sie derzeit mit "Kreuzproblemen" zu kämpfen, was auch ein Mitgrund für ihre Entscheidung gewesen sei.

Ihr größter Wunsch zum halbrunden Geburtstag sei demnach auch, "wieder gesund zu werden". "Ich will privat genießen. Lesen, spazieren gehen und reisen", blickte die in Elsbethen bei Salzburg Lebende hoffnungsfroh nach vorne. Das Geburtstag-Feiern ist nicht gerade Julia Gschnitzers Leidenschaft. Sie habe bei solchen Jubiläen immer "versucht, mich zu verstecken". Das "besorgniserregende Alter" versuche sie zu verdrängen. Sonst wäre es ja "nicht auszuhalten".

Gschnitzer: "Zum Menschlichen zurückkehren"

Dem heutigen (Regie-)Theater stellt sie ein mehr als verbesserungswürdiges Zeugnis aus. Die Art der Inszenierungen und Darbietungen sei eine ganz andere, "nicht mehr meine Welt". Die eigenen "Fantasien und Ideen" seien wichtiger als die Sache. "Das Stück, um das es geht, tritt in den Hintergrund", kritisierte Gschnitzer vor allem die Regisseure. Man stelle sich nicht mehr in den Dienst der Sache. Doch die Schauspielerin setzt gleichzeitig auch auf ein zwangsläufiges Ende dieser Theater-Entwicklung, quasi der Spirale nach unten: "Mehr als nackt herumzuhupfen, kann man es nicht mehr treiben. Dann wird's hoffentlich wieder menschlich". Hoffnung gebe ihr etwa auch der Nachwuchs an einer Schauspielschule in Innsbruck, an der sie derzeit einmal pro Woche "helfe". "Zum Menschlichen zurückkehren", darum gehe es, so Gschnitzer.

Die Rolle von Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen, die sie seit 2013 bekleidete, sei ein „würdiger Schlusspunkt“ unter ihre Bühnenlaufbahn gewesen, erklärte Gschnitzer.Die Rolle von Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen, die sie seit 2013 bekleidete, sei ein „würdiger Schlusspunkt“ unter ihre Bühnenlaufbahn gewesen, erklärte Gschnitzer. SN/APA/BARBARA GINDL
Die Rolle von Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen, die sie seit 2013 bekleidete, sei ein „würdiger Schlusspunkt“ unter ihre Bühnenlaufbahn gewesen, erklärte Gschnitzer.Die Rolle von Jedermanns Mutter bei den Salzburger Festspielen, die sie seit 2013 bekleidete, sei ein „würdiger Schlusspunkt“ unter ihre Bühnenlaufbahn gewesen, erklärte Gschnitzer.

Indes blickt sie dankbar zurück. Angesprochen auf bestimmte Höhepunkte ihrer Schauspiellaufbahn, meinte sie, es habe so viele gegeben, das könne man gar nicht alles aufzählen. Wenngleich sie das Theater stets als Zentrum ihrer Schaffenskraft sah - "Ich wurde Bühnenschauspielerin" - blieben auch in Film und Fernsehen unvergessene Momente. Die Rolle der "Frau Vejvoda" in der legendären ORF-Serie "Ein echter Wiener geht nicht unter" zählte sie logischerweise dazu. "Das war eine wunderbare Zeit. Locker und schön, mit tollen Kollegen", urteilte sie über den "Mundl". Das Fernsehen bringe eine enorme Popularität, denn schließlich würden es auch Millionen sehen. Dem Medium will sie auch in Zukunft erhalten bleiben. "Kleinere Aufgaben" stünden an, so die Jubilarin.

Gschnitzer debütierte 1951 am Tiroler Landestheater

Julia Gschnitzer wurde am 21. Dezember 1931 in Innsbruck geboren. Sie debütierte 1951 am Tiroler Landestheater, wo sie bis 1954 engagiert war. Gastspiele führten sie an das Theater "für Vorarlberg" nach Bregenz. Anschließend wechselte Gschnitzer in die Schweiz, wo sie bis 1956 am Städtebundtheater in Biel-Solothurn und danach drei Jahre lang am Stadttheater in Bern zu sehen war. Seit 1959 war sie vor allem auf Wiener und Salzburger Bühnen zu Hause, aber auch am Neuen Stadttheater in Bozen.

Ab 1959 arbeitete Gschnitzer an verschiedenen Theatern in Wien. Am Volkstheater verkörperte sie unter anderem Frau Flamm in Gerhard Hauptmanns "Rose Bernd" (1979/80), Marthe Rull in Kleists "Zerbrochenem Krug" (1980/81), Kate Keller in Arthur Millers "Alle meine Söhne" (1981/82), Trine in Karl Schönherrs "Erde" (1981/82) oder Regina Grothum in "Der Aufstieg der Regina G." (1996/97 in den Außenbezirken) von Friedrich Ch. Zauner. Am Tiroler Landestheater brillierte sie 2000 im weiblichen Trio infernal "Wetterleuchten" von Daniel Call.

In den vergangenen 20 Jahren spielte Gschnitzer immer wieder in Salzburg, vorwiegend als regelmäßiger Gast am Landestheater. Große Rollen waren unter anderem Mrs. Peachum in der "Dreigroschenoper" (1987/88), Maria in Turrinis "Josef und Maria" (1991/92), die Mutter in "Mutters Courage" (1995/96) von George Tabori, Frau Wurm in Werner Schwabs "Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos", die Großmutter in Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" (2000) und die Mutter in Thomas Bernhards "Am Ziel" (2002).

Zahlreiche Preise und TV-Auftritte

Preise und Ehrungen blieben in ihrer langjährigen Karriere nicht aus. Neben dem Silbernen Ehrenzeichen der Stadt Wien bekam sie auch den Karl Skraup Preis und das Große Ehrenzeichen des Landes Tirol. 1989 wurde Gschnitzer in Wien zur Kammerschauspielerin ernannt. Wichtige Arbeiten für das Fernsehen waren neben dem "Mundl" unter anderem Axel Cortis "Fall Jägerstätter" (1971), Michael Hanekes "Lemminge" (1979) und "Die Siebtelbauern" (1998). Auch für Xaver Schwarzenbergers Andreas Hofer-Film stand die Vielbeschäftigte vor der Kamera. 2001 bekam sie die Rolle der "Seffin" in der Anzengruber-Verfilmung "Der Schandfleck", spielte in Julian Pölslers "Blumen für Polt" und in beiden Teilen von Peter Sämans modernem Heimatfilm "Im Tal des Schweigens" (2004/2005), sowie in Stephanus Domanigs "Raunacht" (2005). In Reinhold Bilgeris "Der Atem des Himmels" war sie 2010 ebenso zu sehen wie etwa in "Luis Trenker - Der schmale Grat der Wahrheit" (2015). Zuletzt stand sie im ORF-Landkrimi "Sommernachtsmord" vor der Kamera.

Quelle: APA

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