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"Kein Sex, keine Nackten, kein Fluchen"

Eine Drehbuchautorin erzählt. Von Salzburg in die Traumwelt. Der Nachspann von "Terminator" weckte die Sehnsucht nach Hollywood. Jetzt schreibt Greta Heinemann Drehbücher für Navy CIS: New Orleans.

Greta Heinemann, eine gebürtige Deutsche, schreibt Drehbücher für eine der erfolgreichsten Serien der Welt. SN/privat
Greta Heinemann, eine gebürtige Deutsche, schreibt Drehbücher für eine der erfolgreichsten Serien der Welt.



Von der Fachhochschule Salzburg nach Hollywood: Greta Heinemann, eine gebürtige Deutsche, schreibt Dreh bücher für eine der erfolgreichsten Serien der Welt. Den SN verrät sie, dass Donald Trump sie an Charlie Chaplin erinnert und warum Mord nie langweilig wird.

SN: Noch vor ein paar Jahren haben Sie an der Fachhochschule Salzburg studiert. Jetzt haben Sie den Sprung nach Hollywood geschafft.
Heinemann:Bereits während des Studiums war ich mehrmals in den USA, immer für drei Monate - bis mir eine Bekannte ein Arbeitsvisum organisiert hat. Anfangs kannte ich dort niemanden, war völlig auf mich allein gestellt. Das war schwierig. In Los Angeles gab es dann viele helfende Hände.

SN: Wann war klar, dass Sie nach Amerika wollen?
Schon immer. Seit ich mit 14 Jahren zum ersten Mal "The Terminator" gesehen habe, will ich Actionfilme machen. In Österreich und Deutschland sind die Filme eher verkopft. Deshalb zog es mich in die USA.

SN: Arnold Schwarzenegger hat Sie motiviert?
Nein, eine Frau. Im Abspann des Films war der Name Gale Anne Hurd zu lesen, die Produzentin. Seit 2010 produziert sie die Erfolgsserie "The Walking Dead". Ich war begeistert davon, dass Frauen in Hollywood solche Filme machen. Das wollte ich auch. Ich schickte ihr mehrere Bewerbungen, bekam aber nie eine Antwort. Als ich 2009 in den USA sesshaft wurde, fuhr ich ein Jahr lang jeden Tag an ihrer Produktionsfirma vorbei und dachte mir: Irgendwann wirst du für sie arbeiten. 2014 kündigte ich dann meinen Job bei Google und fing bei ihr an - ohne Bezahlung. Drei Monate später war ich Vollzeit-TV-Writer.

SN: Inzwischen sind Sie im Drehbuch- Team von "NCIS: New Orleans" - der meistgesehenen Serie der Welt im Jahr 2014.
So etwas geht nicht über Nacht. Irgendwann wurde ich in das CBS Writers Mentoring Program aufgenommen, wo junge Drehbuchautoren gefördert und ausgebildet werden. CBS ist einer der größten TV-Sender in den USA, dort wird auch "NCIS" produziert. Als ich noch bei Gale Anne Hurd arbeitete, las ich ein Drehbuch von Jeffrey Lieber, das mir gefiel. Durch Zufall wurden Jeffrey und ich Freunde bei Facebook. Wie sich später herausstellte, ist Jeffrey der Chef bei "NCIS". Eines führte zum anderen.

SN: Ist "Vitamin B" entscheidend für den Durchbruch?
Ich würde sagen, es sind: 30 Prozent Talent. 50 Prozent Beziehungen. 20 Prozent Glück.

SN: In Österreich ist der Begriff "Freunderlwirtschaft" eher negativ behaftet. Wie ist das in den Staaten?
In den USA ist die gesamte Industrie auf Vetternwirtschaft gebaut. Ich bin mir nicht sicher, ob das negativ gesehen wird. Es gibt aber Personen, die so viele wichtige Leute wie möglich kennenlernen wollen, um das dann auszunutzen. So etwas finde ich falsch. Wenn mich Leute unterstützen, tun sie das, weil sie es gern machen und von mir überzeugt sind. Ein solches Netzwerk ist unglaublich wichtig.

SN: Vetternwirtschaft war auch ein Thema im US-Wahlkampf. Wie ist die Stimmung nach der Wahl?
Schlecht. Sehr schlecht. Sehr, sehr schlecht.

SN: Wie erlebt das eine Einwanderin?
Ich lebe seit 2009 in den USA. Drei Wochen vor der Wahl wurde ich Staatsbürgerin. Heuer habe ich zum ersten Mal gewählt - und ich bin geschockt. Wenn man, wie ich, aus Deutschland kommt, ist es schwierig, sich mit der aktuellen politischen Situation abzufinden.

SN: Gibt es eine Filmfigur, die Sie an Trump erinnert?
Charlie Chaplin in "Der große Diktator".

SN: Das müssen Sie erklären.
Es gibt einige amüsante, aber leider auch besorgniserregende Parallelen. Wie Chaplin in "Der große Diktator" ist auch Trump eine narzisstische, machtgierige Karikatur eines Politikers. Der Film war damals eine Antwort auf Hitler und das Dritte Reich. Leider finden sich vergleichbare antisemitische, rassistische und diskriminierende politische Motive im Präsidentschaftsplan von Trump.

SN: Schon ein Drehbuch im Kopf?
Gerade schreibe ich an einem Skript, das ich angefangen habe, bevor jetzt bei den Wahlen alles schiefging. Erst im Nachhinein habe ich festgestellt, dass es viele Parallelen gibt, obwohl die Geschichte im Jahr 1992 spielt. Schon damals konnte man erkennen, in welche Richtung sich die Politik in den USA entwickelt. Für mich ist das wie nach dem Ersten Weltkrieg, der den zweiten ermöglichte.

SN: Schauen Sie selbst Serien?
Derzeit komme ich kaum noch dazu. Ich mag "Sons of Anarchy", "Breaking Bad", "True Detective" und "The Affair". Eine meiner Lieblingsserien ist "The Man in the High Castle", dafür würde ich gern einmal ein Drehbuch schreiben.

SN: "NCIS" läuft bereits in der 14. Staffel. Gibt es nach so vielen Episoden immer noch neue Fälle Es ist ein bisschen wie beim Tatort. Jede Woche stirbt einer und am Ende findet man den Killer. Auch wenn sich vieles wiederholt, gibt es immer noch kreative Ansätze, wie Kriminalfälle gelöst werden. Für mich ist es spannend, in fremde Welten einzutauchen. Die letzte Episode, die ich geschrieben habe, handelt von einer Motorrad-Gang. So etwas gab es in 14 Jahren noch nicht bei "NCIS".

SN: Was inspiriert Sie?
Manchmal sind es persönliche Erlebnisse. Manchmal ganz fremde Welten. Letztes Jahr schrieb ich eine Pilotfolge über eine rechtsradikale, religiöse Gruppe im Mississippi.

SN: Gibt es inhaltliche Vorgaben vom Sender?
In Amerika sind große TV-Sender wie CBS eher konservativ. Kein Sex, keine Nackten, kein Fluchen. Man muss sich anpassen.

SN: Ist das schwierig?
Wenn man der Schreiberling für eine Fernsehserie ist, gehört das eben zum Job. Wer Autos für BMW entwirft, will nicht, dass sie wie ein Porsche aussehen. Das ist ganz normal.

SN: Wie lang schreibt man an einem Drehbuch?
Von der Idee bis zum fertigen Skript dauert es rund drei Monate. Dazwischen gibt es aber auch Abgabetermine, die deutlich kürzer sind.

SN: Wie hart ist der Erfolgsdruck?
Oft haben wir Stress wie die Ärzte in "Emergency Room" - wir retten aber keine Leben, sondern schreiben Drehbücher. Manche Menschen in der Filmindustrie scheinen da keinen Unterschied zu sehen. Es gibt Mitarbeiter, die Nervenzusammenbrüche hatten.

SN: Aber ist es nicht schön, wenn man das Ergebnis dann im Fernsehen sieht?
Ja, aber nicht so toll wie der Moment, wenn man als Autor ans Set geht. Da sind 250 Leute, die alle einen Job haben und das machen, was ich geschrieben habe. So wie die Schauspielerin CCH Pounder. Seit "Out of Rosenheim" finde ich sie klasse, auch in der Serie "The Shield". Mit ihr zu arbeiten war eines meiner persönlichen Highlights.

SN: 2008 verursachte der Streik der Drehbuchschreiber einen finanziellen Schaden von mehreren Millionen Dollar. Wie sind die Bedingungen für Autoren heute?
Für viele Autoren haben sich die Bedingungen verbessert. Allerdings wurden damals die Streaming-Portale wie Amazon und Netflix nicht verhandelt, weil es sie noch nicht gab. Deshalb sind die Bedingungen dort anders. Im neuen Jahr will die Writers Guild of America auch dort faire Konditionen erstreiten. Generell kann man sich aber nicht beschweren, wir haben eine gute Kranken- und Pensionsversicherung.

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