International

Krankenschwester soll Säuglingen Morphin verabreicht haben

Motiv der Frau ist unklar - sie wurde festgenommen. In ihrem Spind wurde eine Spritze mit Muttermilch gefunden, die auch Morphin enthielt.

Symbolbild. SN/robert ratzer
Symbolbild.

In Ulm wurde eine Krankenschwester festgenommen, die fünf Früh- und Neugeborenen in einer Säuglingsstation in Ulm Morphium verabreicht haben soll. Die Babys konnten zum Glück gerettet werden, gegen die Frau wird wegen des Verdachts des versuchten Totschlags ermittelt. Wie bei einer Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft am Donnerstagvormittag bekannt wurde, ereignete sich der Fall in einer Nachtschicht am 20. Dezember. Damals litten plötzlich alle fünf Babys, die in einem Zimmer untergebracht waren, fast gleichzeitig unter lebensbedrohlichen Atemproblemen. Dank des raschen Eingreifens des Krankenhauspersonals wurden die Babys gerettet, sie dürften auch keine bleibenden Schäden erlitten haben. Anfangs ging man von einer Infektion aus, mehrere Tests wurden durchgeführt. Letztlich stellte sich aber heraus, dass den Babys Morphin verabreicht worden war. Als die Ergebnisse vorlagen, schaltete die Klinik daraufhin am 17. Jänner die Polizei ein.

Man stehe noch am Anfang der Ermittlungen hieß es am Donnerstag: Klar sei, dass Morphin eingesetzt wurde, auch der Tatzeitraum könne auf die Nachtschicht begrenzt werden. Man wisse auch, wer Dienst gehabt hätte. Morphin könne auf unterschiedliche Arten verabreicht werden, derzeit gehen die Ermittler davon aus, dass es in diesem Fall oral verabreicht wurde.

Auf der Station sei Morphin aus medizinischen Gründen vorhanden - etwa für den Entzug bei Babys von drogenabhängigen Müttern. Das Mittel werde in einem Tresor verwahrt. Es gebe Hinweise auf einen Fehlbestand. Am 23. Jänner kam es schließlich zu einer Durchsuchung bei jenen, die in der Schicht im Dezember Dienst hatten. Dabei habe man im Spind einer Krankenschwester eine Spritze gefunden, in der vermutlich Muttermilch sei. Das habe in einer Umkleide aber nichts zu suchen, hieß es von den Ermittlern. Die Flüssigkeit habe aber Morphin enthalten.

Die Verdächtige, es handelt sich um eine junge Frau, habe alle Vorwürfe bestritten, hieß es. Sie befindet sich in einer Justizvollzugsanstalt. Weitere Details wollte man aus ermittlungstaktischen Gründen vorerst nicht bekannt geben.

"Das Universitätsklinikum kooperiert vollumfänglich mit den ermittelnden Behörden und stellt alle gewünschten Unterlagen zur Verfügung", teilte die Uni mit. Es sei ein Krisenstab gebildet worden. "Wir bedauern es sehr, dass es zu einem solchen Zwischenfall gekommen ist und entschuldigen uns ausdrücklich bei den Eltern und Kindern dafür", erklärten die Ärztlichen Direktoren des Klinikums und der Kinderklinik, die Professoren Udo Kaisers und Klaus-Michael Debatin.

Doch was könnte die Verdächtige dazu getrieben haben, wehrlose Säuglinge mit Morphium in eine lebensbedrohliche Situation zu bringen und womöglich deren Tod billigend in Kauf zu nehmen? Das Motiv sei bislang nicht bekannt, erklären die Ermittler. "Wir stehen noch weitgehend am Anfang", sagte Weber.

Ähnlich gelagerter Fall in Marburg

Anhaltspunkte könnten sich vielleicht aus dem Studium eines anscheinend ähnlichen Falls im Uniklinikum Marburg ergeben. "Wir sind tatsächlich im Kontakt mit den dortigen Ermittlern, vielleicht helfen uns deren Erfahrungen", sagte ein Sprecher der Ulmer Staatsanwaltschaft.

In Marburg hatte eine Kinderkrankenschwester zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 drei frühgeborenen Mädchen ärztlich nicht verordnete Beruhigungs- und Narkosemittel verabreicht. Ende November 2019 wurde sie wegen versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Landgericht Marburg sah Geltungsdrang als ein Tatmotiv an. Die bei ihrer Verurteilung 30-Jährige habe den Tod der Kinder "um ihrer Selbstdarstellung willen in Kauf genommen", befand das Gericht. Die Frau, die wegen schwacher Leistungen aufgefallen sei, habe sich als Retterin profilieren wollen.

Ob Ähnliches auch im Ulmer Fall eine Rolle spielte, ist jedoch noch völlig unklar. Zwischen Tat und Urteil lagen in Marburg mehr als drei Jahre. Wie lange es in Ulm dauern wird, ist nicht absehbar. Es sei denn, so heißt es in Ermittlerkreisen, "wir bekommen ein Geständnis, dann könnte es schnell gehen"

Fälle sind höchst selten

Fälle, in denen Krankenhauspersonal Patienten vorsätzlich vergiftet, sind aber höchst selten. Zuletzt wurde im August des Vorjahres in Saarbrücken bekannt, dass ein Krankenpfleger unter Verdacht des fünffachen Mordes und zweifachen Mordversuchs steht. Der Mann soll Patienten nicht verordnete Medikamente gegeben haben, um sie dann reanimieren zu können, wie die Staatsanwaltschaft damals mitteilte. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft begannen die Ermittlungen gegen den Mann bereits im Juni 2016. Damals sei er in den frühen Morgenstunden auf eine Intensivstation des Krankenhauses in Saarburg gekommen und habe sich als Notarzt ausgegeben. Gegenüber dem Personal habe er gesagt, er müsse an einem Patienten eine besondere Untersuchung durchführen. Dabei habe er eine Notarztjacke angehabt, einen Defibrillator sowie einen Monitor dabei gehabt. Zu der Behandlung kam es aber nicht, der Mann wurde vorläufig festgenommen. Eine Überprüfung habe ergeben, dass er eigentlich als Pfleger auf einer Intensivstation im Uniklinikum Homburg arbeitete und dort nicht zur Nachtschicht erschienen war.

Wie die Staatsanwaltschaft weiter mitteilte, wurden bei den Ermittlungen sieben Leichen exhumiert und toxikologisch untersucht. Bei sechs früheren Patienten seien Wirkstoffe gefunden worden, die nicht ärztlich verordnet gewesen und potenziell tödlich seien. Die mutmaßlichen Taten sollen sich im Zeitraum März 2015 bis 2016 März ereignet haben. Der Mann habe von Jänner 2015 bis März 2016 in einer Klinik in Völklingen gearbeitet. Im Jänner 2020 liefen die Ermittlungen noch. Es gab aber vorerst keine Hinweise auf weitere Fälle.

Lebenslange Haft

Im Juni 2019 verurteilte das Landgericht Oldenburg einen Der Fall weckt schlimme Erinnerungen an die Mordserie des früheren Krankenpflegers Niels Högel. Das Landgericht Oldenburg verurteilte ihn am 6. Juni wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft. Högel war bereits zuvor zweimal verurteilt worden, 2015 unter anderem wegen zweifachen Mordes an Patienten zu lebenslanger Haft. Auch er hatte Patienten mit Medikamenten in lebensgefährliche Situationen gebracht, um sie dann reanimieren zu können. Mit dem Urteil endete nach rund sieben Monaten ein Prozess, der im In- und Ausland viel Beachtung fand. "Ihre Schuld ist unumfassbar", sagte Richter Sebastian Bührmann. Zur Veranschaulichung verwies Bührmann auf das Rechtssystem in den USA, wo anders als in Deutschland Einzelstrafen addiert würden. Bei 85 Morden und 15 Jahren wären dies 1275 Jahre, rechnete Bührmann. "Das gibt eine Ahnung von dem, was ich unfassbar nenne." Högel habe Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr getötet. Jeder einzelne Fall wurde vor Gericht behandelt. Angeklagt war er wegen 100 Morden, in 15 Fällen sprach ihn das Gericht frei. Er selbst hatte 43 Taten gestanden.

Quelle: SN-Ham, Dpa

Aufgerufen am 05.12.2020 um 07:41 auf https://www.sn.at/panorama/international/krankenschwester-soll-saeuglingen-morphin-verabreicht-haben-82751152

Kommentare

Schlagzeilen