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Lernverluste durch Schulschließungen kaum aufzuholen

Lernverluste durch die Schulschließungen aufgrund der Corona-Pandemie sind nur schwer aufzuholen. Daher sollten Schulen so lange wie möglich geöffnet bleiben, betonte der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher am Freitag bei einem Webinar der OECD. Die durch die Lockdowns in den einzelnen Staaten entstandenen Lernverluste bezifferte er mit einem Äquivalent von bis zu drei Prozent des Lebenseinkommens.

Schulen so lange wie möglich geöffnet bleiben SN/APA/HELMUT FOHRINGER
Schulen so lange wie möglich geöffnet bleiben

"Es gibt wohl keine Gruppe, die vom Virus selbst weniger stark betroffen ist als Kinder, aber auch keine, die von den politischen Antworten stärker getroffen wurde", meinte Schleicher. Rund 1,5 Mrd. Kinder seien weltweit vom Schulbesuch ausgeschlossen gewesen. Natürlich habe ein Teil des Schulentfalls durch digitalen Unterricht ausgeglichen werden können - "aber das kann etwa die sozialen Prozesse nicht ersetzen, das haben wir alle bemerkt."

Generell sei es auch sehr schwer, Lernverluste im Nachhinein wieder gutzumachen. "Nachhilfeunterricht, Förderunterricht, das ist leicht gesagt - in der Vergangenheit hat sich aber gezeigt, dass solche Gewinne nur schwer zu erzielen sind", verwies Schleicher auf frühere Studien.

"Wer gelernt hat, selbst zu lernen, wer Unterstützung aus dem häuslichen Umfeld bekommt etc., kommt damit vielleicht klar. Diese Kinder konnten mit der Krise leben, vielleicht haben sie sogar interessante Lernerfahrungen gemacht", meinte Schleicher. "Die das aber eben nicht haben, die haben enorm verloren." Darunter seien überproportional viele Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten.

Schulen müssten daher so lange wie möglich geöffnet sein. "Ich finde es schwer zu vertreten, wenn Restaurants und Kinos offen sind, aber Schulen nicht", so Schleicher. "Das zeigt auch, dass es oft um die Interessen der Erwachsenen geht und nicht um die der Kinder. Der Grund für offene Schulen sollte auch nicht darin liegen, dass Eltern zur Arbeit gehen können, sondern weil es im Interesse der Kinder ist." Gleichzeitig müssten an den Schulen aber natürlich Hygienebestimmungen eingehalten werden. "Schule offenhalten heißt ja nicht Schule ohne Abstandsregeln."

Auf negative Folgen von Schulschließungen abseits von Lernerfolgen verwies Jutta Allmendinger, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt Universität in Berlin. So würden sich motorische Fähigkeiten der Kinder zurückentwickeln: "Was sie derzeit motorisch leisten, ist oft nur der Weg zur Schule und der Schulsport." Dazu kämen schlechtere Ernährung durch die daheim schnell in die Mikrowelle geschobene Pizza statt eines einigermaßen ausgewogenen Schulessens sowie das eingeschränkte soziale Lernen - etwa von Selbstwertgefühl, Interaktion, Solidarität oder das Abbauen von Stereotypen.

Die Auswirkungen der Schulschließungen seien "mega-heterogen" gewesen, sagte Allmendinger. Neben der ökonomischen Situation habe dabei eine Rolle gespielt, ob auch die Eltern daheim sein konnten oder ob Großeltern einbezogen wurden. "Die Daten zeigen, dass sie stärker eingebunden wurden, als sie es auch virologischer Sicht eigentlich sollten." Dazu käme noch die unterschiedliche technische Ausstattung.

Auf eine Art Kontrollfunktion der Schule machte Johannes Hübner, Professor für pädiatrische Infektiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, aufmerksam. In Fällen von Misshandlungen oder Vernachlässigungen sei die Schule immer ein Korrektiv gewesen. "Ein blaues Auge fällt Lehrern auf."

Auch er plädierte für ein Offenhalten der Schule - wobei er die Schließungen im Frühjahr verteidigte. Blaupause für alle Pandemie-Pläne sei immer die Influenza gewesen. "Daher ist man nach dieser Blaupause vorgegangen und hat die Schulen geschlossen, weil wir wussten, dass Kinder starke Verbreiter sind." Mittlerweile habe man aber herausgefunden, dass Kinder bei Covid-19 eben kein wesentlicher Motor der Pandemie seien. "Ich sage nicht, dass Schulen ein sicherer Bereich sind, das können wir von keinem Bereich sagen", betonte Hübner. Die Funktion der Schulen müsse aber aufrechterhalten werden. "Hotels und Kultur kann man mit Geld vielleicht retten, aber die Bildung der Kinder nicht."

Quelle: APA

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