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Lombardei warnt vor Kollaps des Gesundheitssystems

In Italien gibt es trotz der von der Regierung ergriffenen drakonischen Vorbeugungsmaßnahmen immer noch keine Zeichen eines Rückgangs der Coronavirus-Epidemie. Nachdem am Dienstag 631 Todesopfer gemeldet wurden, 168 mehr als am Vortag, warnte die Lombardei erneut vor einem baldigen Zusammenbruch des Gesundheitssystems, sollten die Zahl der neuen Infektionen nicht bald sinken.

466 Patienten liegen in der Lombardei auf der Intensivstation, das sind 26 mehr als am Vortag. "Die Krankenhäuser der Provinzen Bergamo und Cremona sind am Rande ihrer Kapazitäten. Wir denken, Betten auch auf Messegeländen und in Hotels aufzustellen", erklärte der Gesundheitsbeauftragte der Lombardei Giulio Gallera. Patienten sollen in Krankenhäuser der Nachbarregionen untergebracht werden.

Seit Anfang dieser Woche sei eine stärkere Bereitschaft in der Bevölkerung zu spüren, eine aktive Rolle im Einsatz gegen die Epidemie zu spielen. Gallera wiederholte seinen Appell an die Bürger, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, um sich und Angehörige keinen Gefahren auszusetzen.

Drei Todesfälle wurden indes in Friaul Julisch Venetien gemeldet. Die Zahl der Infizierten kletterte auf 89. Gegen die Ausbreitung der Infektion denkt die Region an die Schließung aller Geschäfte und Lokale.

Inzwischen wurden Polizeikontrollen auf den Zugangsstraßen zu den Metropolen eingeführt. Autofahrer können aufgefordert werden, zu begründen, warum sie unterwegs sind. Vor allem an der Einfahrt zu Mailand wurden laut Medienberichten Autofahrer kontrolliert.

Die italienische Regierung plant ein Wirtschaftspaket zur Eingrenzung der negativen Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie im Wert von rund 10 Mrd. Euro. Sie will die Aussetzung von Steuerzahlungen, Strom- und Gasrechnungen für Familien beschließen. Auch die Rückzahlung von Wohnungskrediten soll vorübergehend eingefroren werden, berichtete Vize-Wirtschaftsministerin Laura Castelli im Interview mit "Rai Radiouno".

Industrieminister Stefano Patuanelli erklärte im Interview mit "Radio Capital", die Regierung sei sich bewusst, dass sie viele Opfer von den Italienern verlange. "Wir sind dazu gezwungen, weil unser Gesundheitssystem in eine Krise geraten könnte." Der Minister hatte sich selbst unter Quarantäne gestellt, nachdem einer seiner Mitarbeiter sich am Coronavirus infiziert hatte. Die zweiwöchige Quarantäne geht für den Minister am Mittwoch zu Ende.

Der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, stellte sich aufgrund eines Italienaufenthaltes am vergangenen Wochenende selbst unter Quarantäne. Die italienische Regierung hatte kurz zuvor das Schutzgebiet infolge der Ausbreitung des Coronavirus per Dekret auf das gesamte Land ausgeweitet. "Aus diesem Grund habe ich mich, nachdem ich vergangenes Wochenende in Italien war, rein vorsorglich entschlossen, die angegebenen Maßnahmen zu befolgen und meine Funktion als Präsident von meinem Wohnort in Brüssel aus auszuüben, entsprechend der im Gesundheitsprotokoll angegeben Empfehlung von 14 Tagen", teilte Sassoli mit. "COVID-19 verpflichtet jeden von uns, verantwortlich und umsichtig zu handeln. Dies ist ein heikler Moment für alle."

Unterdessen setzten in Italien Gefängnisinsassen ihre Revolte fort. Bis Dienstagnachmittag wurden insgesamt elf Tote und mehrere Verletzte verzeichnet. Allein in der Strafanstalt der norditalienischen Stadt Modena stieg die Zahl der Todesopfer nach Unruhen am Dienstag auf acht. Drei Insassen kamen im Gefängnis der Stadt Rieti nördlich von Rom ums Leben. In rund 30 Gefängnissen des Landes sind seit Sonntag Revolten im Gange. Grund für die Proteste sind auch Maßnahmen gegen das Coronavirus. So wurden Besuche von Verwandten ausgesetzt. Die Insassen beklagten zudem schlechte hygienische Zustände in den stark überfüllten Strafanstalten.

Malta unterbricht indes alle Verbindungen im Personenverkehr nach Italien. Die Flüge zwischen beiden Ländern würden sofort gestrichen, sagte Ministerpräsident Robert Abela. Die Fähren, die täglich zwischen Malta und Sizilien verkehren, würden nur noch zum Transport von Medizingütern und anderer Fracht genutzt, berichtete die Tageszeitung "Times of Malta". Der Beschluss wurde gefasst, nachdem ein vierter Infektionsfall auf der Insel gemeldet wurde. Auf Malta leben 9.000 Italiener. Weitere 15.000 befinden sich aus beruflichen, oder touristischen Gründen auf der Insel.

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