Kopf des Tages

Mathias Rüegg - der Komponist wird 65

Musikalischer "Grenzgänger", selbstdefinierter "urbaner Intellektueller" und Exil-Schweizer: Komponist Mathias Rüegg ist schwer zu erfassen. Der Gründer des Vienna Art Orchestra (VAO) wird am 8. Dezember 65 Jahre alt.

Mathias Rüegg wird 65. SN/apa
Mathias Rüegg wird 65.

Geehrt wird er mit einer Personale im von ihm mitbegründeten Jazzclub Porgy & Bess - wofür er sein vor Jahren aus finanziellen Gründen aufgelöstes Orchester kurz wiederbelebt.

"Rüegg/VAO" - läutet man bei Rüeggs Domizil in Wien-Neubau wird schnell klar, mit wem er noch immer eine Lebensgemeinschaft führt. Dabei hieß es im Juli 2012 "Game over", wie er es selbst beschrieb. "Chronische Unterfinanzierung" und ein "massiver Nachfragerückgang" veranlassten den Bandgründer dazu, das Handtuch zu werfen. Die künstlerische Umtriebigkeit behielt er sich.

Mathias Rüegg wurde 1952 in Zürich geboren und arbeitete zunächst als Primarschullehrer an mehreren Sonderschulen. Mit 21 begann er sein Studium der klassischen Komposition und Jazzklavier in Graz, drei Jahre später zog er nach Wien, wo er als Pianist in Nachtclubs arbeitete. Ein ursprünglich als Duo-Gig geplanter Auftritt mit dem Saxofonisten Wolfgang Puschnig endete nach einer massiven Aufstockung der Besetzung in der Gründung des VAO. Damalige Gastgeberin: Jazz Gitti.

Für die Kompositionen und Arrangements des VAO zeichnete Rüegg zum überwiegenden Teil selbst verantwortlich. Wobei er seine Wurzeln in der klassischen Musik ebenso wenig verleugnen konnte wie seine Jazz-Ausbildung. Die schwere Kost bekam dennoch. Schnell etablierte sich das Ensemble auch weltweit: In den Jahren 1984 bis 1986 wurde er im Kritikerpoll des amerikanischen Fachmagazins "Downbeat" zum besten Arrangeur gewählt.

Der Verwalter der Bühne des Jazz

Aus der Hand geben wollte der durch Erfolg und Preise geadelte Künstler nichts - im Gegenteil. Management und Organisation des VAO blieben bei Rüegg. Damit nicht genug, initiierte er 1993 die Gründung des Wiener Jazzclubs Porgy & Bess, das anfänglich in den Räumen des ehemaligen Cabaret Fledermaus untergebracht war und im Jahr 2000 in die Riemergasse siedelte. Rüegg verwaltete damit nicht weniger als die Bühne des Jazz in Österreich - zwischen Tradition und Avantgarde.

Grenzen überschritt Rüegg auch zu anderen künstlerischen Disziplinen. So gab es etwa gemeinsame Projekte zwischen Musik und Literatur mit dem Wiener Lyriker Ernst Jandl. Wenig verwunderlich war es also, als ihn die Salzburger Festspiele damit beauftragten, die Musik für den "Jedermann" zu komponieren. Schon zuvor hatte er Film- und Theatermusiken in Zusammenarbeit mit dem Theatermacher George Tabori und dem Wiener Serapionstheater geschrieben.

Rüeggs Leidenschaft galt nach der Auflösung des VAO allerdings der Kammermusik und dem Lied. Mit der Sängerin Lia Pale bearbeitete er etwa Werke von Robert Schumann und Franz Schubert. Mit ihr wird er bei der Personale "In der Strengen Kammer" im Porgy & Bess (7. bis 9. Dezember) ebenso auftreten wie mit seinen Weggefährten des VAO - darunter auch Wolfgang Puschnig -, das alte und neue Bearbeitungen von Erik Satie spielen wird.

Wem Rüegg nach wie vor schwer erfassbar scheint, sollte das Geburtstagsfest an seinem zweiten Abend besuchen. Dann wird der Schauspieler Wolfram Berger ironische selbstreferenzielle Texte des noch immer Pferdeschwanz tragenden Jubilars vortragen. Titel des Abends: "From the Hippie To The Grey Old Man."

Quelle: APA

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