Kopf des Tages

Mehr als ein Vielschreiber: Franzobel wurde 50

Franzobel als Vielschreiber zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung. Seit der aus Oberösterreich stammende Autor vor mehr als 20 Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat, erscheinen im Zweijahresrhytmus Romane, mehrmals pro Jahr gibt es Uraufführungen seiner Stücke, derer 46 der Thomas Sessler Bühnenverlag auflistet. Dabei wurde Franzobel am 1. März gerade erst einmal 50 Jahre alt.

Autor Franzobel. SN/APA
Autor Franzobel.

Aus dem Literaturbetrieb ist Stefan Griebl, wie der 1967 Geborene mit bürgerlichen Namen heißt, spätestens seit 1995 nicht mehr wegzudenken. Auch wenn der Absolvent eines Germanistik- und Geschichtestudiums bereits davor veröffentlichte, katapultierte ihn der Sieg beim Bachmann-Preis im Jahr 1995 ins Licht der Öffentlichkeit. Mit seinem Text "Krautflut" überzeugte der damals 28-Jährige die Jury. Für Jurorin Iris Radisch setzte er "die experimentelle Prosa der Wiener Schule fort". Bereits im Jahr darauf feierte sein erstes Stück "Das Beuschelgeflecht" im Wiener Schauspielhaus im Rahmen der Wiener Festwochen seine Uraufführung, eine Bühnenversion seines Bachmann-Textes inszenierte Hagnot Elischka im Jahr 1997 im damaligen dietheater Konzerthaus. Weniger Freude hatte der Autor mit einer Festwochen-Inszenierung im Jahr 1998, als er sich nach einem Probenbesuch zur Uraufführung von "Biopath" in der Regie von Michael Kreihsl "geschockt" vom Ergebnis zeigte.

Das hinderte den Autor freilich nicht in seiner schier unermesslichen Produktivität: In den Folgejahren kamen in rascher Folge Stücke wie die Lessing-Bearbeitung "Nathans Dackel" in Linz, "Kafka. Eine Komödie" im Grazer Theater im Bahnhof, die Phettberg-Hommage "Hermes" am Volkstheater oder die Satire "Olympia" in Klagenfurt auf die Bühne. Bald wurden auch die deutschen Theater auf ihn aufmerksam: In Stuttgart wurde "Mercedes Stirbt" uraufgeführt, in dem Franzobel mit den Mechanismen moderner TV-Voyeure abrechnete. Das Volkstheater brachte im Jahr 2001 "Mayerling" heraus, in dem er sich mit der habsburgischen Vergangenheit Österreichs auseinandersetzte und das auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde.

Abseits der Bühne äußerte sich der passionierte Fußballfan immer wieder zum politischen Geschehen, vor allem rund um die Schwarz-Blaue-Regierung im Jahr 2000, als er Österreich als ein "sehr unaufgeklärtes Land" bezeichnete und sich gegen einen drohenden "Kulturboykott" aussprach, nachdem zwei seiner Lesungen in Frankreich aufgrund der innenpolitischen Entwicklungen abgesagt worden waren. Für Schlagzeilen sorgte er auch, als er im Jahr 2010 mit dem Flüchtlingsmädchen Arigona den Wiener Opernball besuchen wollte, was diese jedoch ablehnte.

Auch rund um einzelne historische Personen entstanden Stücke, so etwa "Black Jack" rund um Jack Unterwegers Biografie oder "Mozarts Vision". Niemand geringeren als Jesus hat er sich in dem 2005 im Akademietheater uraufgeführten "Wir wollen den Messias jetzt oder Die beschleunigte Familie" vorgenommen. Den österreichischen Bürgerkrieg im Jahr 1934 verarbeitete er in dem Stück "Hunt oder Der totale Februar", für den er einen "Nestroy" erhielt. Dem österreichischen Minderwertigkeitskomplex in Sachen Fußball setzte Franzobel 2006 anlässlich der Fußball-WM in dem Stück "Schwalbenkönig" ein Denkmal. Eine gänzlich andere Richtung nahm er in dem mit der Komponistin Olga Neuwirth erarbeiteten Schauspiel mit Musik namens "Tabu, Tabu - oder Abgründe der Liebe", das im selben Jahr in Salzburg zur Uraufführung kam. Ebenfalls 2006 inszenierte Georg Schmiedleitner am Schauspielhaus Graz "Hirschen", in dem sich der Autor dem Widerstand 1945 im steirischen Salzkammergut widmete.

Große Erfolge erlebte Franzobel, der unter anderem 2002 den Arthur-Schnitzler-Preis und 200 die Bert-Brecht-Medaille erhielt, im Theater im Hausruck, das u.a. sein Stück "Zipf" (Regie: Schmiedleitner), das sich mit dem KZ Mauthausen beschäftigte, realisierte. Einen kleinen Skandal gab es im Jahr 2008, als Franzobel sich vorab von seinen Moderationstexten der "Nestroy"-Gala distanzierte, von denen in der Realisierung nur ein Bruchteil übrig geblieben war. Umgekehrt distanzierte sich 2009 die Autorin Christiane Kohl von Franzobels Bühnenbearbeitung ihres Buchs "Das Zeugenhaus", das unter dem Titel "Große Kiste oder Das Spiel vom Zeugen" in Nürnberg als Franzobel-Stück auf die Bühne kam. In den Folgejahren brachten u.a. das Theater in der Josefstadt das Hans-Moser-Stück "Moser oder Die Passion des Wochenend-Wohnzimmergottes", das Schauspielhaus Wien "Die Pappenheimer oder Das O der Anna O." rund um Freuds Psychoanalyse oder das Burgtheater im Kasino "Der Boxer oder Die zweite Luft des Hans Orsolics" heraus. Als fruchtbar erwies sich auch die Zusammenarbeit mit dem Wiener Lustspielhaus, das in den vergangenen Sommern etwa Franzobels Wienerische Versionen vones "Jedermann", "Othello", "Hamlet" oder "Faust" zeigte.

Zeitgleich zu seinem Erfolg als Dramatiker legte er auch regelmäßig Romane vor: 2002 erschien "Lusthaus oder die Schule der Gemeinheit" im Zsolnay Verlag, auch "Vergnügungsgedichte" legte er im Jahr darauf mit "Luna Park" vor. Mit dem Roman "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik" lieferte er 2005 einen Auswandererroman zwischen Buenos Aires und Wien. Der Roman "Liebesgeschichte" folgte im Jahr 2007. Dem Sport widmete sich Franzobel in seinem 2014 erschienen Krimi "Wiener Wunder", in dem er in den Dopingsumpf rund um einen Leichtathleten führte. Ganz frisch auf dem Markt ist "Das Floß der Medusa", ein Roman über eine 200 Jahre alte Seefahrtstragödie. Dieser aktuelle Roman führt ihn derzeit durch Österreich: Am 2. März präsentiert er "Das Floß der Medusa" im Literaturhaus in Innsbruck, am 7. März in Vöcklabruck, bevor er am 9. März bei Thalia in der Wiener Mariahilfer Straße zu erleben ist.

(APA)

Aufgerufen am 22.06.2018 um 05:25 auf https://www.sn.at/panorama/international/mehr-als-ein-vielschreiber-franzobel-wurde-50-110791

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