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Mythos Eiger-Nordwand: Mordslust auf die Mordwand

80 Jahre nach der Erstbesteigung ist die Eiger-Nordwand nach wie vor der Inbegriff für Bergabenteuer. Keine andere Alpenwand lässt die Zuschauer so nahe an das Drama heran.

Heinrich Harrer (links) und Fritz Kasparek bei der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand im Juli des Jahres 1938. SN/www.picturedesk.com
Heinrich Harrer (links) und Fritz Kasparek bei der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand im Juli des Jahres 1938.

Die Eiger-Nordwand ist zum Schauen und zum Fürchten gemacht, aber nicht zum Klettern. Schauspieler Benno Fürmann beschreibt das in seiner Rolle als eines der ersten Eiger-Opfer, Toni Kurz, im Film "Nordwand" (2008) richtig: "Das hat nichts mit Klettern zu tun - das ist eine Lotterie!" Doch Glücksspiel garantiert Spannung. Die Eiger-Nordwand ist zu publikumsfreundlich, um nicht berühmt zu sein. Ohne die Fernrohre auf den Hotelterrassen der Kleinen Scheidegg wäre der Eiger nur ein Berg von vielen. Mit seinem 1800 Meter hohen Amphitheater, den darin aufgeführten Kletterabenteuern und mit seiner Liveschaltung zu Leben und Tod wurde der Eiger zum Mythos.

Mit drei Kletterkameraden stieg der Berchtesgadner Toni Kurz im Sommer 1936 ins Eiger-Glücksspiel ein. Ein Jahr nachdem zwei Münchner Kletterer das russische Alpinroulette gestartet hatten - und ums Leben gekommen waren. Die Presse schrieb erstmals von der "Mordwand". Kurz und Freunde wussten, worauf sie sich einließen. "Wenn die Wand zu machen ist, machen wir sie - oder bleiben drin!" Sie blieben drin. Ihr Scheitern schrieb das Drehbuch zum tragischsten Alpindrama. Das Foto des wenige Meter über den Rettern am Seil baumelnden, sterbenden Kurz ging um die Welt. Hätten sie das Eiger-Spiel gewonnen, das "letzte Problem der Alpen" gelöst, wären ihnen im Olympiajahr eine Goldmedaille, ein Führer-Händedruck und eine Rolle in Riefenstahls Olympiafilmen sicher gewesen. Die NS-Propaganda (v)erklärte bereits den Besteigungsversuch 1936 als Krieg, Journalisten übten schon einmal als Kriegsberichterstatter: "Im Kampf mit der Eigerwand", betitelten sie ihre Geschichten. Oder: "Gefechtspause am Eiger", auch: "Die Belagerung in vollem Gange". Bergsteigen wurde zum Krieg, die Nordwand zum Schlachtfeld, die Kletterer zu Soldaten. Und die Nazipolitik fand 1936 noch eine andere Entsprechung in der Wand: Die vier Kletterer bildeten eine deutsch-österreichische Seilschaft. Kein Propagandaminister hätte das besser planen können.

1938 bei der Erstbesteigung wiederholte sich diese Allianz. Wieder zufällig, wieder aus der Not geboren. Der Steirer Heinrich Harrer und der Wiener Fritz Kasparek waren bereits in der Wand. Sie kamen langsam voran und wurden von den Münchnern Anderl Heckmair und Ludwig Vörg überholt. Kletterschwierigkeiten und ein Wettersturz schweißten die zwei Seilschaften schließlich zu einer zusammen. In seinem Buch "Um die Eiger-Nordwand" beschrieb Harrer die Ehrung der deutsch-österreichischen Erstbesteiger durch Adolf Hitler: Das Gespräch dreht sich um die vielen Opfer der Eigerwand, "da füge ich ein, dass 1936 zwei Bergsteiger aus der Ostmark und zwei aus dem Altreich zusammen in den Tod gegangen sind. Der Führer hebt den Kopf und seine großen Augen sehen uns klar an: ,Das ist symbolisch.'" Womit er nicht unrecht hatte. Es dauerte nicht mehr lange und Altreich und Ostmark marschierten gemeinsam in den Tod.

Heckmair, Vörg, Kasparek und Harrer kehrten jedoch am Abend des 24. Juli 1938 nach drei bzw. vier Tagen in der Wand lebend zurück, oder wie es Harrer mit dem ihm eigenen Pathos beschrieb: "Wir haben einen Ausflug in eine andere Welt gemacht und sind zurückgekommen." Sie werden für ihre Heldentat für Volk, Reich, Führer geehrt. Harrer erhielt die Einladung zur deutschen Nanga-Parbat-Expedition 1939, wurde bei Kriegsausbruch in Indien interniert und floh nach Tibet. Seine sieben Jahre am Hof des Dalai Lama und ein weiteres Abenteurer- und Forscherleben wurden Geschichte; so wie die vom Salzburger Journalisten Gerald Lehner 1997 aufgedeckten "braunen Flecken" an der Legende Harrer.

Mit seinem in viele Sprachen übersetzten Bestseller "Die weiße Spinne", benannt nach dem spinnenarmengleichen Eisfeld im oberen Drittel der Wand, erschienen 1958, verhalf Harrer "seiner" Nordwand zu noch mehr Popularität. Dutzende Romane, Erzählungen, Dokumentar- und Spielfilme arbeiteten und verdienten seither am Mythos Eiger. 1999 wurde eine Durchsteigung live im Fernsehen übertragen - mit besten Einschaltquoten. Auch modernes Management holte sich seine Inspiration aus der Wand. In feindlicher Umgebung Wege finden, Schwierigkeiten bewältigen, Gefahren erkennen - wer das "Nordwand-Prinzip®" beherrscht, sollte es auch im Beruf bis ganz oben schaffen. Und die Eiger-Nordwand bleibt am Puls der Zeit: So wie sie in den 1930ern den Heroismus bediente, so bietet sie heute die Bühne für Schnelligkeit und Effizienz. 2015 verkürzte der mittlerweile im Himalaya verunglückte Schweizer Profibergsteiger Ueli Steck den Speed-Rekord auf zwei Stunden, 22 Minuten, 50 Sekunden.

Auf den Plakaten zum anfangs genannten Film "Nordwand" stand über Toni Kurz und Kameraden zu lesen: "Sie suchten das Abenteuer und schufen einen Mythos." Das stimmt. Aber nicht ganz. Vor allem verdankt die Eiger-Nordwand ihren Ruhm sich selbst.

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