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Nach Angriff auf Manager: Mitarbeiter verurteilt

Nach einem aufsehenerregenden Angriff auf Air-France-Manager sind drei frühere Mitarbeiter zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt worden.

Das Strafgericht der Pariser Vorstadt Bobigny verhängte am Mittwoch Gefängnisstrafen zwischen drei und vier Monaten auf Bewährung gegen die drei Männer. Zwei weitere Angeklagte, denen Gewaltanwendung zur Last gelegt worden war, wurden frei gesprochen. Zehn wegen Sachbeschädigung Angeklagte wurden zu Geldstrafen von 500 Euro verurteilt.

Bei Protesten gegen einen neuen Air-France-Sparplan im Oktober 2015 hatten rund hundert Mitarbeiter eine Versammlung von Betriebsrat und Konzernführung gestürmt. Dabei wurden die Air-France-Manager Xavier Broseta und Pierre Plissonnier heftig angegangen. Die beiden Manager mussten sich mit zerrissenen Hemden über einen Zaun retten, die Bilder davon gingen um die Welt.

Geiselnahme in der Fabrik

Ein Jahr zuvor hatten ebenfalls in Frankreich, in Amiens, Hunderte von Arbeiter der Reifenfabrik Goodyear gegen ihre Chefs aufbegehrt. Sie setzten zwei Direktoren in einem Verhandlungsraum fest. Der Eingang blieb mit einem mannshohen Reifenturm zugesperrt. Hintergrund der spektakulären war der Plan des amerikanischen Mutterkonzerns Goodyear, die ganze Produktion in Amiens zu schließen. Ein Großaufgebot befreite die beiden Betriebsleiter. Sie verließen das Gelände unter den Buhrufen der Arbeiter. Später einigten sich die Gewerkschaften mit dem Management auf ein Ende des Streiks und akzeptierten die Werksschließung. Für einige Mitarbeiter hatte das aber ein Nachspiel. Im Jänner dieses Jahres hat das Strafgericht von Amiens acht ehemalige Goodyear-Arbeiter zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, neun Monate davon ohne die Möglichkeit der Bewährung.

Bossnapping wurde zum Volkssport

Dass Manager etwa als Geiseln genommen werden, um Kündigungen zu verhindern oder höhere Abfindungen bei Betriebsschließungen zu erzwingen, kommt in Frankreich seit Anfang des vorigen Jahrhunderts immer wieder vor. Nach der Finanzkrise ab 2009 entwickelte sich Bossnapping geradezu zum Volkssport. Betroffen waren etwa Sony, 3M, Caterpillar, Goodyear und La Poste. Der Staat ließ lange Milde walten: Politiker lobten durch Erpressung erzielte Einigungen, Aggressoren blieben ungeschoren.


Skrupel hatten die französischen Mitarbeiter selten, wie Beispiele zeigen.

  • Im Jahr 2000 kippten Beschäftigte eines Textilbetriebs 5000 Liter Schwefelsäure in einen Fluss. Davon inspiriert, drohte man später in sechs weiteren Firmen mit ähnlichen Aktionen.
  • 2005 kaperten Seeleute ein Schiff der Korsika-Fähre SNCM, um eine Privatisierung der konkursreifen staatlichen Reederei zu verhindern. Erst Marinesoldaten und Sondereinsatzkräfte konnten es aus den Händen der gewerkschaftlichen "Piraten" befreien.
    * 2009 drohten Fabrikarbeiter eines Autozulieferers, ihr Werk mit Gasflaschen in die Luft zu sprengen, wenn ihnen die ehemaligen Hauptkunden Renault und Peugeot nicht hohe Sonderabfertigungen zahlen würden. Die Erpressung gelang, das Beispiel machte Schule: Bei einem Netzwerkausrüster und einem Maschinenbauer wurde es erfolgreich wiederholt.
    * Ebenfalls 2009 stürmten Hafenarbeiter in Marseille das Büro ihres Chefs und verwüsteten es mit Äxten. Im gleichen Jahr zerrten Streikende einer Batteriefirma in Auxerre ihren Boss aus seinem Büro auf die Straße und zwangen ihn, an ihrer Demo teilzunehmen.

Fast schon zur Folklore gehört es, Manager mit Eiern und Schuhen zu bewerfen. Der tiefere Grund für die verhärteten Fronten: Es gibt in Frankreich, anders als in Österreich oder Deutschland, keine Partner, die sich friedlich über Kollektivverträge oder Sozialpläne einigen. Die meisten Gewerkschaften wollen auch keine Verhandlungen mit den Arbeitgebern, die sie als ihre Feinde ansehen. Mitbestimmung und damit Mitverantwortung lehnen sie ab. Damit bleibt oft nur der Arbeitskampf, um Forderungen durchzusetzen - wenn nötig auch mit Gewalt.

Freilich schrecken die Franzosen damit Investoren aus dem Ausland ab. Die Angst vor rabiaten Rebellen schadet der Wettbewerbsfähigkeit und verzögert die Sanierung angeschlagener Unternehmen, oft bis zu deren Ruin. Das dämmert auch vielen Politikern.

Quelle: Apa/Afp

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