International

Rauch in Kiew wegen Waldbrands bei Tschernobyl

Starker Wind hat den Rauch der Schwelbrände um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl in die ukrainische Hauptstadt Kiew getrieben. Das Gebiet ist radioaktiv belastet. "In Kiew gibt es nur Rauch, keine Radioaktivität", versicherte der Bürgermeister und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko am Freitag via Facebook. Kiew liegt rund 70 Kilometer von der Tschernobyl-Sperrzone entfernt.

Rekord-Luftverschmutzung in Kiew SN/APA (AFP)/SERGEI SUPINSKY
Rekord-Luftverschmutzung in Kiew

Zuvor hatte die Stadtverwaltung dazu geraten, die Fenster zu schließen und nicht auf die Straße zu gehen. Die Einwohner der Dreimillionenstadt sollten viel trinken und Innenräume feucht wischen. Um den Staub mit Brandteilchen zu binden, ließ die Stadt die Straßen bewässern.

"Verbrennungsprodukte und Brandrauch aus der Sperrzone konnten nicht nach Kiew gelangen", versicherte der Chef des ukrainischen Wetterdiensts, Nikolai Kulbida. Innerhalb der kommenden zehn Tage sei nicht mit Regen zu rechnen.

Das auf Messungen der Luftqualität spezialisierte Schweizer Unternehmen IQAir maß in Kiew eine der weltweit schlimmsten Luftverschmutzungen. Unabhängige Experten bestätigten jedoch, dass die Strahlenbelastung in Kiew nicht über der Norm lag. Neben dem Waldbrand machten die Behörden auch die in der Ukraine übliche Praxis, trockenes Gras zu verbrennen, für die Rauchentwicklung verantwortlich.

Die Organisation "Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs" (IPPNW) zeigte sich angesichts der Brände kurz vor dem 34. Jahrestag des Atomunglücks besorgt. Der Co-Vorsitzende Alex Rosen nannte einer Mitteilung zufolge die Reaktion der ukrainischen Behörden eine "Wunschvorstellung und Beruhigungsmaßnahme für die Bevölkerung". Die Organisation geht davon aus, dass substanzielle Mengen an Radioisotopen mobilisiert worden seien. Durch Einatmung im Körper abgesetzte Partikel könnten zu Krebserkrankungen führen. "Wie damals in 1986 hängt das Schicksal der Bevölkerung von der Richtung des Windes ab", unterstrich die Organisation.

Messdaten der deutschen Botschaft in Kiew zufolge gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. "Die Messwerte der Strahlenbelastung sind stabil und liegen weiterhin unterhalb der Werte etwa von Berlin-Wannsee", schrieb die Botschaft in einer Mitteilung an deutsche Staatsbürger in der Ukraine. Dem Bundesamt für Strahlenschutz zufolge seien die Messwerte unbedenklich.

Dem Katastrophenschutzdienst zufolge dauerten die Löscharbeiten in der Sperrzone weiter an. Rund 1.100 Feuerwehrleute wässerten, unterstützt von Hubschraubern, an einzelnen Abschnitten verbliebene Glutnester und Baumreste. Durch die vor knapp zwei Wochen ausgebrochenen Feuer brannten offiziellen Angaben nach etwa 11.500 Hektar ab.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace geht vom Vierfachen aus. "Ein Großteil der Flächen ist seit der Explosion des Atommeilers 1986 mit Cäsium 137, Plutonium 239 und Strontium 90 belastet", erklärte Greenpeace. "Bisher gibt es keine Daten darüber, wie viel Strahlung das Feuer aufgewirbelt und weiter verteilt hat." Als Brandursache gilt auch Brandstiftung.

In den vergangenen Jahren kam es mehrfach zu Feuern in den unbesiedelten Gebieten der Zone. Nach der Explosion des Blocks vier im damals noch sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 wurden radioaktiv belastete Landstriche um die Atomruine gesperrt. Der GAU rund hundert Kilometer nördlich von Kiew war der schwerste Atomunfall in der Geschichte, die Umgebung des AKW ist bis heute stark verstrahlt. Zehntausende Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Seit mehreren Jahren ist das Gebiet für geführte Touristengruppen zugänglich.

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

Aufgerufen am 03.12.2020 um 03:36 auf https://www.sn.at/panorama/international/rauch-in-kiew-wegen-waldbrands-bei-tschernobyl-86369434

Schlagzeilen