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Richard Grasl: ORF-Finanzdirektor wagt den Sprung ins Ungewisse

Sieg oder Abschied - Richard Grasl (43) geht mit seiner Kandidatur aufs Ganze. Schafft es der Kaufmännische Direktor nicht, ORF-Chef Alexander Wrabetz zu entthronen, hat er keinen Job mehr am Küniglberg. Ganz ohne Netz springt er wohl nicht als versierter Netzwerker mit starkem Rückhalt in der (niederösterreichischen) ÖVP - und einer vorzeigbaren Bilanz nach fast sieben Jahren als ORF-Finanzchef.

Richard Grasl: ORF-Finanzdirektor wagt den Sprung ins Ungewisse SN/APA/ERWIN SCHERIAU
Richard Grasl fordert Alexander Wrabetz heraus.

Als Grasl 2010 aus Niederösterreich nach Hietzing wechselte und Finanzdirektor des ORF wurde, sah das für so manchen Beobachter nach einer klassischen rot-schwarzen Proporz-Kombi für den Öffentlich-Rechtlichen aus. Noch dazu, da sein Avancement vom niederösterreichischen Chefredakteur zum Finanzchef von der Kritik begleitet wurde, es handle sich um einen Polit-Deal rund um die Refundierung der Gebührenbefreiung für den ORF.

Doch Grasl bewies binnen kurzer Zeit Standfestigkeit ebenso wie Loyalität. Er stemmte im Windschatten von Wrabetz die harten Einsparungen und brachte den ORF wieder in die schwarzen Zahlen. Und so zog er nach der ORF-Wahl 2011 ein weiteres Mal ins Direktorium ein, als Fixstarter unter dem wiedergewählten Wrabetz. Er führte den Konsolidierungskurs fort, 2015 konnte er ein Ergebnis über Plan verantworten.

2011 verzichtete Grasl noch auf eine eigene Kandidatur, dass er sich nun dazu entschloss, überraschte niemanden. Das liegt nicht nur daran, dass auch diesmal - unbestätigte - Gerüchte, ein solcher Schritt würde zum Beispiel im St. Pöltner Landhaus gern gesehen, die Runde machten. In den Monaten vor seiner offiziellen Bewerbung hatte er, ganz anders als zuvor, auch kritische Töne in Richtung Wrabetz hören lassen. Das nicht zuletzt, seit der Amtsinhaber selbst ungewohnt zeitig klar gemacht hatte, dass er eine dritte Runde anstrebt.

Grasl will keine Alleingeschäftsführung

So hält Grasl nichts vom Festhalten an einer Alleingeschäftsführung. Zu oft seien ihm als Finanzchef Entscheidungen von oben quasi aufs Aug gedrückt worden, ließ er einmal durchblicken. Kollegiales Führen im Einvernehmen ist denn auch die Devise in seiner Bewerbung. Bei den ORF-Radios wurden seiner Ansicht nach die Konzept-Zügel allzu locker geführt. In der TV-Information schweben ihm andere Kommandostrukturen vor als Wrabetz, und auch die Aufteilung der Direktoren will er anders angehen.

Klappt das nicht, muss man sich um den in den in Niederösterreich nach wie vor gut verankerten, kommunikativ starken Manager mit journalistischem Background wohl keine Sorgen machen. Gut möglich, dass er auch nach einem Abgang den Status als bürgerliche Zukunftshoffnung für den ORF behält, denn wer weiß, was nach den nächsten Nationalratswahlen ist. Ein ORF-Comeback des Hobby-Golfers wäre keine Überraschung.

Wrabetz als Vorbild - zumindest indirekt

Schafft es Grasl dagegen, die Mehrheit der Stiftungsräte - und neben den 13 VP-nahen Stimmen bräuchte er da noch mindestens fünf - zu überzeugen, dann wiederholt er, was dereinst Wrabetz vorturnte: 2006 siegte der damalige Kaufmännische Direktor mittels "Regenbogenkoalition" über die bürgerliche Monika Lindner.

Zur Person: Richard Grasl, geboren am 21. Jänner 1973 in St. Pölten, aufgewachsen in Krems. Studium der Handels- und Betriebswirtschaft in Wien (Mag.), parallel tätig für den ORF. Ab 1998 Moderator von "Niederösterreich heute" sowie Chef vom Dienst, 1999 Wechsel in die "Zeit im Bild 2" als stellvertretender Innenpolitik-Leiter. 2002 Chefredakteur des ORF Niederösterreich, ab 2010 Kaufmännischer Direktor des ORF. Grasl ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Quelle: APA

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