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Ruf nach Abschied vom Zölibat

Im Vatikan läuft derzeit die Amazonas-Synode, bei der die Tür zur Weihe von verheirateten Männern und dem Diakonat für Frauen aufgestoßen werden könnte.

Prachtvoll zurechtgemachte Teilnehmerinnen der Amazonas-Synode verfolgten am Sonntag – dem Weltmissionstag – die von Papst Franziskus zelebrierte Messe im Petersdom. SN/AP
Prachtvoll zurechtgemachte Teilnehmerinnen der Amazonas-Synode verfolgten am Sonntag – dem Weltmissionstag – die von Papst Franziskus zelebrierte Messe im Petersdom.

Die katholische Kirche steuert langsam auf die Weihe verheirateter Männer und das Diakonat für Frauen zu. Dieser Eindruck ergibt sich aus der Lektüre von Berichten der zwölf nach Sprachen geordneten Diskussionsgruppen auf der Amazonien-Synode im Vatikan. Auf dem Bischofstreffen, das noch bis zum 26. Oktober dauert, sollen "neue Wege für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie" debattiert werden. Teilnehmer sind 186 sogenannte Synodenväter, also Bischöfe oder andere Geistliche, die am kommenden Wochenende über einen Abschlussbericht abstimmen werden. Zudem sind Dutzende Experten und sogenannte Hörer und Hörerinnen geladen. Auch Papst Franziskus nimmt an den Beratungen im Vatikan teil.

In den zwölf Berichten der Sprachgruppen, aus denen eine Kommission den Abschlussbericht zusammenstellen soll, wird immer wieder auf die Weihe verheirateter Männer und die Rolle von Frauen in der katholischen Kirche des weitläufigen Amazonas-Gebiets eingegangen. Vor allem in den vier portugiesischen und den fünf spanischen Sprachzirkeln ist die Forderung nach der Weihe nicht zölibatär lebender Priester, aber auch die Forderung nach dem Diakonat der Frau deutlich vernehmbar. Die Themen sind deshalb umstritten, weil Kritiker bei einer Zulassung verheirateter Männer zum Priesteramt den Anfang vom Ende des Pflichtzölibats befürchten. Die bisher nicht erlaubte Weihe von Frauen zu Diakoninnen sei der erste Schritt hin zu einer Zulassung von Frauen als Priesterinnen und damit einer "Protestantisierung".

Frauen sollten Diakoninnen werden dürfen

Explizit forderte eine der portugiesisch-sprachigen Gruppen in ihrem Bericht Papst Franziskus zur Zulassung sogenannter viri probati und Diakoninnen auf. Man bitte den Heiligen Vater, "dass er für Pan-Amazonien Männer zum Priesteramt und Frauen zum Diakonat, die bevorzugt indigen sind, zulässt". Indigene katholischen Gemeindevorsteher in Amazonien sind in der Regel verheiratet. Frauen leiten Zweidrittel der örtlichen Glaubensgemeinschaften. Befürworter der Weihe verheirateter Männer argumentieren, der Zölibat sei weniger wichtig als die Tatsache, dass Katholiken in Amazonien wegen der weitläufigen Gebiete und des Priestermangels mehr als einmal pro Jahr die Messe feiern könnten. Das sei bisher oft der Fall.

Ein weiterer portugiesischer Sprachzirkel stellte fest: "Die Ordination von viri probati wurde für Pan-Amazonien als notwendig erachtet." "Wir bekräftigen den Wert des Zölibats", schrieb eine andere portugiesische Gruppe. Die Synode habe aber den Wunsch ausgedrückt, "den viri probati sowie dem Dienst der Diakonie für Frauen die Priesterweihe zu erteilen". "Verheiratete Männer mit gutem Ruf" sollten zu Priestern berufen werden, schrieb ein spanischer Sprachzirkel. Es handelte sich dabei "nicht um ein Priestertum der dritten oder vierten Klasse", sondern um echte Priesterberufungen.

Dieser Tenor zieht sich durch die Mehrzahl der Berichte. Teilweise wird vorgeschlagen, die theologische Debatte über den Diakonat der Frau "aus Sicht des Zweiten Vatikanischen Konzils" wieder aufzunehmen oder eine eigene Synode zur Frage der Frauen in der Kirche sowie neuer Modelle der Priesterweihe einzuberufen. Papst Franziskus hatte 2016 eine Kommission zur Erforschung der historischen Ursprünge des Frauendiakonats eingerichtet, die ihre Arbeit vergangenes Jahr ohne einheitliches Ergebnis beendete. Der Papst forderte beteiligte Theologen aber auf, der Frage weiter nachzugehen.

Die beiden italienischen Sprachzirkel äußern sich über die strittigen Themen der Konferenz zurückhaltend. Eine der Gruppen, in denen vor allem italienische Priester und Kurienfunktionäre sitzen, forderte für Frauen ein neues Amt als "Koordinatorin von Gemeinden". Was den Zölibat angeht, schlägt der zweite italienische Sprachzirkel eine eigene Synode zum Thema Zölibat vor. Bis dahin sollte er auch in Amazonien beibehalten werden.

Mehrere Teilnehmer hatten sich auf der Synode offen für die Weihe für verheiratete Männer und Frauen eingesetzt. Der österreichische Bischof Erwin Kräutler hatte behauptet, Zweidrittel der Teilnehmer befürworteten die Weihe von viri probati. Am Wochenende stimmen die Teilnehmer über den Abschlussbericht ab, der Empfehlungen für den Papst enthält. Es wird erwartet, dass Papst Franziskus daraufhin seine eigenen, verbindlichen Schlussfolgerungen zieht.

Aufgerufen am 03.12.2021 um 11:18 auf https://www.sn.at/panorama/international/ruf-nach-abschied-vom-zoelibat-77984398

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