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Schwester getötet, weil sie nicht dem Frauenbild entsprach

Zwei Brüder aus Afghanistan sollen eine 34-Jährige in Berlin in eine Falle gelockt und ermordet haben. Die beiden Kinder der Frau leben seither in einem Ausnahmezustand. Nun beginnt der Strafprozess gegen die Angeklagten.

Ein möglicher Ehrenmord an einer Frau aus Afghanistan in Berlin wird nun vor Gericht aufgerollt. Angeklagt sind die beiden Brüder des Opfers (Symbolbild). SN/apa
Ein möglicher Ehrenmord an einer Frau aus Afghanistan in Berlin wird nun vor Gericht aufgerollt. Angeklagt sind die beiden Brüder des Opfers (Symbolbild).

Eine zweifache Mutter aus Afghanistan soll von ihren Brüdern ermordet worden sein - wegen ihres Lebenswandels. Davon geht die Berliner Staatsanwaltschaft aus. Der Lebenswandel ihrer Schwester habe nicht "ihren archaischen Ehr- und Moralvorstellungen und ihrem Frauenbild" entsprochen, erläuterte Behördensprecher Martin Steltner bei der Anklageerhebung. Der Fall hatte eine politische Debatte um den Begriff "Ehrenmord" und die Integration von Flüchtlingen ausgelöst. Am Mittwoch beginnt vor dem Berliner Landgericht der Mordprozess gegen die Brüder - eine weitere Belastung für die beiden Kinder (10 und 14) des Opfers.

Die Ermittlungen ergaben, dass die heute 27 und 23 Jahre alten Männer ihre Schwester am 13. Juli 2021 unter einem Vorwand zu einem Treffen gelockt und getötet hatten. Dann sollen sie die Leiche der 34-Jährigen in einem Rollkoffer per Taxi zum Bahnhof Südkreuz transportiert haben und mit der Bahn nach Bayern gefahren sein. Laut Anklage vergruben sie dort die Leiche in der Nähe des Wohnortes des Älteren.

Berliner Ermittler konnten mit der Polizei in Bayern die Männer fassen. Seit Anfang August vergangenen Jahres sitzen sie in Untersuchungshaft. Die Flüchtlinge aus Afghanistan hätten nicht hinnehmen wollen, dass ihre Schwester sich nach Gewaltvorfällen von ihrem Ehemann, mit dem sie als 16-Jährige verheiratet worden war, scheiden ließ und sich einem anderen Mann zuwandte.

Die Kinder der getöteten Afghanin leben seitdem in einer Ausnahmesituation: die Mutter tot, der Vater ein Fremder, die Onkel im Gefängnis. Das Jugendamt hat sich der Geschwister angenommen und ihnen Rechtsanwalt Robert Weber zur Seite gestellt. Der Jurist, der auch Opferbeauftragter des Landes Berlin ist, vertritt den vierzehnjährigen Buben und dessen zehnjährige Schwester als Nebenkläger im Prozess. "Ich bemühe mich, die beiden durch dieses Strafverfahren zu lotsen und die Belastung so gering wie möglich zu halten", sagte Weber vor dem Prozessauftakt. Dazu gehöre, den Kindern zu erklären, was vor Gericht passiere. Aber es gilt auch, ihnen zu erläutern, was über dieses Verfahren berichtet und außerhalb des Verhandlungssaales spekuliert wird. Vor allem der Ältere sei neugierig und nutze die sozialen Medien, schildert der Anwalt.

Die Geschwister selbst sollen nach Möglichkeit nicht im Gerichtssaal sein - auch nicht als Zeugen. "Sie haben die Gewissheit, dass sie jederzeit anrufen können, wenn Fragen auftauchen", sagt Weber. Um den Kindern eine zusätzliche Belastung zu ersparen, wurden sie vorab bei einer Videovernehmung fast einen ganzen Tag lang befragt. Die angeklagten Brüder und deren Verteidiger nahmen von einem anderen Raum aus teil.

Das Video könnte im Prozess gezeigt werden - und den Kindern eine weitere Belastung ersparen. Die Verteidigung sieht dafür gute Chancen. Ansonsten geht sie von einem "langen und konfliktreichen Prozess" aus, wie Mirko Röder, Sprecher der Verteidigung des jüngeren Angeklagten, sagte. Aus seiner Sicht sei es angesichts der Beweislage schwierig, den Fall im Sinne der Anklage zu rekonstruieren. Vor allem kritisiert die Verteidigung die Staatsanwaltschaft, die den Fall öffentlich als einen Mord vermeintlich im Namen der Ehre eingestuft hatte. Das sei ein klarer Fall von Vorverurteilung. Die Brüder würden zunächst von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen.

Bisher hat der Vorsitzende Richter Thomas Groß bis zum 12. August 35 weitere Prozesstage geplant. Rund 50 Zeuginnen und Zeugen sowie sieben Sachverständige sind bisher benannt.

Berlins damalige Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) wandte sich nach der Tat gegen den "Ehrenmord"-Begriff und wollte lieber von "Femizid" sprechen. Damit stieß sie bei anderen Parteien auf Kritik - auch bei der inzwischen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD). Morde vermeintlich im Namen der Ehre erregten immer wieder deutschlandweit Aufsehen. In Berlin wurde 2005 die 23-jährige Deutschtürkin Hatun Sürücü von ihrem Bruder mit drei Schüssen getötet. Frauenrechtsorganisationen sprechen von zahlreichen derartigen Taten in jedem Jahr.

Aufgerufen am 20.05.2022 um 09:36 auf https://www.sn.at/panorama/international/schwester-getoetet-weil-sie-nicht-dem-frauenbild-entsprach-117798517

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